Mit dem Fahrrad nachts zur Hausgeburt 

Erinnert sich gerne an die Zeiten, in denen sie als Hebamme tätig war: Herlinde Dickemann aus Bauerbach.
 
Herlinde Dickemann während ihrer Ausbildung 1952.

Herlinde Dickemann erinnert sich an ihre Zeiten als Dorfhebamme in Bauerbach

Bauerbach (ger) „Dich hab ich auch auf die Welt gebracht“, kann Herlinde Dickemann immer noch zu vielen Bauerbachern sagen, war sie doch rund 50 Jahre lang die Dorfhebamme. Nicht nur in ihrem Heimatort, in dem sie mit sieben Geschwistern aufgewachsen ist, auch in Büchig war sie der Ansprechpartner Nummer eins, wenn eine Geburt anstand. Im September 1953 machte sie nach der eineinhalbjährigen Ausbildung an der Landesfrauenklinik in Karlsruhe ihr Examen – damals war sie 21 Jahre alt – und wurde dann bei der Gemeinde angestellt. Rund um die Uhr war die Hebamme im Einsatz. „Nachts haben die Leute halt an mein Schlafzimmerfenster geklopft“, erinnert sie sich. Telefon hatte man damals ja noch nicht. Allerdings war sie dann eine der ersten, die immerhin eine elektrische Klingel bekamen.

Mit Fahrrad, Moped und schließlich mit dem Auto

„Meist kam der Mann, um Bescheid zu sagen. Dem habe ich dann gleich meinen Koffer mitgegeben.“ Den gut zwölf Kilo schweren Koffer mit Waschschüsseln, Instrumenten und Medikamenten transportierte sie sonst eben auf dem Fahrrad. „In der ‚Dunkelheit nach Büchig mit dem Fahrrad, da hab ich mich manchmal schon ein wenig gefürchtet“, gibt sie freimütig zu. Nach wenigen Jahren hat sie sich dann auch ein Moped angeschafft. Und 1963 auch noch den Pkw-Führerschein gemacht. Etwa 25 Hausgeburten im Jahr betreute sie damals. Unter einfachsten Bedingungen, teils ohne Licht und ohne Wasser – etwa bei Flüchtlingen, die in der Nachkriegszeit in Bauerbach in Baracken untergebracht waren – half sie Kinder auf die Welt zu holen. Übrigens waren damals die Männer oft bei der Geburt dabei. „Ich habe ihnen gezeigt, wie sie ihre Frauen oben halten können.“ Die Frauen hatten keine Untersuchungen beim Arzt vorher gehabt und natürlich schon gar keine Geburtsvorbereitung. „Aber es ist nie etwas vorgekommen“, beteuert die rüstige 87-jährige.

36 Mark für eine Geburt

Was allerdings schon vorkam, waren überraschende Zwillingsgeburten. „Einmal war die Frau kurz vorher sogar wegen einer anderen Sache im Krankenhaus gewesen. Und selbst dort hatten sie nicht bemerkt, dass sie Zwillinge erwartet.“ Bei schwierigen Geburten kam ein Arzt dazu, beispielsweise der Brettener Arzt Doktor Kremp, Pflicht war die Anwesenheit eines Mediziners damals aber nicht. Erst in den 70er-Jahren, als immer mehr Frauen gearbeitet haben, wurde es üblich, wegen einer Schwangerschaft zum Arzt zu gehen. Zur gleichen Zeit übernahmen auch die Krankenkassen die Kosten für die Entbindungen in der Klinik und Hausgeburten waren nicht mehr so gefragt. „Ich weiß noch genau, 36 Mark habe ich für eine Geburt bekommen“, erinnert sich Dickemann, die auch heute noch alles mit großem Interesse verfolgt, was ihren Beruf angeht. Als die Hausgeburten weniger wurden, machte sie mehr Nachsorgen. Zehn Tage lang kam sie nach einer Entbindung morgens und abends zu den frisch gebackenen Mamas, und dank Auto machte sie das in einem sehr weiten Umkreis, bis Berghausen, Eppingen und Sternenfels fuhr sie. Als ihr Mann in Rente war, ist er sonntags manchmal mitgefahren, hat im Auto auf sie gewartet und dann sind sie noch zusammen essen gegangen. „Er hat oft gesagt: ‚Hier war ich ja mein Lebtag noch nicht.‘“

Selbst hochschwanger andere Frauen entbunden

Dickemann hat immer weiter gearbeitet, auch als sie selbst zwischen 1954 und 1959 ihre drei Kinder bekommen hat, hat sie nicht pausiert. Die Großfamilie vor Ort half bei der Kinderbetreuung, wenn sie im Einsatz war. Und sie hat auch weiterhin in der Landwirtschaft ihrer Eltern mitgearbeitet. Hochschwanger war sie noch auf dem Feld und hat ebenfalls hochschwanger andere Frauen entbunden. „In Urlaub gefahren ist man ja damals nicht“, sagt sie schmunzelnd.
Bis sie mit 72 Jahren eine Knie-Operation hatte, war sie als Hebamme unterwegs. Noch heute rufen schwangere Frauen bei ihr an, die verzweifelt auf der Suche nach einer Nachsorge-Hebamme sind. „Wenn ich könnte, würde ich es heute noch machen“, gesteht Herlinde Dickemann mit einem leisen Bedauern. „Das war immer so schön, wenn die Kinder auf der Welt und alle glücklich waren.“
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