Gürtelrose – so wird sie behandelt, so lässt sie sich vermeiden

(Foto: Shutterstock/Tatiana Shepeleva)
(pr-nrw) Ein Erreger – zwei Erkrankungen: Zuerst verursacht das Varizella-Zoster-Virus – meist in der Kindheit – die Windpocken. Dann „schlummert“ das Virus in Nervenzellen und kann nach Jahrzehnten als schmerzhafte Gürtelrose erneut ausbrechen. In Deutschland erkranken rund 400.000 Menschen jährlich an „Herpes Zoster“. Gefürchtet ist die Gürtelrose vor allem wegen der möglichen Komplikationen, allen voran die Post-Zoster-Neuralgie: Die dauerhaften, extrem starken Nervenschmerzen beeinträchtigen die Lebensqualität der Betroffenen und können die Behandlung in spezialisierten Einrichtungen erforderlich machen. Was offenbar nur Wenige wissen: Ebenso wie gegen die Windpocken kann man sich gegen die Gürtelrose impfen lassen. Mehr über die Erkrankung, mögliche Therapien und die vorbeugende Impfung konnten Interessierte am Lesertelefon erfahren. Hier die wichtigsten Fragen und Antworten in der Zusammenfassung.

Was ist die Ursache der Erkrankung und wer ist besonders gefährdet?

Dr. med. Dipl. Lic. Psych. Johannes Horlemann: Bei der Gürtelrose muss man zwischen Ursache und Auslöser unterscheiden: Ursache der Erkrankung ist die Reaktivierung von Varizella-Zoster-Viren, die sich nach einer überstandenen Windpockenerkrankung über Jahrzehnte in Nervenzellen nahe des Rückenmarks einnisten und irgendwann reaktiviert werden können. Auslöser für die Reaktivierung sind vor allem ein geschwächtes Immunsystem oder schlicht das fortgeschrittene Lebensalter: Zwei Drittel der Betroffenen sind älter als 50 Jahre; bei Menschen über 85 hatte jeder Zweite im Laufe seines Lebens eine Gürtelrose. Doch nicht nur das Alter schwächt die Immunabwehrkraft, auch bestimmte Medikamente, eine Autoimmun- oder Tumorerkrankung, eine HIV-Infektion, Diabetes oder eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung erhöhen das Risiko für eine Gürtelrose.

Was sind erste Anzeichen und was kann ich tun?

Dr. med. Jutta von Gierke: Noch bevor der Hautausschlag auftritt, zeigen sich Symptome wie Kopfschmerz, Abgeschlagenheit, Lichtempfindlichkeit, gelegentlich auch leichtes Fieber. Hinzu können Schmerzen an den Körperstellen kommen, an denen später die typischen Bläschen auftreten. Mit ihnen beginnt die Akutphase. Die rötlich entzündeten, prall gefüllten Bläschen treten in den Regionen auf, die von dem betroffenen Nerv versorgt werden. Meist ist der Rumpf von der Wirbelsäule her nach vorne betroffen, in etwa 20 Prozent der Fälle Kopf oder Gesicht. Bei den ersten Anzeichen sollten Sie einen Arzt aufsuchen. Je früher die Behandlung beginnt, umso besser lassen sich Hautausschlag und Schmerzen in den Griff bekommen – und weitere Komplikationen vermeiden.

Wie verläuft die Erkrankung und warum dauern die Schmerzen oft so lange an?

Dr. med. Michael Küster: Bei einem normalen Krankheitsverlauf heilen die Bläschen innerhalb von wenigen Wochen ab und mit ihnen verschwindet auch der Schmerz. In rund einem Drittel der Fälle kommt es aber zu einer so genannten Post-Zoster-Neuralgie (PZN). Das sind über Monate, teilweise Jahre bis lebenslang andauernde starke Nervenschmerzen, die sich als Dauerschmerz, einschießender Schmerz oder heftiger Berührungsschmerz äußern. Ursache ist eine durch die Virusaktivität hervorgerufene Nervenschädigung. Die Folgen der chronischen Schmerzen sind gravierend und körperlich sowie seelisch eine enorme Belastung. Das Risiko einer PZN steigt übrigens mit dem Alter an.

Ist eine Gürtelrose ansteckend?

SanRat Dr. med. Oliver Emrich: Menschen, die nicht gegen Windpocken geimpft sind oder sie nicht bereits „durchgemacht haben“, können sich bei einem Patienten mit Gürtelrose mit dem Varizella-Zoster-Virus anstecken. Sie können dann an Windpocken erkranken, was mit zunehmendem Alter mit einem wachsenden Risiko an schweren Verläufen verbunden ist. Wie bei den Windpocken endet die Ansteckungsgefahr erst wenn die letzten Bläschen verkrustet sind. De facto haben aber die meisten Menschen Windpocken in ihrer Kindheit gehabt oder sind geimpft, so dass die Gefahr gering ist – außer eben für ungeimpfte Babys.

Wie wird eine Gürtelrose behandelt?


Dr. med. Dipl. Lic. Psych. Johannes Horlemann: Die Therapie verfolgt das Ziel, den Krankheitsverlauf zu verkürzen und die Belastung des Patienten durch Schmerzen und Hautausschlag in Grenzen zu halten. Zusätzlich sollen Komplikationen wie eine PZN und die Ausweitung des betroffenen Gebiets möglichst vermieden werden. Dazu setzen wir antiviral wirkende Medikamente ein, um die Virusreplikation zu hemmen. Zusätzlich können Medikamente zur Behandlung des Hautausschlags zum Einsatz kommen. Wichtig ist aber auch die Behandlung der Schmerzen: Heute behandeln wir den Gürtelrose-Schmerz von Anfang an wie einen neuropathischen Schmerz und setzen entsprechende Medikamente ein.

