In Kunst schwelgen: Eindrücke von der art KARLSRUHE 2017

Floating Villages: Der spanische Bildhauer Fernando Suárez Reguera erweist sich im persönlichen Gespräch als unterhaltsamer Zeitgenosse. Foto: ch
 
Riesenrochen und Jet-Fisch: Die lackglänzenden Racing-Skulpturen des langjährigen Formel-Eins-Mechanikers Alastair Gibson erregen Aufssehen. Foto: ch
 
Bezaubernde Umarmung: Keramikfiguren von Wanda Stang. Foto: ch
Rheinstetten: art KARLSRUHE |

(ch) Schönes und Provozierendes, Feines und Grobes, Humorvolles und Phantastisches - ein Rundgang über die Karlsruher Kunstmesse ist immer gut für Entdeckungen.

Ob über junge Malerei, alte Meister oder berührende Skulpturen, es gibt viel zu erzählen, was kunstbegeisterte Menschen in Europa, Asien, Amerika oder Australien an überraschenden Neuschöpfungen präsentieren, mit welchen Augen sie die gegenwärtige Welt wahrnehmen und welche künstlerischen Lösungen sie anbieten.

Provokation, die sich bezahlt macht

Nach der Pop-Ikone nun der Trash-Hero: Präsidenten-Bashing ist dank Mister T. wieder „in“ in der Kunstwelt. Ob mit Banane im losen Mundwerk oder in bekannter Lautsprecherpose, der Neue im Weißen Haus eignet sich offenbar bestens als Spottvorlage. Thomas Baumgärtels „USAPE“ wurde sogar die Ehre zuteil, von Twitter zensiert zu werden, erzählt stolz Peter Klemm, Mann der Wiesbadener Galeristin Erika Davis Klemm. Eine Provokation, die sich bezahlt macht: Das Bild war bereits am ersten Publikumstag auf der art verkauft.
Auch andere „Machthaber“ wie der Neo-Sultan aus der Türkei oder der längst verblichene Sonnenkönig - von Adam Karamanlis mit Schafskopf ausgestattet - bekommen ihr Fett weg. Dass man sich sogar über Terroristen lustig machen kann, demonstriert der Kärntner Maler Peter Kohl mit „the hollow men“, einem vermummten Hirschzentaur mit Kalaschnikov in naiver Kinderzimmer-Wand-Gekrakel-Manier.

Von Galeristen und "Zugpferden"

Der erste Tag ist Sammlertag auf der art Karlsruhe. Da zeigt es sich, ob man als Aussteller auf die richtigen Künstler gesetzt hat: Sabine Puschmann ist so ein heller Stern am Galeristenhimmel. Ihre in sommer-satten Hellblau-, Dottergelb- und Rottönen gehaltenen Abstraktionen sind gefragt. „Wichtig ist, dass man mindestens ein Zugpferd am Stand hat“, erläutert ihr Galerist Hargen Depelmann aus Langenhagen. Er ist von Anfang an auf der art Karlsruhe dabei. Die Kosten für einen Messeauftritt, lässt er durchblicken, gingen schließlich in die Zehntausende. Ein Gradmesser des Publikumsinteresses für einen bestimmten Künstler sind Katalogverkäufe. Nicht jeder Kollege ist in Depelmanns bequemer Position, schon am ersten Messetag einen stolzen Betrag mit Katalogen umgesetzt zu haben.

Chromblitzende Formel-Eins-Kunst

Gut im Geschäft sein dürfte auch Galerist Christian Marx aus Düsseldorf mit Werken von Alastair Gibson. Der ehemalige Formel-Eins-Chefmechaniker des Benetton-Teams begann einst, wie sein Galerist erzählt, in Recyclingmanier aus Fahrzeugteilen der Rennschlitten dekorative Eigenkreationen zu basteln. Seit die ihm von Fahrerlegenden wie Jenson Button und anderen Formel-Eins-Promis aus den Händen gerissen werden, hat der Südafrikaner Gibson den Niederungen des F-1-Zirkus Lebewohl gesagt und widmet sich ganz seinen phantastischen chrom- und lackblitzenden Racing-Zwittern: überdimensionale Rochen, Hammerhaie und Piranhas.

