Vision und Realität: Autonomes Fahren gab es schon vor 3 Jahrzehnten

– So sieht es aus, wenn das Auto das Kommando übernimmt. Doch die Vision vom autonomen Autofahren gibt es bereits seit vielen Jahren. (Foto: © Renault/TRDmobil)
Am 8. August 1988 berichtete der Motor-Informations-Dienst (mid) im 32. Jahrgang über das Autofahren ohne Fahrer.

(TRD/MID) Automobile rasen mit einer Geschwindigkeit von über 100 km/h über die bundesdeutschen Autobahnen. Autofahrer stellen entsetzt fest, dass in den vierrädrigen Geschossen keine Fahrer sitzen. Wie von Geisterhand gesteuert, jagen diese scheinbar unbesetzten Fahrzeuge dahin: Vision oder Realität? Es ist wohl eher eine Vision, die langsam Realität wird. Seit Ende 1985 wird mit einem Versuchsfahrzeug für autonome Mobilität und Rechnersehen (VaMoRs) in dieser Richtung experimentiert.

Ein Fünf-Tonner-Kastenwagen wurde mit einem Bildverarbeitungssystem (BVV), Bordrechnern und einer Blickrichtungssteuerung ausgerüstet. Bei Versuchsfahrten Mitte 1986 wurde das Messprinzip bis zu Geschwindigkeiten von 100 km/h verfeinert und im Oktober 1986 fanden die ersten Tests zum vollautonomen Fahren durch Rechnersehen statt. Im August 1987 erreichte ein computergesteuertes Fahrzeug auf einem Autobahn-Teilstück bei Dingolfingen eine maximale Geschwindigkeit von 100 km/h und Fahrstrecken bi zu 20 Kilometer wurden absolviert, ohne dass eingegriffen werden musste.


Orientierte sich das Fahrzeug anfangs nur auf einer Seite an einem ausgedehnten, höchstens schwach gekrümmten Hell-Dunkel-Übergang als Führungslinie, so können seit diesem Frühjahr durch den Einsatz von 32 bit Mikroprozessoren beide Fahrspurbegrenzungen erfasst und verarbeitet werden. Das erhöht die Erkennungssicherheit auch bei ungünstigen Bedingungen.

Gegenwärtig funktioniert VaMoRs nur auf freien Strecken. Aber es wird darauf hingearbeitet, das System so zu verbessern, dass bewegliche und feste Objekte ständig während der Fahr erfasst und die daraus gewonnenen Daten sofort vom Bordrechner in Fahrbefehle umgesetzt werden. Dann wäre es möglich, in Kolonnen zu fahren und flexibel auf die sich ändernden Verkehrssituationen zu reagieren. Die Rechner müssen dabei in die Lage versetzt werden, sich aus den Kamerasignalen mit Hilfe von Hintergrundwissen – räumliche Strukturen, Objekte und zeitliche Abläufe – ein inneres Abbild der momentanen Außenwelt aufzubauen.

VaMoRs arbeitet zurzeit als einziges autonomes Fahrzeug mit den 4D Weltmodellen: sie ermöglichen Zykluszeiten von 0,1 Sekunden zum Erfassen der Situation und zur Berechnung der neuen Steueraktion. Laut „Tech“ Magazin für Wirtschaft, technik und Umwelt (2/88) betragen die Zykluszeiten bei den bekannten amerikanischen autonomen Fahrzeugen ALV und NAVLAB mehr als eine Sekunde. In Japan sollen mit autonomen Fahrzeugen Geschwindigkeiten bis 30 km/h erreicht worden sein.

Ähnlich wie bei den heutigen Verkehrsflugzeugen, die jedes Manöver vollautomatisch durchführen können, sollen die Automobilsteuerungssysteme den Fahrer in Zukunft unterstützen, aber sie werden ihn nicht ersetzen. Zwar erlauben die Experimente einen Blick in die Zukunft, aber Realität dürfte die Vision vom rechnergesteuerten Automobil auf bundesdeutschen Autobahnen erst einige Jahre nach der Jahrtausendwende werden.
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