Leserbrief zum Artikel Barrierefreiheit und Fahrradstraße vom 13. Mai
Kleinwagenzeit und Carsharing-Netz

Leserbrief zum Artikel Barrierefreiheit und Fahrradstraße in der Brettener Woche vom 13. Mai.

Es ist keine Frage, dass wir im Städtebau neu denken müssen. Und so bin auch ich für ein neues Mobilitätskonzept. Selbst für eine Kleinstadt im ländlichen Raum! Aber ich halte es für unabdingbar, dabei Realitäten nicht außer Acht zu lassen. Mein Besuch in Peking ist knapp 30 Jahre her, da fuhren auf den Straßen dort neben Bussen, dem Wirtschaftsverkehr und wenigen verdunkelten Limousinen von “Parteibonzen“ und einigen Geschäftsleuten praktisch eine Milliarde Menschen auf Fahrrädern. Aber damals schon wünschten sich nach der wirtschaftlichen Öffnung zum Westen hin alle Chinesen unsere westliche Mobilität in wind- und wettergeschützten “Blechkisten“. Weit über hundert Millionen Chinesen konnten sich inzwischen ihren Traum erfüllen. Aber weitere Hunderte von Millionen Menschen in China, Indien, Afrika und Südamerika werden sich nicht von uns davon abhalten lassen, sich diesen Traum auch irgendwann zu erfüllen.

Vor dieser Realität halte ich es für eine traumtänzerische Illusion zu glauben, wir hier in Deutschland könnten durch den Umstieg von wenigen Menschen auf Fahrräder das Weltklima durch den Ausbau von Radwegen und den Wegfall von Parkplätzen beeinflussen. Es müssen tatsächlich differenzierte, sich ergänzende, ganzheitliche Mobilitätskonzepte im Städtebau der Zukunft her. Da bin ich einverstanden. Für mich müssen sie aber “intelligent“ sein, wie heute jeder Politiker zu sagen pflegt.
Was ist nun für mich im ländlichen Raum „intelligent“? Vermutlich durchaus das meiste, was dazu bislang angedacht wurde. Mir fehlt aber ein ganz entscheidender effektiver Anreiz. Wir haben folgende Fakten:

  1. Wer in unserem ländlichen Raum bei jedem Wetter selbst oder als Begleitperson zum Arzt, zum Physiotherapeuten, zum Friseur oder jedwedem sonstigen Dienstleister, einer Behörde oder als Pendler zum Arbeitsplatz muss, Kinder von der Krippe abholt und zum Einkaufen fährt oder als älterer, gebrechlicher Mensch gehbehindert ist, der wird sich in sein Auto und nicht in Fahrradkleidung auf sein Fahrrad setzen. Erst recht nicht, wenn er in einem Dorf, einem Ortsteil oder auf einem Berg wohnt.
  2. Im ländlichen Raum kann ein ÖPNV aus wirtschaftlichen Gründen nur auf Hauptstrecken, aber auch da nicht eng genug getaktet angeboten werden.
  3. Jedes vor allen Witterungen schützende Auto ist umso klimafreundlicher je kleiner, leichter und weniger stark es motorisiert ist, egal mit welchem Antrieb.
  4. Wer sich vor Corona einen Tag lang an eine vielbefahrene Straße innerorts stellte, konnte feststellen, dass in geschätzt 90 Prozent der Pkw nur ein oder zwei Personen sitzen. Also werden größere, stark motorisierte PKW nur bei zehn Prozent der Fahrten, meist für Urlaube, Ausflüge oder Transporte von Gerätschaften benötigt.

Vor dem Hintergrund dieser Fakten frage ich: Warum also schaffen Politik und Gesellschaft nicht Anreize, dass sich jede Familie, jeder Single für die oben genannte Grundmobilität statt eines SUV, einer Großlimousine oder eines übermotorisierten Sportwagens nicht einen zwei- oder viersitzigen Kleinwagen kauft? Warum wird nicht ein Carsharing-Netz für Groß-Pkw für diese zehn Prozent der Fahrten aufgebaut? Das würde mehr Energie und Schadstoffe einsparen als die wenigen Umsteigefälle auf ein Fahrrad. Zum Anreiz könnten Behörden, Ärzte, sonstige Dienstleister, Einkaufszentren und Kommunen einen wachsenden Anteil ihrer Kurzparkplätze nur für Kleinwagen mit kürzerer Länge und Breite ausweisen und der Staat für Kleinwagen Kaufprämien anbieten. Solche Anreize würden zusammen mit einem Carsharing für Großfahrzeuge langfristig zu geringerem Energieverbrauch und Schadstoffausstoß führen, ohne dass der Allwetter-Mobilitäts-Comfort aufgeben werden müsste. Darüber hinaus wäre der Platzbedarf deutlich geringer. Gelegentliche Transporte für Reisig, Großeinkäufe oder Arbeitsgeräte ließen sich dann mit Anhängerkupplung und „Nachbarschaftsanhänger“ bewältigen.

Der größte Klimakiller bei der privaten Mobilität ist ein überdimensionierter Pkw als Statussymbol oder das für jede Fahrt halbleer bewegte “Allzweckfahrzeug“. Wer nur ein solches fahren möchte, der müsste dabei extrem besteuert werden. Die Mehrsteuer könnte in den Ausbau eines Carsharing-Netzes für Groß-Pkw fließen. Dieses Grundprinzip wäre dann auf den ländlichen Raum global übertragbar, ohne dass in der Dritten Welt die motorisierten Mobilitätsträume sterben müssten. Die Kleinwagenzeit für eine wetterfeste Mobilität ist ja auch gar nicht neu. Sie hat es in ganz Europa in den 50er und 60er Jahren beim Wiederaufbau und wachsendem Wohlstand schon mal gegeben. Es war die Zeit von Isetta, Gogomobil, 2CV, R4, Fiat 500, VW-Golf und dergleichen.

Dann kam der Ölreichtum in den Golfstaaten, die Millionärszeit in den USA, Japan und Europa, später dann China. Darauf hat sich die deutsche Autoindustrie mit ihren Luxuslimousinen als Statussymbole ausgerichtet. So hat der Angebotsmarkt der Hersteller das Käuferverhalten zu SUV und anderen Spritfressern beeinflusst. Unser überlebensnotwendiger Zwang zum Klimaschutz erfordert nun aus meiner Sicht wieder eine Rückkehr zu verbrauchsarmen und Platz sparenden Kleinwagen, aber nicht eine Rückkehr zum chinesischen Fahrradzeitalter. Das Fahrrad ist ein Sport- und Freizeitgerät und zusätzlich für die Großstadt geeignet, aber kein Allwettergerät für die Mobilität im ländlichen Raum.

Gunter Lange
Bretten

Autor:

Kraichgau News aus Bretten

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