Bretten: Viel Verkehr und wenig Konsens

Ein Gesamtverkehrskonzept soll in Bretten neben dem Auto- auch den Radverkehr umfassen.
 

Das Thema Gesamtverkehrskonzept sorgt in der Melanchthonstadt auch weiterhin für viele Diskussionen.

Bretten (swiz) Mit ihrem Antrag, die Brettener Verwaltung mit der Aufstellung eines Gesamtverkehrskonzeptes zu beauftragen, ist die Grünen-Fraktion in der letzten Sitzung des Gemeinderats vor der Sommerpause knapp gescheitert. Doch das Thema sorgt auch noch eine Woche nach der Sitzung für Diskussionen unter Politikern und Bürgern. So sei man ja grundsätzlich für ein solches Gesamtkonzept, betonte Stadtrat Günter Gauß (CDU) und habe das OB Martin Wolff auch so mitgeteilt. Dieser wolle ein solches Konzept auch in die Haushaltsklausur 2018 einbringen. In der jüngsten Sitzung des Rats sei es seiner Fraktion aber vor allem darum gegangen, eine möglichst große Mehrheit für den vorgelegten Beschlussantrag zu bekommen. Mit diesem, dann mehrheitlich angenommenen Antrag wurde vereinbart, ein Schreiben an das baden-württembergische Verkehrsministerium zu richten, in dem die Stadt vom Ministerium fordert, die B294-Ortsumgehung in seiner im Herbst vorgesehenen Vergabe einer Rangfolge für alle 67 Projekte des Bundesverkehrswegeplans möglichst weit vorne zu platzieren. „Je mehr Einigkeit wir da erzielen, mit um so mehr Wucht kommen wir auch zum Ministerium nach Stuttgart”, so Gauß.

"Die CDU denkt rein autoorientiert"

Hatten die Grünen den Brief nach Stuttgart zu Beginn noch durch ihren Antrag auf ein Gesamtverkehrskonzept ersetzen wollen, schwenkte die Fraktion dann auf die Option Ergänzungsantrag um. „Wir wollten das eigentlich richtige Vorgehen, umfassende Entlastung vom Autoverkehr, gleichrangig auf dem Tisch haben”, so Fraktionssprecher Otto Mansdörfer. Diese gleichrangige Behandlung verwässere aber den wichtigen Beschlussantrag befürchtete die CDU. In der Folge wurde der Beschlussantrag, in dem auch eine Variantenuntersuchung gefordert wird, die nicht nur die Südwesttangente umfasst, mehrheitlich angenommen, der Grünen-Antrag mit 13 gegen elf Stimmen abgelehnt. Das Konzept der B294-Ortsumgehung sehen die Grünen auch weiterhin äußerst kritisch. „Wir sind eindeutig gegen eine Umgehung über den Rechberg. Sie kann nur 20 Prozent des Verkehrs auf der Wilhelmstraße aufnehmen, bringt also für das Hauptverkehrsaufkommen in Bretten, den Ziel-, Quell- und Binnenverkehr, keinerlei Verbesserung”, sagte Mansdörfer. Die CDU denke rein autoorientiert, „aus ihrer Sicht helfen gegen Verkehrsbelastung nur neue Straßen. Wir wollen den Menschen Angebote machen, auch mal anders von A nach B zu kommen, als mit dem Auto”, so Mansdörfer.

Antrag der CDU für Gesamtkonzept wurde ebenfalls abgelehnt

Einen früheren Antrag der CDU, ein von den Grünen gefordertes Radverkehrskonzept in ein Gesamtkonzept zu integrieren, hatte die dreiköpfige Rats-Fraktion allerdings noch abgelehnt. Das sei sehr ärgerlich gewesen, so Gauß. Man müsse die CDU an ihren Taten messen, entgegnet Mansdörfer. „Wir erleben die Christdemokraten in der Gemeinderatsarbeit so, dass sie jeden Fußbreit für den Autoverkehr mit Zähnen und Klauen verteidigt, Rad- und Fußverkehr eher für Spielkram hält und den ÖPNV als eine Einrichtung für Leute sieht, die sich kein Auto leisten können.” Eine Zustimmung zum CDU-Änderungsantrag Gesamtverkehrskonzept hätte deshalb bedeutet, dass das Radverkehrskonzept „im automobilen Gesamtkonzert untergeht”, so Mansdörfer.

