„Wir waren in der Hölle umringt vom Paradies“

kleines Museum auf dem Camp de Gurs
 
Zeitzeuge Kurt S. Meier, geb. 1930, begrüßt die Anwesenden
 
Die Brettener Delegation: BM Michael Nöltner, StRin Heidi Leins, Jennifer Pöschl, ESG und Jana Freis, JuGRin

Gedenkfahrt nach Gurs am 28./29.10.2018

Das „Camp de Gurs“ im französischen Gurs war zur Zeit des Nationalsozialismus das größte französische Internierungslager und wurde vor allem durch die Deportation fast aller Juden aus Baden, der Pfalz und dem Saarland bekannt. Am 28. und 29. Oktober reiste eine Delegation aus Bretten bestehend aus dem Bürgermeister Michael Nöltner, die Stadträtin Heidemarie Leins und zwei Jugendlichen Jennifer Pöschl und Jana Freis nach Gurs aufgrund einer dort stattfindenden Gedenkveranstaltung. Neben der Brettener Delegation waren auch andere Vertreter aus verschiedenen Städten in Baden und der Pfalz vor Ort, aus welchen ebenfalls Juden nach Gurs gebracht wurden. Dieses Jahr hatte die Stadt Pforzheim die Leitung als Mitglied der Arbeitsgemeinschaft der badischen Städte der Delegation nach Gurs.

Die zentrale Gedenkveranstaltung fand am Sonntagnachmittag auf dem Friedhof statt. Bei dieser waren viele verschiedene Redner anwesend, unter anderem die Generalkonsulin Frau Verena Gräfin von Roedern, der Oberbürgermeister der Stadt Pforzheim Peter Boch und der Vorsitzende des Oberrates der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden Rami Suliman. Besonders deutlich wurde die Wichtigkeit des Friedhofes für alle Beteiligten durch ihre Worte: Er soll ein Erinnerungsort aber auch ein Mahnmal für die Nachgeborenen sein, da es uns unmöglich erscheint das Leben im Holocaust nachzuempfinden, selbst bei wiederholtem Lernen der Fakten und Geschichten: Keiner kann sich auch nur ansatzweise vorstellen, wie menschenverachtend die Menschen behandelt wurden und wie viel Hoffnung sie trotz allem hatten. Rami Suliman zitierte dafür die Jüdin Elise Maier, welche aus „ihrem schönen Pforzheim“ fortmusste und sich glücklicherweise nach vier Lagern in Argentinien retten konnte. Es wurde deutlich, wie sehr sie ihre Heimat geliebt hat, bevor die Nationalsozialisten in ihr Leben traten. Das „schöne Pforzheim“ war ein Ort, den sie trotz der Geschehnisse wohl immer noch liebte. Auch der anwesende Zeitzeuge Kurt S. Maier ließ eine Rede verlauten, die seine Erinnerungen widerspiegelten. Leider sah er sich nicht dazu in der Lage nach einem anstrengenden Tag dies selbst zu tun, trotzdem waren es seine Worte, welche über den stillen Friedhof schwebten. „Wir waren in der Hölle, umringt vom Paradies“, sagte er noch, bevor jemand seine Wörter vorlas. „Als ich ein kleiner Junge war, liebte ich Züge.“ Der Satz bewegte etwas in einem, wussten wir doch alle, was nach diesem Satz kommen würde: Der Zeitpunkt seiner Deportation, in dem etwas, das er liebt, zu etwas wird, was sein Leben veränderte. Er sprach davon, wie er bei der Zugfahrt Menschen gesehen hatte. Sie ernteten, es war Erntezeit. „Und in Deutschland wurde ebenfalls geerntet. Aber die Ernte waren Menschen.“ Er erinnerte sich an die Geräusche in Gurs: Immer hörte man den Regen auf die Dächer prasseln, in der Nacht hörte man die Ratten, die über die Menschen huschten. Aber auch Gerüche gab es überall: der Schlamm, die Latrinen. Und alles war grau. Die Wände, der Himmel, die Menschen. Nur die Angst füllte den hungrigen Magen, nichts wärmte einen, außer den Mantel, den man trug. Für viele war es seine Rede, welche am meisten beeindruckte. Grausame Taten, verpackt in schöne Sätze. Wir alle schwiegen, beeindruckt und gelähmt von seinen Worten und trotzdem wollen wir seinen Appell am Ende zu Herzen nehmen: „Aber wir können dem, was geschah, einen Sinn geben, wenn wir uns darin einig sind, dass so etwas nie wieder geschehen darf!“
Nach der zentralen Gedenkveranstaltung wurden wir zu einem Ehrenwein im Gemeindezentrum von Gurs eingeladen. Für uns zwei Jugendliche bestand damit die Möglichkeit, sich mit anderen Jugendlichen auszutauschen und über die gemachten Erfahrungen zu sprechen. Vielen ging es wie uns, geschockt, nachdenklich und betroffen von den damaligen Geschehnissen und Eindrücken auch wenn es manche nur indirekt betroffen hat. Trotzdem gab es Hoffnung, denn die sechseinhalbtausend Schicksale verbinden unsere Heimatorte und Gurs, wodurch wir uns gemeinsam um ein würdevolles Gedenken kümmern können.

