Brettener Stadtmuseumsleiter Dr. Peter Bahn im Ruhestand: „Ich wurde zunehmend ausgegrenzt“

Dr. Peter Bahn Foto: ch
Bretten: Museum im Schweizer Hof |

Mit Erreichen des gesetzlichen Rentenalters ist der bisherige Leiter des Brettener Stadtmuseums im Schweizer Hof, Dr. Peter Bahn, Ende September aus dem Dienst ausgeschieden. Ein Gespräch mit dem studierten Volkskundler über die Licht- und Schattenseiten seiner Zeit im Stadtmuseum.

BRETTEN (ch) Mit Erreichen des gesetzlichen Rentenalters ist der bisherige Leiter des Brettener Stadtmuseums im Schweizer Hof, Dr. Peter Bahn, Ende September aus dem Dienst ausgeschieden. Der gebürtige Rheinländer war 1990 nach Bretten gekommen, um anlässlich der Heimattage Baden-Württemberg eine Ausstellung über „Leben im Kraichgau“ zu organisieren. 1992 wurde er Kulturamtsleiter und wechselte dann 2002 – nach der Renovierung des Schweizer Hofs – an die Spitze des Stadtmuseums. Ein Gespräch mit dem studierten Volkskundler über die Licht- und Schattenseiten seiner Zeit im Stadtmuseum.

Herr Dr. Bahn, Sie haben in den vergangenen mehr als 16 Jahren das Bild des Stadtmuseums in der Öffentlichkeit geprägt. Mit welchem Gefühl gehen Sie in den Ruhestand?
Dr. Peter Bahn: Mit gemischten Gefühlen. Ich hätte mir schon vorstellen können, noch die eine oder andere Ausstellung zu organisieren. Ich habe diese Arbeit geliebt. Sie war für mich nie nur ein Job, sondern Teil meiner Selbstverwirklichung. Man kann sagen, ich bin in meiner Arbeit aufgegangen. Ich hatte auch immer schöne und interessante Themen, die ich weitgehend selbst ausgesucht habe, und viele interessante Begegnungen mit Leihgebern, mit Vertretern anderer Museen, Privatsammlern und so weiter. Ich bin bei der Suche nach Leihgebern viel rumgekommen - in der ganzen Bundesrepublik und im europäischen Ausland. Es war eine tolle Arbeit. Sowas lässt man ungern hinter sich.
Auf der anderen Seite: Das Eingebundensein in die Strukturen einer kleinstädtischen Kommunalverwaltung war nicht so mein Fall. Dass ich jetzt wieder ein freier Mensch bin, darüber bin ich froh. Aber ich hab´ natürlich jetzt die musealen Gestaltungsmöglichkeiten nicht mehr.

Bleiben wir zunächst bei den positiven Gefühlen: Was verbuchen Sie als Ihren größten Erfolg?

Die Etablierung des Deutschen Schutzengelmuseums 2007 im Stadtmuseum. Das war zunächst meine Idee, die der damalige Oberbürgermeister Paul Metzger begeistert aufgegriffen hat. Das Schutzengelmuseum hat sehr viel zur Aufwertung des Stadtmuseums beigetragen.

Gibt es noch weitere Meilensteine?
Ja, natürlich. Das Stadtmuseum hat in den letzten 16 Jahren fast 90.000 Besucher gehabt. Außerdem: Diese Besucher sind zu etwa zwei Dritteln von außerhalb gekommen. Das heißt, das Museum hat auch überörtliche Ausstrahlung mit Auswirkungen auf Tourismus, Gastronomie und Belebung der Innenstadt. Zum Dritten gab es bundesweit umfassende Medienberichte, zum Beispiel Berichte in der Tagesschau, in der Frankfurter Allgemeinen und zahlreichen weiteren Medien von Norddeutschland bis Bayern, als wir das Schutzengelmuseum eingerichtet hatten. Viertens gab es von mir eine sehr regelmäßige publizistische Begleittätigkeit zu den Ausstellungen. Wir haben Publikationen zu Ausstellungen, die zum Teil noch Jahre nachgefragt wurden.
Insgesamt habe ich seit 1990 mehr als 50 Ausstellungen in Bretten organisiert, davon über 30 im Schweizer Hof, weitere in der Stiftskirche, im Gerberhaus, im Rathausfoyer und in den alten Malag-Hallen.

In welcher Verfassung haben Sie eigentlich vor mehr als 16 Jahren das Stadtmuseum vorgefunden?
Als klassisches Heimatmuseum im Stil der 1950er/1960er Jahre, das einer konzeptionellen Modernisierung und Erweiterung bedurfte. Es gab damals nur eine Dauerausstellung und einige kleinere Sonderausstellungen.