"Ausbau des Radverkehrs hat das größte Potential"

Dabei habe vor allem der Ausbau des Radverkehrs das größte Potential. „40 Prozent aller Autofahrten sind kürzer als fünf Kilometer. Wenn es gelingt, von diesen nur ein Viertel zum Radverkehr herüberzuholen, haben wir in der Kernstadt täglich 5.000 Autofahrten weniger. Die Entwicklung der Pedelecs oder E-Bikes vergrößert dieses Verlagerungspotential noch weiter, vor allem im hügeligen Kraichgau”, ist sich Mansdörfer sicher. Ziel sei es aber eindeutig nicht, die Autos aus der Innenstadt zu verbannen. „Es geht vielmehr darum, von der ausschließlichen Autonutzung für alle Wege, die man täglich zurücklegt, runterzukommen.”

"Wie wenn man den Blutfluss eines Leistungssportlers zum Stillstand bringen wollte"

Bürgermeister Michael Nöltner sieht ebenfalls Potentiale bei den Pedelecs und E-Bikes, schränkt aber ein: „Ich fahre selbst gerne Rad oder laufe zu Fuß, gerade deshalb weiß ich aber auch um die Begrenztheit dieser Fortbewegungsarten. Anzug und Fahrrad geht eben nicht bei jedem Wetter gut. Trotzdem glaube ich, dass mit zunehmendem Komfort durch unterstützende Elektromotoren der Radleranteil am Gesamtverkehrsaufkommen erhöht werden kann.” Da der Gesamtverkehr aber auch zunehme, glaube er nicht an zweistellige Steigerungsraten, so Nöltner. Zudem ziehe ein Mittelzentrum natürlich auch Menschen aus dem Umland an. „Und die kommen eben nun mal nicht nur mit dem Fahrrad”, so Nöltner. Daneben habe man in Bretten viele Firmen, die mit Waren beliefert werden müssten und bei denen fertige Waren abzuholen seien. „Deshalb lässt sich Ziel-, Quell-, und Binnenverkehr in einer Stadt, die lebt und prosperiert, nur lenken und geschickt verteilen, nicht aber verhindern. Das wäre, wie wenn man den Blutfluss eines Leistungssportlers zum Stillstand bringen wollte.”

Bürgerinitiative ist "für die Sache"

In der Runde des „Stuhlkreises Verkehr in Bretten” sitzt auch die Bürgerinitiative Verkehrsentlastung. Die BI sieht eine Umgehung, ähnlich wie die Grünen, kritisch. Diese würde nur 1,2 bis 1,9 Prozent des Schwerlastverkehrs aus der Stadt heraushalten. Schwerpunkt bleibe aber mit 90 Prozent der Ziel-, Quell- und Binnenverkehr. Seit ihrer Gründung muss sich die BI allerdings oft dem Vorwurf der angeblich rein egoistischen Ziele ihrer Mitglieder erwehren. „Wir sind für die Sache”, hält BI-Mitglied Katrin Breuer dagegen. Die BI wolle das Thema Gesamtverkehrskonzept in die öffentliche Diskussion bringen. Das habe man geschafft, so Breuer. „Die Ablehnung des Grünen-Antrags hat uns eigentlich nur darin bestärkt weiter zu machen.” Die BI wolle nun ein Ideenpapier entwickeln, dieses den Bürgern und der Verwaltung vorstellen und darüber diskutieren. „Dabei erwarten wir vor allem auch eine gesprächsbereite Verwaltung”, so Breuer.

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