Kümmerer: Wo sind die Brettener Jugendlichen hin?

Ein Supermarkt im Süden sei besonders bekannt dafür, dass sich dort junge Leute mit Alkohol eindeckten, sagt Kümmerer Hans Schmitt.
 
15 Jahre lang leistete Hans Schmitt einen wertvollen Beitrag zur präventiven Jugendarbeit.
 
Abgeschlossen: Jugendliche erhalten zu dieser Hütte nicht mehr ohne weiteres Zugang.

Mit großem Engagement leistete der Jugendbeauftragte der Stadt Bretten Hans Schmitt, auch Kümmerer genannt, 15 Jahre lang einen wertvollen Beitrag zur präventiven Jugendarbeit. Doch in den letzten Jahren traf er auf seinen Touren immer weniger Jugendliche an. Wo sind die Brettener Jugendlichen hin?

Bretten. (wh) Freitagabend, 18.30 Uhr – der ehrenamtliche Jugendschutzbeauftragte Hans Schmitt dreht seine Runde. Der als „Kümmerer“ bekannte pensionierte Polizeibeamte fährt seit 15 Jahren an bekannte Plätze, an denen Kinder und Jugendliche ihre Freizeit verbringen. Vor allem, ob sie Alkohol trinken, will der 72-Jährige herausfinden. „Ich versuche, mäßigend auf die jungen Leute einzuwirken“, so Schmitt. Jetzt aber, kurz vor seinem 73. Geburtstag, wird er sich zu Ruhe setzen und sein Ehrenamt aufgeben. Ob es einen Nachfolger geben wird, weiß derzeit noch niemand. Schmitt hofft es.

Auf seiner Runde trifft er dieses Mal, wie so oft in der letzten Zeit, nicht viele Jugendliche. Am etwas versteckten Bolzplatz in der Bahnhofsstraße sitzen drei Jugendliche: ein knutschendes Pärchen und ein weiteres Mädchen. Sie haben keinen Alkohol dabei. Auf dem Platz liegen allerdings viele Kronkorken herum. Dort säßen sehr oft „alte Männer mit Bier“ bestätigen die drei jungen Leute auf Nachfrage. Die Arbeit des Kümmerers finden die Jugendlichen gut. Dass sich an dem Platz Trinker tummeln, obwohl hier auch kleine Kinder spielen, weniger. „Das finde ich asozial“, sagt eines der Mädchen. Nach dem kurzen Gespräch geht es für den Kümmerer weiter, nicht ohne die Aufforderung an die Freundin, auf das knutschende Pärchen aufzupassen. „Die sind noch zu jung für sowas“, bemerkt Schmitt.

"City YouthContact" als Verstärkung

Bereits während seines Polizeidienstes hat Schmitt spezielle Schulungen für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen absolviert. Schmitt betreibt außerdem in der Kupferhälde einen Jugendtreff. Dort können die Jugendlichen Tischtennis und Billard spielen. Ab Januar ist es damit aber erst einmal vorbei, solange es keinen neuen Kümmerer gibt. Übergangsweise zieht erst einmal eine Kindergartengruppe in die Räume ein.
Früher leitete Schmitt auch eine Pfadfindergruppe, mit der er viele Ausflüge und Reisen, einmal sogar bis nach Schottland, unternahm. Vom Bolzplatz geht die Tour schließlich weiter zum Bahnhof. Dort sei aber nichts mehr los, seitdem der Aufenthaltsraum geschlossen wurde, berichtet der „Unruheständler“. Er sieht sich nur kurz um und wartet dann auf einen seiner ehemaligen Pfadfinder, die sich heute ehrenamtlich engagieren und den Kümmerer bei seinen Runden begleiten. Sie können ihm hilfreiche Tipps geben, wo sich Jugendliche treffen.

Als Student Martin hinzukommt, übernimmt dieser die Dokumentation der abgefahrenen Stationen. Er studiert Wirtschaftspädagogik in Stuttgart. Die Arbeit sehe im Lebenslauf gut aus, sagt er und hat bereits eine Bestätigung für sein Engagement bekommen. Zusammen mit seiner „City Youth Contact“-Verstärkung fährt der Kümmerer die bekannten „Hot Spots“ in den Stadtteilen ab.