Was hat sich seitdem verändert?
Ich habe dann mit meinen Mitarbeitern und der Unterstützung des damaligen OB ein neues Konzept entwickelt, das mehrmals im Jahr größere Sonderausstellungen jeweils zu einem anderen Thema vorsieht. Das Konzept ist von den Besuchern angenommen worden. Es gibt Gruppen aus Bretten und dem Umland, die schon mindestens zehn Mal im Museum waren. Die hätten wir mit dem traditionellen Konzept nicht so oft herbekommen. Wir haben eine breite Palette von Themen aufgegriffen, von der Stadtgeschichte über die Regional- bis zur allgemeinen Kulturgeschichte und auch einzelnen Kunstausstellungen, zum Beispiel über den elsässischen Illustrator und Karikaturisten Tomi Ungerer.

Das Wort Museum hat für manche einen leicht verstaubten Klang, noch mehr, da sich das Brettener Stadtmuseum tatsächlich in einem alten, wenn auch vorbildlich restaurierten, historischen Gebäude befindet. Wie sind Sie damit umgegangen?
Indem ich, wie gesagt, thematisch wechselnde Ausstellungen organisiert und mich immer wieder gezielt an Kinder und Jugendliche gewandt habe. Zu den Weihnachtsausstellungen haben wir immer die Kindergärten angeschrieben, und die kamen dann auch in großer Zahl. Einmal haben wir die Brettener Schulen direkt in die Ausstellungsgestaltung einbezogen – in die Ausstellung „Unsere Stadt Bretten gestern und heute“. Auch ausländische Mitbürger wurden einbezogen, es gab Kinderprogramme zu den Weihnachtsausstellungen – Bastelstunden, Märchenerzähler und Lebkuchenbacken. Kurzum, es gab nicht nur Vitrinen und Bilder an den Wänden zu sehen, sondern das Bestreben, das Museum zu beleben unter Einbeziehung einzelner Gruppen aus der Bevölkerung.

Was kann das Stadtmuseum zum Verständnis des heutigen Bretten beitragen?
Das heutige Bretten lebt so sehr - wie nicht viele anderer Städte – aus seiner Geschichte, dass es ohne den geschichtlichen Vorlauf nicht zu erklären ist. Alles, was heute ist, ist irgendwann so geworden.

Hatten Sie seitens Politik und Verwaltung für Ihre Arbeit immer die Unterstützung, die Sie sich gewünscht haben?
Meine Tätigkeit im Stadtmuseum gliedert sich in zwei Abschnitte. Zum einen die Zeit unter dem früheren OB, der ja aktiv beteiligt an der Sanierung des Hauses war. Da gab es reges Interesse und immer wieder Rückenwind und Förderung. Zum anderen kam dann 2010 ein neuer OB, der heute noch amtiert, der ein klassischer Verwaltungsbeamter ist und in erster Linie Interesse an Strukturen hat. Inhalte, insbesondere historische Inhalte interessieren ihn weniger. Das gilt auch für den amtierenden Kulturamtsleiter. Von daher ließen der Rückenwind und die Förderung des Stadtmuseums mehr und mehr nach. Das Museum wurde innerhalb der Verwaltung zum fünften Rad am Wagen.

Sie meinen also, es liegt am mangelnden historischen Interesse?

Ja, an der anderen Polung der Verantwortlichen. Die Chemie stimmte immer weniger. Ein weiterer Grund, weshalb ich bei der Verwaltung nicht beliebt war, ist aber sicherlich auch: Ich bin aktiver Gewerkschafter und war 13 Jahre lang aktiver Personalrat. Da macht man sich nicht nur Freunde. Und ich bin jemand, der mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg hält. Ich heuchele grundsätzlich nicht.

Was haben Sie im Einzelnen vermisst?

Im Gegensatz zu den ersten Jahren unter OB Metzger habe ich die Einbeziehung des Museums in die allgemeine städtische Tätigkeit vermisst. Zum Beispiel wurden in den ersten Jahren städtische Gastgruppen auch zu uns ins Museum geschickt. Was mich persönlich betrifft, habe ich die Einbeziehung des Verantwortlichen für Museen und Stadtgeschichte, der ich ja war, in Fragen des Stadtmarketing, der allgemeinen Kulturpolitik und der VHS-Arbeit, zunehmend vermisst. Da wurde ich mehr und mehr abgehängt und in letzter Zeit sogar regelrecht ausgegrenzt.

Hatte die mangelnde Unterstützung Auswirkungen auf Ihre Arbeit?
Ja sicher. Das hätte eigentlich zu meiner Arbeit gehört, in den genannten Bereichen beratend tätig zu werden.

Was war aus Ihrer persönlichen Sicht die wichtigste Ausstellung, die sie organisiert haben?

Das war 1997 in der Stiftskirche die Ausstellung „Als ich ein Kind war“ zur Kindheit von Philipp Melanchthon, die auch einen umfassenden Überblick über das Alltagsleben um 1500 gegeben hat.