Am Abend fand ein gemeinsames Abendessen statt, bei welchem wir erneut die Möglichkeit zum Austausch hatten und Kontakte zu anderen Delegationen hatten. Anwesend waren auch jüdische Vertreter, welche offen und humorvoll mit allen sprachen und sich angeregt mit den Jugendlichen unterhielten. Prägend war hierbei vor allem das gemeinsame Singen eines religiösen Liedes, welches sie an uns weitergeben wollten. Man merkte ihnen dabei an, wie wichtig ihnen ihre Religion ist und dass sie sie mit allen teilen wollten, wollten, dass wir alle ein Teil ihrer Religion sehen und merken, wie viel ihnen ihr Glaube im Leben bedeutet.
Am nächsten Morgen fanden zwei Vorträge statt. Zunächst las Herr Roland Paul aus seinem Buch vor. Herr Roland Paul, ein deutscher Historiker und Volkskundler, beschäftigte sich schon seit langem mit den Geschehnissen von Juden in der Zeit um 1940. Bei seinem Buch „Das Leben in Gurs anhand von Briefen der Pfälzerin Gretl Drexler an ihre Tochter in der Schweiz“ handelt es sich um eine Ansammlung von Briefen der Pfälzerin Margarethe Drexler an ihre Tochter Dorothea sowie ihre Schwester Irma in ihrer Zeit in Gurs geschrieben hat. Darin wird eindrucksvoll deutlich, wie die Zustände in Gurs waren. Ihre Traurigkeit und Niedergeschlagenheit versuchte Gretl Drexler in ihren Briefen mit ihrer Hoffnung zu überspielen, sie nicht zu verlieren und an ihrem Glauben festzuhalten, was sie immer wieder an ihre Tochter schrieb. Leider gelang es ihr trotz zahlreicher Bemühungen nicht in die USA auszuwandern und sie wurde 1944 in Ausschwitz ein Opfer der Nationalsozialisten.

Mindestens genauso eindrucksvoll wie spannend waren die Erzählungen von Herr Kurt S. Maier, einem Zeitzeugen, der mit 10 Jahren damals während des Laubhüttenfestes Sukkot am 22. Oktober 1940 nach Gurs gebracht wurde. Absolute Stille herrschte in dem kleinen Saal, als er anhand von Fotos über sein Leben berichtete. 1930 wurde er in Kippenheim geboren und erlebte eine relativ normale Kindheit. Anders als Gretl Drexler gelang seiner Familie damals die Flucht über Marseille und Casablanca nach New York, wo sie nur durch die Hilfe der dort bereits lebenden Verwandten ein Ausreisevisum erhielten und er den schrecklichen Geschehnissen entfliehen konnte. Doch selbst dort war er zunächst nicht willkommen. Die Anfangszeit war geprägt von Misstrauen gegenüber den „enemy aliens“, den Spionen aus Deutschland wie sie genannt wurden. Erst nach etlicher Zeit konnte er sich in Washington zu Hause fühlen erzählte er. Trotz seiner Schicksalsschläge erzählte er mit Witz und Humor seine Familiengeschichte und zeigte Bilder der damaligen Zustände sowie seiner Familie. Vor allem die Jugendlichen waren sehr von seiner Geschichte berührt und setzen sich zum Ziel, seine Geschichte und Erlebnisse zu bewahren und an andere weiterzugeben. Da es im Laufe der Zeit nicht mehr viele bis keine Zeitzeugen aus der Zeit mehr geben wird, ist es vor allem eben für die junge Generation von immenser Bedeutung, die damaligen Geschehnisse auf keinen Fall zu vergessen.

Nach einem letzten gemeinsamen Mittagessen stand ein nochmaliger Besuch auf dem Friedhof sowie des Lagergeländes auf dem Plan. Unter den vielen Opfern in Gurs befanden sich auch einige Brettener Juden, welche dort einen Grabstein besitzen. Daher besuchten wir als Brettener Delegation diese Grabsteine und erfuhren von Frau Leins die bewegenden Geschichten hinter den Namen und nutzen diese Möglichkeit, um ihnen nach jüdischem Brauch kleine Steine aus Bretten zu hinterlassen. Im Anschluss daran liefen wir die zwei Kilometer lange Lagerstraße entlang. Für uns war es kaum vorstellbar, dass dort, wo jetzt eine blühende Natur ist, früher tausende Menschen in dunklen Baracken hungern, frieren und leiden mussten. Eine dieser Baracken war sogar aufgestellt worden um zu zeigen, wie die damaligen Wohnverhältnisse waren: Kaum Licht, wenig Platz und eiserne Kälte.

Schlussendlich ist zu sagen, dass diese Reise eine prägende Erinnerung für uns alle bleiben wird. Doch es ist nicht nur eine Erinnerung an die Vergangenheit, sondern auch ein Weckruf an die Gegenwart und Zukunft. Gerade jetzt mit den erstarkten rechten Aufschwüngen in Deutschland und ganz Europa muss sich stets in Erinnerung gerufen werden, zu welchen grausamen und menschenunwürdigen Taten der Mensch fähig ist, damit sich so etwas nie wieder wiederholen kann. Gurs und andere Gedenkstätten werden Orte sein, die uns an unsere Aufgaben erinnern werden. Die Demokratie verteidigen, Freiheit gewähren, die Menschenwürde achten und gemeinsam daran arbeiten, was unter großen Anstrengungen geschaffen wurde: Gemeinsamer Frieden.


Jennifer Pöschl und Jana Freis
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