Wo man mit den Künstlern ins Gespräch kommt

Doch nicht nur mit glänzenden Oberflächen kann man Aufsehen erregen, wie Fernando Suárez Reguera beweist. Seine tonnenschweren, aus rostigem Baustahl zusammengeschweißten „Floating“ und „Transverse Villages“ hat der aus dem spanischen Oviedo stammende Bildhauer auch schon auf der Uferpromenade von Panama City präsentiert. Wie Suárez, der sich im persönlichen Gespräch als unterhaltsamer Zeitgenosse erweist, freut sich auch sein französischer Kollege Vitzko über Interesse an seinen mal poetischen, mal expressiven Kleinplastiken und posiert gern für ein Pressefoto.

Fotografieren verboten - aber nicht für alle

An anderen Ständen reagiert man empfindlicher auf Fotoblitze: Wofür man denn knipse, erkundigt sich die Freiburger Galeristin Robyn Kelch und deutet auf den Fotografierverbot-Aufkleber. Ach, Presse, dann ist´s kein Problem. „Sie glauben gar nicht, wie schamlos die Leute kopieren“, klagt sie über „malende Hausfrauen“, dilettierende Rentner und Hersteller billiger Gebrauchskunst-Massenware. Die von ihr vertretenen Aboriginal-Künstler hätten eine leidvolle Geschichte von gestohlenem geistigem Eigentum zu erzählen. Dann erläutert sie bereitwillig die leicht mit Didgeridoos zu verwechselnden Baumsärge, die Ahnen-Stelen und Geistwesen, deren meist blasse Bemalung meditative Muster beschwört.

Überraschendes und Humorvolles

Bei einem einigermaßen systematisch eingeteilten Rundgang kann man immer wieder auch Überraschendes entdecken, das auf den ersten Blick weniger auffällig daher kommt. Zum Beispiel die zauberhaften Keramikfiguren der 32-jährigen Wanda Stang: zwei asiatische Mädchen, „Helin und Ayzit“, in inniger Umarmung. Oder die grob geschnitzten und mit Ei-Tempera ebenso grob kolorierten Porsche- und Borgward Isabella-Cabrio-Pärchen, sie meist mit wehenden Haaren, von Raimund Göbner. Humor in seinen vielfältigen Spielarten spielt eine nicht zu unterschätzende Rolle in der Kunstszene: Sei er aus einem liebevollen Blick auf kleine Alltagsschwächen erwachsen wie bei Raimund Göbner, politisch motiviert wie beim erwähnten Thomas Baumgärtel, von grimmigem Kulturskeptizismus getrieben wie bei den an Goya erinnernden, üppigen Gemäldeszenen des Chinesen Yongbo Zhao („Unter den Flügeln des Glaubens lebt gut der Tod“) oder getragen von hintergründiger Melancholie wie bei den kleinen Terracotta-Figurengruppen von Werner Lehmann à la „Es ist kalt geworden“.

Neue Techniken auf dem Vormarsch

Zum Schluss noch ein Wort zur Technik. Digitalisierung und neue Medien sind natürlich nicht erst seit gestern auch in der Kunst auf dem Vormarsch. Aber es fällt doch auf, dass die Grenzen zwischen den Ausdrucksformen fließender zu werden scheinen. Ein Beispiel ist Marina Sailers phantastisch-surreales Monumentalgemälde „Reise zum Mittelpunkt der Erde“, in dessen Zentrum ein kleines flimmerndes Display quasi ein Fenster in noch fernere Weiten aufstößt. Unübersehbar auch die sich immer mehr durchsetzende Präsentationsform der Lichtkästen. Der Japaner Hiroyuki Masuyama zum Beispiel nutzt kleine, mit Miniatur-Dioden ausgerüstete Plexiglasscheiben, um darauf seinen Verfremdungen von William Turner-Aquarellen eine neue, eigenständige Geltung zu verschaffen. Was auf den ersten Blick verborgen bleibt: Bis zu 150 Fotos oder Teile davon montiert der Künstler über- oder ineinander, berichtet eine Mitarbeiterin der luxemburgischen Galeristin Marita Ruiter. So lange, bis ein völlig neues Werk entsteht, das aber in seiner Anmutung immer noch die typisch lichtdurchflutete Atmosphäre des ursprünglichen Turner-Aquarells ausstrahlt. Da kann man nur sagen: meisterhaft.


Alle Fotos: ch
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