Nur Sport, kein Alkohol

Auf dem Bolzplatz bei der Lebenshilfe sitzt eine große Gruppe junger Männer. Sie sind alle über 18, also erwachsen und damit nicht mehr Schmitts Zielgruppe. Aber auch sie haben keinen Alkohol dabei, sondern nur einen Basketball. Dokumentiert werden sie trotzdem. Ende jedes Jahres schreibt Schmitt einen Bericht für den Gemeinderat.Dieses Jahr steht darin, dass sich der Trend fortsetze, dass immer weniger Jugendliche an öffentlichen Plätzen mit Alkohol anzutreffen seien. Nur viermal habe es Feststellungen gegeben, was weniger als ein Prozent der Einzelkontrollen – 463 an der Zahl – entspreche.
In den letzten Jahren hätten die Treffen von Jugendgruppen stark nachgelassen, bestätigt Schmitt. Auch sein Jugendtreff würde weitaus weniger frequentiert. Vor etwa vier Jahren seien noch bis zu 40 junge Leute in den Treff gekommen. Deswegen macht er auch nur noch ein bis zweimal im Monat auf. Schmitt legt diese Entwicklung aber durchaus positiv aus. „Es kommen sogar Jugendliche aus Eppingen und Bruchsal nach Bretten, weil es hier so ruhig ist“, berichtet er.

Dann holt Schmitt Daniel ab. Der Azubi engagiert sich wie Martin und ist ebenfalls ein ehemaliger Pfadfinder. „Ich weiß nicht, ob ich eine große Wirkung habe, aber ein bisschen Präsenz kann man schon zeigen. Wir Älteren sind ja auch Vorbilder“, erklärt er seine Motivation.

Nach etwa der Hälfte der Tour verabschiedet sich Martin. Er ist mit einer Freundin verabredet. Dann geht es weiter durch die Kernstadt. Scherben hinter dem Jobcenter verraten, dass hier jemand war, aber waren es auch Jugendliche? Auch auf dem Skaterplatz Im Grüner ist niemand zu sehen. Nur auf dem Volleyballfeld nebenan spielt eine Familie. „Früher wurden hier Partys mit 40 bis 50 Leuten gefeiert“, erinnert sich der Kümmerer. Auf einem Spielplatz am Steiner Pfad wurde eine Hütte wegen Beschwerden der Anwohner geschlossen. Dort sollen früher Jugendliche gesessen und gefeiert haben. Schmitt spricht mit dem Anwohner eines Spielplatzes Am Husarenbaum. Der erzählt, er habe bereits wegen alkoholisierter Jugendlicher die Polizei rufen müssen. Heute sind aber keine da.

„In der Kupferhälde leben die meisten Jugendlichen, denn dort sind besonders junge Familien hingezogen“, informiert Schmitt. Darum hat er auch dort sein Jugendzentrum eingerichtet. Doch selbst an der berüchtigten Spielscheune, die wohl vor einiger Zeit für Unmut unter den Anwohnern gesorgt hat, weil das laute Donnern der Bälle gegen die Scheunenwand für enormen Krach gesorgt haben soll, spielen heute nur ein kleiner Junge und ein Mädchen.

"Ab und zu wird mal einer pampig"

Wo sind die Brettener Jugendlichen hin? Schmitt vermutet eine Generationslücke. Die Älteren würden jetzt in Discos gehen oder zuhause feiern , die Jüngeren seien noch nicht alt genug, um draußen „abzuhängen“. „In zwei oder drei Jahren wird man neue Betreuung für die nächste Jugendgeneration brauchen“, prophezeit Schmitt. „In zwei oder drei Jahren wird man neue Betreuung für die nächste Jugendgeneration brauchen“, prophezeit Schmitt. Statistisch gesehen bleibt die Zahl der Neugeborenen in Bretten aber seit Jahren konstant. Etwa tausend Jugendliche im Alter zwischen 15 und 18 leben hier, in einem Jahr sind mal 50 mehr, mal 100 weniger.
Vielleicht ist es auch einfach noch zu früh, um die Jugendlichen an ihren Treffpunkten aufzufinden. Nach 22 Uhr möchte der Kümmerer allerdings nicht mehr auf Tour gehen.

Wirklich schlechte Erfahrungen habe der Kümmerer noch nie gemacht, obwohl er festgestellt habe, dass die Jugendlichen immer frecher würden. „Ab und zu wird mal einer pampig“, so der gebürtige Karlsruher, der seit 41 Jahren in Bretten lebt. Was er täte, wenn er auf einen schwer betrunkenen Jugendlichen träfe? „Dann würde ich einen Krankenwagen oder die Polizei rufen“, antwortet der Kümmerer. Aber auch das sei bisher noch nie vorgekommen. Allerdings bittet er schon mal Freunde eines Betrunkenen, diesen nach Hause zu bringen.
Das sind ermutigende Worte für einen eventuellen Nachfolger. Diesen wünscht sich Schmitt dringend.

Kurz nach 21 Uhr - Bilanz des Abends: wenig Jugendliche und junge Erwachsene, kein Alkohol. Und dann doch: Am Rande des Parkplatzes eines Supermarktes sitzt eine Gruppe, die Alkohol dabei haben. Es ist Student Martin mit ein paar Freunden – aber sie sind ja alle volljährig.
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