„Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb”: Hans-Joachim Reiber gibt Vorsitz des Melanchthonvereins nach 23 Jahren ab

Hans-Joachim Reiber und Karin Gillardon vor dem Portal des Melanchthonhauses. swiz

Nach 23 Jahren Vorsitz hat der Brettener Hans-Joachim Reiber sein Amt als Vorsitzender des Melanchthonvereins Bretten nun auf der jüngsten Hauptversammlung abgegeben. 

Bretten (swiz) Jeden Morgen liest Hans-Joachim Reiber in der Bibel. Sein Lieblingszitat stammt aus dem zweiten Brief des Paulus an die Korinther und lautet: „…denn einen fröhlichen Geber hat Gott lieb“. Und gegeben hat Reiber, der 2017 mit der Ehrennadel in Gold für sein langjähriges vielfältiges Engagement ausgezeichnet wurde, viel. Nicht nur in seiner Funktion als erfolgreicher Volleyballtrainer, sondern vor allem auch in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Melanchthonvereins Bretten. Nach 23 Jahren Vorsitz hat der vitale Reiber sein Amt nun auf der jüngsten Hauptversammlung des Vereins abgegeben. An seine Stelle tritt der Evangelische Pfarrer Dietrich Becker-Hinrichs. Dass Reiber einmal 23 Jahre an der Spitze der renommierten Brettener Institution steht, die streng genommen gar kein Verein, sondern eine „Körperschaft des großherzoglichen Rechts“ ist, hätte auch Reiber nicht gedacht. In die Position gebracht, hat ihn die auch heute noch „starke Frau“ des Melanchthonvereins und stellvertretende Vorsitzende, Karin Gillardon. Bei einem Geburtstagsbüffet eines gemeinsamen Bekannten hatte sie Reiber angesprochen, der nach kurzer Bedenkzeit zusagte.

Beginn einer „fruchtbaren Zusammenarbeit“

Dies war der Beginn einer „fruchtbaren Zusammenarbeit“, erinnert sich Reiber. Und Gillardon ergänzt: „Für den Verein war er ein Glücksfall.“ Denn bis dahin habe der Melanchthonverein, zu dessen Aufgabe unter anderem die Erhaltung des Melanchthonhauses, sowie die stetige Erweiterung und Pflege der kostbaren und bedeutendsten Museumsbibliothek Baden-Württembergs mit wertvollen Drucken aus dem 16. Jahrhundert, Handschriften, Münzen und Wappen gehört, noch eher wie unter einer Käseglocke agiert. Reiber hätte sich dagegen vor allem die unbedingte Öffnung des Vereins nach außen auf die Fahnen geschrieben. Diesen Willen zur Öffnung hat Reiber auch durch den ökumenischen Gedanken in den Melanchthonverein getragen. „Es war eine meiner Antrittsbedingungen, dass sich auch die Katholiken bei uns engagieren dürfen.“ Die Forderung hat Wirkung gezeigt, wie Gillardon bestätigt. „Der ökumenische Gedanke ist unter Reiber sehr gewachsen, inzwischen haben wir viele katholische Mitglieder und Deligierte.“ Und auch die Geselligkeit im Verein sei unter dem neuen Vorsitzenden einen großen Schritt nach vorne gekommen, fügt sie mit einem Lächeln hinzu und erinnert an viele Ausflüge und Feiern. Dies gelte auch für die Ökumene so Reiber: „Es war mir immer sehr wichtig, dass die Ökumene auch gelebt wird, zum Beispiel, dass man sich nach einem Gottesdienst eben noch einmal bei Wurst und Bier zusammensetzt und redet. Da lernt man die Leute kennen.“