Wie sieht die Therapie aus, wenn es zu einer Post-Zoster-Neuralgie kommt?

SanRat Dr. med. Oliver Emrich: Im Mittelpunkt steht dann eine auf den Patienten und „seinen“ speziellen Nervenschmerz ausgerichtete Schmerztherapie. Das Spektrum einer solchen intensivierten Schmerztherapie umfasst eine große Bandbreite an Medikamenten – von lokal angewendeten Anästhetika über Opioide bis zu Antiepileptika und Antidepressiva, die die Schmerzleitungsgeschwindigkeit reduzieren können. Das Ziel ist es, eine mindestens 30-, besser 50prozentige Schmerzlinderung zu erreichen, gleichzeitig aber mögliche Nebenwirkungen der Medikamente so gering wie möglich zu halten. Die medikamentöse Therapie kann von ergänzenden Verfahren zur Schmerz- und Stressbewältigung oder psychotherapeutischen Verfahren ergänzt werden. Wegen der speziellen Anforderungen gehört die Therapie der PZN unbedingt in die Hände eines Schmerzspezialisten.

Kann eine Gürtelrose auch dauerhafte Schädigungen und Beeinträchtigungen mit sich bringen?

Norbert Schürmann: In schweren Fällen – insbesondere, wenn Kopf- und Gesicht betroffen sind – kann eine Gürtelrose Schädigungen an Hörnerv oder Innenohr, eine Gesichtslähmung oder durch Manifestation an den Augen (Zoster ophthalmicus) eine schwere Einschränkung der Sehfähigkeit hervorrufen. Hinzu kommen kosmetische Spätfolgen durch die Narbenbildung, besonders im Bereich des Gesichts. Bei Men¬schen mit Immunschwäche, also beispielsweise aufgrund chroni¬scher Krankheiten wie AIDS, Krebs oder einer fortgeschritte¬nen Stoffwech¬selstörung wie Diabetes mellitus, kann sich die Gürtelrose auch weiter ausbreiten. Sie ist dann nicht mehr auf ein Areal begrenzt, sondern tritt an mehreren Stellen auf. Diese Komplikation wird Zoster generalisatus genannt. Die Patienten müssen unbedingt statio¬när auf¬genommen und intensivmedizinisch betreut werden. Auch wenn solche Fälle eher selten sind, zeigen sie doch, dass man eine Gürtelrose niemals auf die leichte Schulter nehmen sollte – und wie wertvoll ein Impfschutz sein kann.

Wer sollte sich gegen eine Gürtelrose impfen lassen?

Dr. med. Michael Küster: Da fast jeder Erwachsene über 50 das Varizella-Zoster-Virus in sich trägt und das Erkrankungsrisiko mit zunehmendem Alter steigt, sollte ab diesem Alter jeder eine Impfung in Erwägung ziehen. Das gilt besonders für Menschen, deren Immunsystem beeinträchtigt ist. Vor allem Tumorpatienten haben ein besonders hohes Risiko, an einer Gürtelrose zu erkranken. Aber auch bei einer Krankheit wie Diabetes, Rheuma oder einer entsprechenden Therapie ist das Erkrankungsrisiko erhöht. In Europa erkrankt etwa jeder Dritte im Laufe seines Lebens an einer Gürtelrose. Ab 85 Jahren steigt das Risiko besonders: In dieser Altersgruppe kann jeder Zweite an einem Herpes Zoster erkranken.


Soll ich mich auch impfen lassen, wenn ich als Kind bereits gegen Windpocken geimpft wurde?

Géraldine Stein: Sie können an einer Gürtelrose erkranken, obwohl sie als Kind gegen Windpocken geimpft wurden. Dies ist jedoch sehr selten der Fall, zum Beispiel bei einer krankhaften Immunschwäche, und die Gürtelrose würde deutlich milder verlaufen. Allerdings haben in Deutschland über 99 Prozent der Erwachsenen gar keinen Windpocken-Impfschutz erhalten, sondern die Erkrankung „durchgemacht“ – und zählen damit zur Risikogruppe. Die Windpocken-Impfung wird nämlich erst seit 2004 von der Ständigen Impfkommission STIKO als Standardimpfung empfohlen.

Soll ich mich auch dann impfen lassen, wenn ich schon einmal eine Gürtelrose hatte?

Jan Meier: An einer Gürtelrose kann man tatsächlich mehrmals erkranken. In der Praxis beobachten wir erneute Erkrankungen bei drei bis fünf Prozent der Betroffenen. Auch in diesen Fällen kann die Impfung vor einer erneuten Reaktivierung des Virus schützen.

Werden die Kosten für die Impfung von meiner Krankenkasse übernommen?

Günther Rambach: Die Ständige Impfkommission STIKO schreibt aktuell: „Nach individueller Risiko-Nutzen-Abwägung kann die Impfung sinnvoll sein.“ Derzeit ist die Herpes-Zoster-Impfung jedoch nicht in der aktuellen Schutzimpfungsrichtlinie aufgeführt und deshalb auch keine Pflichtleistung der gesetzlichen Krankenkassen. Gleichwohl erstatten bereits jetzt einige gesetzliche und private Krankenversicherungen die Kosten für eine Impfung gegen Gürtelrose. Um sicher zu gehen, ob die Kosten übernommen werden, sollten Sie vorab mit Ihrer Krankenversicherung sprechen und zur Einzelfallentscheidung einen Leistungsantrag stellen.
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