Von der Heilgymnastik zur Physiotherapie - Das Berufsbild im Wandel der Zeit

Physiotherapeutische Leistungen sind heute fester Bestandteil der Medizin. In vielen Bereichen der kurativen Medizin und Rehabilitation sind Physiotherapeuten wichtige Partner von Ärzten und Patienten. Aber auch in der Prävention und der Palliation sind ihre Leistungen gefragt.

(ZVK) Physiotherapeutische Leistungen sind heute fester Bestandteil der Medizin. In vielen Bereichen der kurativen Medizin und Rehabilitation sind Physiotherapeuten wichtige Partner von Ärzten und Patienten. Aber auch in der Prävention und der Palliation sind ihre Leistungen gefragt. Die Maßnahmen der Physiotherapie sind so alt wie die Medizin selbst. Bäder, Massagen und gymnastische Übungen wurden bereits von den alten Römern geschätzt. Doch erst im 19. Jahrhundert entwickelte sich die damals noch als „Heilgymnastik“ bezeichnete Therapie zu einem eigenständigen Berufsbild, das sich bis heute stark gewandelt hat.

Die Heilgymnastin als Helferin des Orthopäden

Der Orthopäde Albert C. Neumann bildete in den 1850er Jahren in Berlin die ersten Therapeutinnen nach dem Vorbild der Schwedischen Heilgymnastik aus. Im Jahr 1900 eröffnete Hermann Lubinus in Kiel die erste staatlich genehmigte Lehranstalt für Heilgymnastik. Die Ausbildung dauerte zwei Jahre. Die Heilgymnastinnen - damals noch ausschließlich Frauen - waren Hilfskräfte des Arztes und durften nur nach dessen Anordnung tätig werden. Das Heilpraktikergesetz von 1939 verdeutlichte dieses Bild: Die Krankengymnastin, auch medizinische Hilfsarbeiterin genannt, war Helferin des Orthopäden. Nach den beiden Weltkriegen stieg der Bedarf an physiotherapeutischen Leistungen aufgrund der vielen Kriegsversehrten deutlich an. Der Bedarf konnte durch die vorhandenen Fachkräfte nicht gedeckt werden. In Kurzlehrgängen geschultes Hilfspersonal kam zum Einsatz, was zu einem Qualitätsverlust in der Behandlung führte. Um diesen Missstand zu beheben, wurden Forderungen nach einem Schutz der Berufsbezeichnung und einer Interessenvertretung gegenüber Ärzten und Politik laut. Um den Interessen des Berufsstandes Gehör zu verschaffen und dem Berufsstand neues Ansehen in der Gesellschaft zu verleihen, schlossen sich 1949 die bestehenden Berufsverbände und Schulen zu einem Verein zusammen und gründeten den Zentralverband der krankengymnastischen Landesverbände im westdeutschen Bundesgebiet (ZVK). In den folgenden Jahren setzte sich der Verband intensiv für eine Anerkennung eines eigenständigen Berufsbilds in Abgrenzung zu anderen medizinischen Hilfsberufen ein.

Die Professionalisierung der Physiotherapie nimmt an Fahrt auf

1959 hatte dieser Einsatz endlich Erfolg und das erste bundeseinheitliche Berufsgesetz für Krankengymnasten trat in Kraft. Es regelte die schulische Ausbildung und die Erlaubnis zur Führung der Berufsbezeichnung „Krankengymnast“ nach bestandener Prüfung an einer staatlich anerkannten Schule. Die Bezeichnung „Physiotherapeut/in“ wurde im westdeutschen Bundesgebiet weiterhin verwehr. Mittlerweile gab es 16 Schulen im Bundesgebiet. Die fortschreitende Differenzierung der krankengymnastischen Tätigkeit in den unterschiedlichen medizinischen Fachgebieten führte zu ersten Spezialisierungen. In den 1970er Jahren überschwemmten private Anbieter den Ausbildungs- und Fortbildungsmarkt und verschärften das Problem fehlender Standards für die Aus- und Weiterbildung. Eine 1979 vom Deutschen Verband für Physiotherapie (ZVK) verabschiedete Berufsordnung der Krankengymnasten machte zwar Vorgaben zur Berufsausübung und Fortbildung, doch diese waren nicht verpflichtend. 1994 wurde die Berufsbezeichnung „Physiotherapeut“ deutschlandweit eingeführt und wie bisher die Berufsbezeichnung „Krankengymnast“ gesetzlich geschützt; eine neue Ausbildungs- und Prüfungsverordnung trat in Kraft. Heute bieten circa 270 Berufsfachschulen eine Ausbildung zum Physiotherapeuten an (Stand: 2013). Ein entscheidender weiterer Schritt in der Professionalisierung wurde durch den Aufbau von Studiengängen in der Physiotherapie beschritten. In 37 Bachelor- und 15 Masterstudiengängen (Stand: August 2013) kann parallel zur und nach der fachschulischen Ausbildung ein akademischer Abschluss in der Physiotherapie erlangt werden. Zehn weitere Studiengänge laufen in Kooperation mit ausländischen Hochschulen. Durch eine Änderung im Berufsgesetz sind seit 2009 auch primärqualifizierende Studiengänge in Deutschland möglich, in denen sowohl der akademische Titel (Bachelor) als auch die Berufszulassung erlangt
werden können.

Physiotherapeuten als Partner für Ärzte und Patienten

Die rund 120.000 Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten in Deutschland sind heute längst keine „Helfer der Orthopäden“ mehr, sondern arbeiten eigenverantwortlich und in enger Kooperation mit Ärzten verschiedener Fachgebiete. Die Aufgabenfelder eines Physiotherapeuten umfassen die medizinischen Bereiche der Prävention, Kuration, Rehabilitation und Palliation. Gestützt auf die medizinische Diagnose des Arztes erstellt der Physiotherapeut seinen Befund und entwickelt gemeinsam mit dem Patienten individuelle Behandlungspläne, um Störungen der Gesundheit zu beseitigen sowie Funktionen und Fähigkeiten zu erhalten, wiederherzustellen und zu verbessern. Darüber hinaus wird der Physiotherapeut eigenverantwortlich in der Prävention zur Vermeidung von Gesundheitsstörungen tätig. Diese Eigenverantwortlichkeit soll zukünftig auch in der kurativen Versorgung von Patienten zum Tragen kommen, von daher fordert der Deutsche Verband für Physiotherapie (ZVK) den Direktzugang des Patienten zum Physiotherapeuten.
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