Rechner Ernst Gillardon zum Ehrenmitglied ernannt

Doch es war beileibe nicht nur die Geselligkeit, welche die 23 Jahre Vorsitz von Reiber beim Melanchthonverein ausgezeichnet haben, sondern in erster Linie sehr viel Arbeit. Dabei stand immer wieder die finanzielle Sicherheit desselben im Vordergrund. Denn, so sagte schon der Initiator und Gründer des Melanchthonhauses Bretten, Nikolaus Müller (1857 bis 1912): „Wie diese Ausgaben zu erkennen gaben, stehen dem Gedächtnishause keine Fonds, sondern nur dem Wechsel unterworfene Geschenke und Zuwendungen zu Gebote, die jedoch nicht einmal ausreichten, um den laufenden Verpflichtungen gerecht zu werden.“ So schlimm, wie es Müller anno dazumal beschrieben hat, ist die Situation heute allerdings nicht mehr. Einige größere Erbschaften, aber auch Förderungen von Land und Stadt haben den Verein, der allerdings immer noch auf Spenden und Zuwendungen der Stadt angewiesen ist, auf relativ sichere finanzielle Beine gestellt. Für einen reibungslosen Ablauf der finanziellen Angelegenheiten des Melanchthonvereins steht seit 50 Jahren exemplarisch der Rechner Ernst Gillardon. 1968 hatte er die Nachfolge von August Groll angetreten und wacht seitdem auch über die Mitgliederverwaltung. Bei der jüngsten Sitzung ist er nun nicht mehr angetreten und wurde mit der Ehrenmitgliedschaft belohnt. Seine Nachfolgerin wird Susanne Beyle-Farrs.

Hohe Kosten für Instandhaltung des Melanchthonhauses

Reibungslose Finanzen werden allerdings auch benötigt, bedenkt man die hohen Kosten für die Instandhaltung des Melanchthonhauses. „Ich bin sehr stolz darauf, dass wir es in unserer gemeinsamen Amtszeit geschafft haben, jede Fassade des Gebäudes komplett zu sanieren“, so Gillardon. Dies sei ohne die Unterstützung der Stadt nicht möglich gewesen. Die hauptsächlichen Sanierungen seien heute gemacht, blickt auch Reiber zufrieden zurück. Mit den immer schärfer werdenden Bestimmungen für Brand- und Diebstahlschutz stehe der Melanchthonverein aber vor immer neuen finanziellen Aufgaben.

"Wert der Schätze und die vielen Eindrücke erschlagen einen buchstäblich"

Dass für die vielen Führungen durch das Haus für deutsche und ausländische Besucher nicht noch weitere Kosten entstehen, sorgen im Übrigen über 20 ehrenamtliche Führer und Führerinnen, die die Besucher durch das imposante Gebäude und durch die, ebenfalls unter Reibers Vorsitz, neu konzipierte Ausstellung im Inneren führen. „Da sind wirklich hochkarätige Menschen dabei, die in diese anstrengende Arbeit viel Zeit investieren. Denn so eine Führung kostet ja auch Vorbereitung“, so Reiber. Zu erklären ist diese Bereitschaft vielleicht auch mit dem Eindruck, den das Haus auf die Menschen macht. „Jeder, der aus dem Melanchthonhaus kommt, ist buchstäblich erschlagen von dem Wert der Schätze und der Eindrücke, die er dort gesehen und bekommen hat“, schwärmt Reiber. Dennoch, so die beiden Vorsitzenden unisono, sei das Bewusstsein für Melanchthon bei vielen Brettener Bürgern nicht besonders ausgeprägt. „Viele waren auch mit Sicherheit noch nicht im Melanchthonhaus.“ Ein Besuch, zu dem das Duo die Bürger gerne verpflichten würde.

"Wir Menschen sind alle zum friedfertigen Miteinander geboren"

Doch was bedeutet für Reiber und Gillardon der Reformator Melanchthon für das eigene Leben? „Ich finde vor allem die Vielseitigkeit seines Wissens bewundernswert, und natürlich liegt mir dieses wunderschöne Haus an sich einfach sehr am Herzen“, sagt Gillardon. Reiber schlägt in eine ähnliche Kerbe und betont: „Ich bewundere seine Klugheit und seine Arbeits-Besessenheit. Er hat versucht einfach alle Wissensgebiete zu erreichen.“ Und dann folgt vom ehemaligen Vorsitzenden ein Geständnis, das aufhorchen lässt: „Am Anfang war mir Melanchthon ehrlich gesagt eher unsympathisch.“ Das habe sich dann aber schnell gewandelt, grinst Reiber. Und so ist es am Ende vor allem ein Zitat, das den inzwischen zum Melanchthon-Fan gewordenen Reiber begeistert: „Den Spruch ‚Wir sind zum Gespräch geboren‘ habe ich immer geschätzt. Ich interpretiere diese Worte so, dass wir Menschen alle zum friedfertigen Miteinander geboren sind.“
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