Expertenrat zum Leben mit Depressionen

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Dr. med. Elif Cindik-Herbrüggen (Foto: pr | nrw)

Was unterscheidet Niedergeschlagenheit von einer Depression? Wer hilft, wenn nichts mehr geht? Und wie kann ich Wartzeiten bis zu einem Termin beim Psychotherapeuten oder Psychiater überbrücken? So lauteten die Schwerpunkte beim Lesertelefon zum Thema Depression, bei dem die Experten zahlreiche Gespräche mit Betroffenen führten. Hier die wichtigsten Fragen und Antworten zum Nachlesen:

Deutschland (pr | nrw)

Wie finde ich heraus, ob ich „nur verstimmt“ oder an einer Depression erkrankt bin?

Priv.-Doz. Dr. med. Michael Landgrebe: Eine Depression lässt sich von einem Stimmungstief diagnostisch klar unterscheiden. Bei einer Depression müssen bestimmte Krankheitszeichen über mehr als zwei Wochen andauern. Die gedrückte Stimmung ist nur eines davon. Weitere Symptome sind Freud- und Interessenlosigkeit, permanente Erschöpfung, Schuldgefühle, Schlaf- und Appetitstörungen oder somatische Beschwerden wie Herzrasen oder Magen-Darm-Beschwerden. All dies wird von einem Gefühl der Ausweglosigkeit überlagert, oft verstärkt durch permanente Ängste, vor allem mit Blick auf die Zukunft. Hinzu kommen meist noch Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen. Wer diese Anzeichen an sich beobachtet, sollte unbedingt Kontakt zu einem Arzt aufsuchen.

Können Selbsttests helfen, eine Depression zu erkennen?

Dr. med. Thilo Hashemi: Sie können zumindest einen Anhaltspunkt liefern, ersetzen aber niemals die ärztliche Diagnose. Die meisten Selbsttests fragen Stimmungen und Gedanken ab, um sie mit Diagnosekriterien abzugleichen. Das Ergebnis ist als Tendenz zu werten. Einen Selbsttest finden Sie zum Beispiel im Internetangebot der Stiftung Deutsche Depressionshilfe oder auf der Website des Online-Therapieprogramms deprexis24.

Ist der Hausarzt für mich der richtige Ansprechpartner?

Dr. med. Jaroslav Malevani: In der Regel wird der Hausarzt Ihr erster Ansprechpartner sein. Gegebenenfalls wird er sie an einen Psychiater oder Psychotherapeuten überweisen, um eine für Sie geeignete Behandlung in Form von Medikamenten oder eine Psychotherapie einzuleiten.

Ich schaffe es ohnehin kaum, meinen Alltag zu bewältigen – und jetzt soll ich vier Monate auf einen Termin beim Psychotherapeuten warten…

Priv.-Doz. Dr. med. Michael Landgrebe: Die langen Wartezeiten auf einen Termin sind für Betroffene in der Tat ein Problem, vor allem in ländlichen Gebieten. Einen Lösungsansatz verfolgen Online-Therapieprogramme, die unter anderem auch Entspannungs- und Aufmerksamkeitsübungen enthalten und zu mehr Achtsamkeit und Selbstakzeptanz anregen. Grundsätzlich gilt aber für Online-Therapieprogramme, was für alle medikamentösen Therapien gilt: Die Wirksamkeit muss in gut kontrollierten Studien nachgewiesen sein.

Wie funktioniert ein solches Programm?

Dr. med. Elif Cindik-Herbrüggen: Die Wirkungsweise zeigt sich am Beispiel des Online-Therapieprogramms deprexis24, das einen virtuellen Dialog mit dem Nutzer führt, sich auf seine Angaben einstellt und individuell auf seine Antworten reagiert. Mithilfe des Programms kann der Nutzer verschiedene Online-Module beliebig oft durcharbeiten. Diese decken Themen ab, die auch in der klassischen kognitiven Verhaltenstherapie behandelt werden, zum Beispiel kognitive Aspekte der Depression, Entspannung, körperliche Aktivität oder soziale Kompetenz. Seine antidepressive Wirksamkeit hat das Programm in mehreren Studien wissenschaftlich nachgewiesen.

Was bedeutet „kognitive Verhaltenstherapie“?

Dr. med. Jaroslav Malevani: Die kognitive Verhaltenstherapie ist ein Ansatz der Psychotherapie und stellt eine sehr wichtige Säule in der Depressionsbehandlung dar. Bei leichten bis mittelgradigen Depressionen ist KVT das Therapieverfahren der Wahl. Sie zielt vereinfacht gesagt darauf ab, eingefahrene negative Denkmuster des Patienten schrittweise so zu verändern, dass an die Stelle von Hilflosigkeit wieder Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten treten kann. Ihre Wirksamkeit ist unter den psychotherapeutischen Ansätzen bisher am besten untersucht und nachgewiesen worden.

Aber kann denn ein Internet-Programm einen Therapeuten ersetzen?

