Mit mehr Frauen in Männerberufen dem Fachkräftemangel gegensteuern

Alfons Moritz, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Indus-trie- und Handelskammer Karlsruhe und Leiter Ausbildung und Weiterbildung

Fragen an Alfons Moritz, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Karlsruhe

Immer häufiger wählen junge Frauen einen für Männer typischen Ausbildungsberuf – und profitieren zugleich von der im Vergleich zu typischen Frauenberufen durchschnittlich höheren Ausbildungsvergütung.
Untersuchungen des Bundesinstituts für Berufsbildung zufolge wächst der Frauenanteil in klassischen Männerberufen stetig. In den letzten zwölf Jahren stieg der Anteil an Frauen in vier Fünfteln der untersuchten Männerberufe. Hierzu zählen Beschäftigungen, bei denen der Männeranteil über 80 Prozent liegt.
Wir haben Alfons Moritz, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Karlsruhe und Leiter Ausbildung und Weiterbildung, nach den Hintergründen gefragt.

Herr Moritz, immer häufiger entscheiden sich Frauen für sogenannte „Männerberufe“ und das auch in der dualen Ausbildung. Erkennen Sie diesen Trend auch im Bezirk der IHK Karlsruhe?

Auch wir haben einige positive Beispiele für Frauen in Ausbildungsberufen, die üblicherweise von Männern durchgeführt werden. Gerade im gewerblich-technischen Bereich mischen sich unter die Vielzahl an Männern auch immer wieder interessierte junge Frauen. Das begrüße ich sehr, denn damit können wir dem Fachkräftemangel in zahlreichen Branchen entgegensteuern. Ich wünsche mir hier ein Fortdauern des Trends.

Was sind die Gründe, dass sich Frauen für Männerberufe entscheiden?

Pauschal lässt sich diese Frage nicht beantworten. Zum einen muss man hierbei die individuelle Situation der weiblichen Auszubildenden begutachten. Zum anderen verändern sich Berufe und die entsprechenden Tätigkeiten in der Ausbildung immer wieder. Beispielsweise durch die Digitalisierung. Doch damit einhergehend verändert sich auch die Gesellschaft. Frauen wachsen ebenso wie Männer mit digitalen Möglichkeiten auf. Smartphones, Tablets und die digitale Vernetzung sind aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Die Affinität zur Technik und zu modernen Medien ist heute daher auch bei Frauen ausgeprägter, als noch vor zehn Jahren. Zudem spielt die Muskelkraft in vielen industriell-technischen Berufen heute nicht mehr so sehr eine Rolle.

Was halten Sie von der Unterscheidung von Männer- und Frauenberufen? Schadet dieses Image den Betrieben nicht?

Hier kann man getrost von einem Imageschaden sprechen. Aufgrund der unzeitgemäßen Unterscheidung in klassische Frauen- und Männerberufe beschäftigen sich viele Schülerinnen gar nicht mit einigen Berufsgruppen. Im industriell-technischen Bereich beispielsweise gehen den Unternehmen viele weibliche Nachwuchsfachkräfte von vornherein verloren. Viele Frauen wären aber vielleicht genau in dieser Sparte hervorragend aufgehoben und könnten ihre Talente zur Geltung bringen. Unser Ziel muss es sein, dass die jungen Menschen das lernen, was ihnen Spaß bereitet und wo sie auch erfolgreich ihre Ziele verwirklichen können. Und das unabhängig von Frauen- und Männerberufen.

Was geben Sie Unternehmen bei der Auswahl von Bewerbern mit auf den Weg? Was können Betriebe leisten, um mehr Frauen in Männer-typischen Berufen zu integrieren?
Voraussetzung muss immer Talent und fachliches Wissen sein. Ich kann Unternehmen, gerade im gewerblich-technischen Bereich nur dazu raten, Bewerbungen von Frauen genau zu prüfen. Ich bin davon überzeugt, dass junge Frauen, die sich für einen „Männerberuf“ entscheiden die Ausbildung oder die ausgeschriebene Stelle mit Überzeugung wollen und einen besonderen Ehrgeiz und die nötige Durchschlagskraft mitbringen.

Welche Chancen haben junge Frauen, die eine Ausbildung in einem typischen Männerberuf erlernen, auf dem Arbeitsmarkt?

Die Aufstiegschancen im Beruf hängen nicht vom Geschlecht ab. Motivation, Zielstrebigkeit, fachliches Wissen sowie soziale Kompetenzen spielen dabei die übergeordneten Rollen. Zudem ist die Bereitschaft zum lebenslangen Lernen notwendig, um auf der Karriereleiter nach oben zu steigen. Die Aufstiegsfortbildung zum Industriemeister beispielsweise absolvieren vorwiegend Männer. Frauen sind aber auch immer wieder in den Kursen dabei und erzielen erstklassige Ergebnisse. Auch bei klassischen Weiterbildungsmaßnahmen erhoffe ich mir einen höheren Anteil an Frauen im technischen Bereich. Nur so können wir gemeinsam dem Fachkräftemangel entgegenwirken.
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