„Infektionen sind wie ein Krimi“ - Martina Varrentrapp, neue Ärztliche Leiterin der Rechbergklinik Bretten, im Interview

Martina Varrentrapp ist seit April 2017 die Ärztliche Direktorin der Medizinischen Klinik an der Rechbergklinik Bretten. (Foto: Regionale Kliniken Holding RKH GmbH)

Dr. Martina Varrentrapp ist seit April 2017 die neue Ärztliche Leiterin der Rechbergklinik Bretten. Sie wusste schon immer, dass sie Ärztin werden wollte. Ein Grund dafür, liegt in ihrer Familiemgeschichte.

Bretten (wh) Am 24. April 1867 begannen an der Ecke Reuterweg/Bockenheimer Anlage die Bauarbeiten für die Frankfurter Kanalisation. Ein historisch bedeutendes Ereignis, führte es doch zur Ausrottung von Cholera und Typhus in der heutigen Mainmetropole. Einen bedeutenden Anteil daran hatte Georg Varrentrapp, seines Zeichens Arzt, Kommunalpolitiker und Zeitgenosse Goethes. Er setzte den Bau auch gegen Widerstände aus dem Rathaus durch. Heute zeugt die Varrentrappstraße, die unweit des Experimenta ScienceCenters verläuft, von den Verdiensten des Arztes.

Infektionskrankheiten als Spezialgebiet

Der Name Varrentrapp und Medizin gehören zusammen. „Ich wusste schon immer, dass ich Ärztin werden möchte. Ich glaube, es war einfach in mir“, erzählt Dr. Martina Varrentrapp, die ihre Familiengeschichte bis ins das 11. Jahrhundert zurückverfolgen kann. Die Nachfahrin von Georg Varrentrapp ist seit April 2017 die neue Ärztliche Direktorin der Medizinischen Klinik an der Rechbergklinik Bretten und damit Nachfolgerin von Professor Dr. Martin Winkelmann.

Bereits ihre Schullaufbahn habe sie auf das Ziel, Medizin zu studieren, ausgerichtet. Chemie und Biologie belegte sie als Leistungskurse. 1986 erhielt sich das Abitur mit einer Note von 1,0. Danach folgte das Medizinstudium und Approbation an der Universität Hannover. Ihre Doktorarbeit schrieb sie über den Magenkeim Helicobacter pylori, der für schwere Magengeschwüre sowie Krebs verantwortlich sein kann. Infektionskrankheiten sollten von da an zu ihrem Spezialgebiet werden. „Schließlich sterben immer noch zwei Drittel der Menschen weltweit an Infektionen“.

Mehr als nur Ärztin

Doch die in Darmstadt geborene Varrentrapp wollte sich noch breiter aufstellen, noch mehr Wissen erwerben: 2004 erhielt sie ihre Anerkennung als Fachärztin für Innere Medizin und 2008 die Anerkennung der Schwerpunktbezeichnung Gastroenterologie. Darüber hinaus erwarb sie 2009 die Zusatzbezeichnungen Diabetologie und Infektiologie sowie Rettungsmedizin.

Neben ihrer medizinischen Ausbildung schloss sie eine Ausbildung zur Kodierfachkraft und ein dreijähriges Managementstudium ab. So erlangte sie 2009 den „Master of Health Business Administration“, ein berufsbegleitendes Studium an der Universität Erlangen-Nürnberg im Bereich der Betriebswirtschaftslehre für Fach- und Führungskräfte im Gesundheitswesen. „Man ist heute nicht mehr nur Arzt, sondern auch Manager“, begründet sie. Denn nicht nur die medizinische Versorgung, sondern auch die organisatorischen Abläufe haben Einfluss auf die Qualität der medizinischen Versorgung.
Berufserfahrung hat die 50-Jährige in verschiedenen Regionen in Deutschland gesammelt. Nach Anstellungen im Ruhrgebiet und dem schwäbischen Albstadt war sie zuletzt als Leitende Oberärztin in der Medizinischen Klinik I und Leiterin der Endoskopie im pfälzischen Landau tätig.

Hohes Niveau an der Rechbergklinik

Nun also Bretten. „Das Niveau der medizinischen Versorgung in der Klinik hat meine Erwartungen noch übertroffen“, berichtet sie. „Es gibt eine große Innere Abteilung mit einem breiten Spektrum an Behandlungsmöglichkeiten. Zudem gebe es in jedem Bereich Oberärzte und Spezialisten im Hintergrund, die man auf kurzen Wegen erreiche.
So seien umfangreiche Untersuchungen möglich. „Die Differenzialdiagnose ist mein Steckenpferd“. Varrentrapp vergleicht die Anamnese mit der Arbeit eines Detektivs: „Infektionen sind wie ein Krimi“. Diagnose habe viel mit Logik und Schlussfolgerungen zu tun, erklärt sie. Man brauche ein breites Wissen, müsse die richtigen Fragen stellen und vor allem zuhören.

Im Laufe ihrer Karriere war sie auch immer wieder mit Situationen konfrontiert, in denen Diagnosen nicht richtig oder nicht rechtzeitig gestellt wurden. Und manchmal kam jede Hilfe zu spät. Aus diesen Erfahrungen leitete sie schließlich ihr Credo ab: „Der Patient hat immer recht“. Empathie sei für einen Arzt beinahe genauso wichtig wie das fachliche Wissen. Zudem plädiert Varrentrapp für mehr Bescheidenheit: „Ärzte brauchen auch den Mut, zu sagen: Das weiß ich noch nicht“. Dafür brauche es kritisches Denken, Offenheit, Hartnäckigkeit und Sorgfalt. Eigenschaften, die sie im Kollegium an der Brettener Rechbergklinik gefunden hat. Mit ihren Vorschlägen sei sie auf viel Zustimmung gestoßen. So wurden zum Beispiel neue Laborprofile erstellt und sofort umgesetzt. Auch in Sachen Arztbriefe gibt es neue Standards. „Trotz der Fachbegriffe dürfen Arztbriefe keine böhmischen Dörfer sein“, findet Varrentrapp.

Leptospirose auf dem Vormarsch

Der Erfolg gibt ihr recht. Viele Patientinnen und Patienten entscheiden sich für eine Behandlung in der Rechbergklinik. „Es ist toll, dass uns offensichtlich großes Vertrauen entgegen gebracht wird“.

In einem Jahr werde man voraussichtlich in das neue Gebäude einziehen können. Ziel werde sein, die medizinische Versorgung in Bretten und durchaus vorhandene Potentiale weiter auszubauen. Dann werde man auch das Thema Digitalisierung angehen. „Das neue Gebäude ist technisch auf dem modernsten Stand. Digitalisierung ist auch im Krankenhaus ein Zukunftsthema“.

Pionierarbeit, wie sie Georg Varrentrapp im Kampf gegen Cholera und Typhus geleistet hat, könnte auch Dr. Martina Varrentrapp leisten. Sie beschäftigt sich mit dem Erreger der Leptospirose, die zum Beispiel von Ratten und Mäusen auf den Menschen übertragen wird und einen schweren bis sogar tödlichen Verlauf nehmen kann. Auch in Baden-Württemberg sei die Krankheit auf dem Vormarsch, werde aber noch oft fehldiagnostiziert. Dass sich das ändert, dafür will die neue Ärztliche Direktorin an der Rechbergklinik einen Beitrag leisten.

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