Und welche war Ihre erfolgreichste Ausstellung?
Dieselbe. Da hatten wir 25.000 Besucher, das war die größte und erfolgreichste Ausstellung, die bisher in Bretten gezeigt wurde.

Sollte aus Ihrer Sicht für das Stadtmuseum mehr die Werbetrommel gerührt werden?
Es muss nicht mehr Werbung sein, wir haben immer gut Werbung gemacht, auch in der Region. Aber die Sichtwerbung rund ums Haus muss besser werden. Passanten in der Fußgängerzone müssen gleich sehen, da ist ein Museum, da kann ich reingehen.

Welche Bedeutung hatte die Aufarbeitung der jüngeren Brettener Geschichte im Rahmen Ihrer Arbeit im Stadtmuseum?
Die jüngere Geschichte wurde immer einbezogen wie zum Beispiel die jüngste Ausstellung zur Nachkriegsgeschichte zeigt. Wir hatten eine Ausstellung zu Religionen im Kraichgau, das ging bis zum Bau der ersten Moschee im Kraichgau. Mir war wichtig für das Selbstverständnis des Museums, aber auch für die Bürger in der Stadt, dass das Museum immer wieder einen Bogen spannt von der Vergangenheit in die Gegenwart.

Auf diesem Gebiet sehen Sie also keinen Nachholbedarf?
Nein, das haben wir so gehandhabt, das zieht sich als eine der roten Linien durch die komplette Ausstellungstätigkeit.

Betrifft das auch das Verhältnis des Stadtmuseums zum alljährlichen Historien-Schauspiel beim Peter- und Paulfest?
Das Verhältnis zur Vereinigung Alt-Brettheim war immer sehr gut. Bei der Ausstellung zu Melanchthons Kindheit haben einzelne Alt-Brettheim-Gruppen mitgewirkt. Und Gruppen von Alt-Brettheim haben im Museum immer wieder mitgewirkt an Ausstellungen mit Nähe zur Epoche um 1500, vor allem auch bei Veranstaltungen im Begleitprogramm.

Ist die Lagerung und Aufbewahrung von Ausstellungsstücken zufriedenstellend gelöst?
Die Lagerung ist optimierungsbedürftig. Zurzeit verteilt sich unser Magazin auf vier verschiedene Gebäude.

An welchem Punkt steht momentan das Brettener Stadtmuseum im Vergleich mit Stadtmuseen anderer Städte ähnlicher Größe?
Wenn ich mit Sinsheim, Eppingen, Mühlacker und dem Faustmuseum in Knittlingen vergleiche, dann liegen wir ungefähr in der gleichen Größenordnung mit etwa 5.000 bis 6.000 Besuchern pro Jahr. Das ist allerdings von Jahr zu Jahr schwankend. Aber wir können da mithalten.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was würden Sie dem Stadtmuseum wünschen?
Dass die bisherige Struktur erhalten bleibt. Auf der einen Seite der Dauerausstellungsbereich mit dem Schutzengelmuseum, auf der anderen Seite das Konzept mit wechselnden Sonderausstellungen im größeren Teil des Hauses, aber in modernisierter Form. Und ich wünsche ihm weiter viele Besucher, vor allem auch von außerhalb - wir hatten bei jeder Ausstellung Besucher aus fast allen Bundesländern. Und dass es nicht wieder herunterkommt zum traditionellen Heimatmuseum, das wär´ dann wirklich verstaubt.

Was meinen Sie mit modernisierter Form?

Es müssen in die Ausstellungen auch audiovisuelle Medien eingebaut werden, also Hörstationen, Bildschirme, interaktive Elemente wie Touchscreens. Da war ich nicht so firm. Vielleicht hat ein jüngerer Nachfolger oder eine Nachfolgerin eher einen Bezug dazu.

Und was wünschen Sie sich für Ihre eigene Zukunft? Haben Sie schon Pläne für den Ruhestand?
Sie haben ein Wort benutzt, das ich nicht gerne höre: Ruhestand. Ich sehe mich nicht im Ruhestand, sondern als jemand, der vielleicht noch stärker als bisher in Bretten vernehmbar sein wird. Ich werde zum Beispiel weiter publizieren. Ich habe in den letzten 28 Jahren über 300 Texte zur Brettener Stadtgeschichte veröffentlicht – Bücher, Broschüren, Aufsätze in Fachzeitschriften, Zeitungsartikel. Das werde ich in gewissem Umfang auch weiter tun. Und da ich die politischen Verhältnisse in der Stadt aus dem Effeff kenne und sehr an Kommunalpolitik interessiert bin, werde ich mich auch auf diesem Gebiet aktiv betätigen. Ich hoffe, dass ich einigermaßen gesund bleibe und noch ein paar spannende und interessante Jahre vor mir habe.

Die Fragen stellte Chris Heinemann
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