Dr. med. Elif Cindik-Herbrüggen: Eine Depression ist eine ernsthafte, in schweren Fällen lebensbedrohliche Erkrankung, die von einem Facharzt behandelt werden muss. In der Regel geschieht dies durch eine Gesprächs- oder Psychotherapie, durch Medikamente oder eine Kombination aus beidem. Online-Therapieprogramme wie deprexis24 können auch dazu genutzt werden, um lange Wartezeiten zu überbrücken. Zusätzlich eignet sich das Programm auch als Ergänzung zur klassischen Psychotherapie, da es dem Patienten bereits eine Basis an Wissen und Grundfertigkeiten vermittelt und so komplexeren Problemlösungen in der Therapie mehr Raum gibt. Einige Online-Programme können zudem auch zusammen mit dem Therapeuten verwendet werden.

Zahlt meine Krankenkasse die Kosten für die Teilnahme an einem solchen Programm?

Dr. med. Thilo Hashemi: Die Erstattung von Online-Therapieprogrammen ist nicht grundsätzlich für alle Krankenkassen geregelt. So übernimmt zum Beispiel die DAK-Gesundheit für die bei ihr versicherten Patienten die Kosten für die Teilnahme an einem Online-Therapieprogramm. Als Betroffener sollte man daher bei seiner Krankenkasse direkt nachfragen, ob und welche Kosten übernommen werden.

Sind meine persönlichen Daten bei einem Online-Psychotherapieprogramm sicher geschützt?

Dr. med. Thilo Hashemi: Bei den mir bekannten Programmen, zum Beispiel deprexis24, ist der Datenschutz nach den Richtlinien des Bundesdatenschutzes sichergestellt. Die Anmeldung ist anonymisiert möglich. In wie weit dies für andere Programme gilt, ist im Einzelfall zu prüfen. Sie sollten sich vorab genau informieren, welches Programm für Sie infrage kommt – nach Möglichkeit in Absprache mit ihrem behandelnden Arzt.

Psychotherapie oder Medikamente: Was hilft besser?

Dr. med. Jaroslav Malevani: Die Frage lässt sich nicht pauschal beantworten. Vielmehr sind beide wirksame Säulen der Therapie von Depressionen. Welche Art der Therapie zur Anwendung kommt oder ob eine Kombination aus beiden angezeigt ist, hängt vom Einzelfall ab. Die heute eingesetzten Medikamente gehen gezielt gegen die Depression vor, indem sie den Stoffwechsel im Gehirn so beeinflussen, dass sich die Signalübertragung zwischen den Nervenzellen wieder normalisiert.

Ich habe Angst, dass die Medikamente meine Persönlichkeit verändern und abhängig machen…

Priv.-Doz. Dr. med. Michael Landgrebe: Anders als Beruhigungs- oder Schlafmittel führen Antidepressiva nicht zur Abhängigkeit. Und was die Befürchtung einer Persönlichkeitsveränderung betrifft: Es ist vielmehr die Depression selbst, die die Persönlichkeit verändert. Mithilfe einer erfolgreichen medikamentösen Behandlung können sich Patienten wieder so gesund fühlen wie vor ihrer Depression.

Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen.

Erste Hilfe bei Depressionen: Information und Unterstützung per Mausklick


Stiftung Deutsche Depressionshilfe
Mit dem Ziel, Depression zu erforschen, Betroffenen zu helfen und Wissen weiterzugeben wendet sich die Stiftung an Menschen mit einer Depression, an Angehörige und andere Interessierte. Auf ihrer Website bietet sie ein umfangreiches Spektrum an Informationen. Zusätzlich können Betroffene direkt mit der Stiftung und ihren Experten in Kontakt treten: über moderierte Online-Foren oder über das Infotelefon unter der kostenfreien Rufnummer 0800 33 44 533.

Online-Therapieprogramm
Um nicht weiter in die Depression abzugleiten, benötigen Betroffene schnelle Hilfe. Das Online-Therapieprogramm deprexis24 eignet sich zur Überbrückung von Wartezeiten sowie als Therapie-Unterstützung bei unipolaren Depressionen und depressiven Verstimmungen. Über drei Monate behandelt das Programm Themenkomplexe aus der kognitiven Verhaltenstherapie, um den negativen Gedankenkreislauf bei den Patienten zu durchbrechen. Das Programm ist als Medizinprodukt zertifiziert und hat seine Wirksamkeit in wissenschaftlichen Studien unter Beweis gestellt.


Die Experten am Lesertelefon waren:

• Dr. med. Elif Cindik-Herbrüggen; Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, Master of Public Health, Neuropsychiatrisches Zentrum Riem (NPZR), München
• Dr. med. Jaroslav Malevani; Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Chefarzt der Somnia Privatklinik Köln/Hürth
• Dr. med. Thilo Hashemi; Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie, NeurologiePsychiatrie Mettmann
• Priv.-Doz. Dr. med. Michael Landgrebe; Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der kbo Lech-Mangfall-Klinik, Agatharied
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