Maybepop in Bretten
"And the Beat goes on" in der Melanchthonstadt

Verzauberten das Publikum: Maybepop mit (von links) Christoph Hiller, Oliver Gies, Lukas Teske und Jan Bürger.
  • Verzauberten das Publikum: Maybepop mit (von links) Christoph Hiller, Oliver Gies, Lukas Teske und Jan Bürger.
  • Foto: privat
  • hochgeladen von Christian Schweizer

Bretten (kn) Respekt. Das Kunststück, bei gleich drei Generationen für leuchtende Augen zu sorgen, gelingt so eigentlich nur gewieften Soundtrack-Machern eines Disneyblockbusters. Bei der Musikformation Maybebop braucht es dafür weder eine Band noch ein Orchester. Jeder Ton kommt mundgemacht und auf allerhöchstem künstlerischen Niveau daher. Die stilistisch vitale Vielfalt ihrer Show ist einzigartig und voller Esprit. Die authentischen Inhalte der sensationellen Songs mit konstantem Hit-Potential leuchten hier witzig, da nachdenklich auf, ohne allzu albern oder belehrend zu wirken. Immer schwingt eine stimmige Dramaturgie mit, deren roter Faden die Einbindung des Konzertpublikums ist. Es wird mitgesungen, mitgeklatscht, mitgelacht und mitgedacht. Das reißt alle mit: Sechsjährige verfolgen das Bühnengeschehen ebenso mit kerzengerader Begeisterung, wie Ü-60er. Selbst Sechzehnjährige wippen auf der Stuhlkante mit, ehe es am Ende alle hochreißt und aufbrandende Wellen der Begeisterung das Brettener Hallenzentrum regelrecht durchfluten. 900 Zuhörer waren sich einig: Selten hat es in Bretten ein Live-Konzert gegeben, das so viel Begeisterung ausgelöst hat.

Ein ganz großer Wurf

Maybebop ist Deutschlands beste Vocal-Band und im Popsegment beheimatet. Das neue Programm „ziel:los!“ darf jetzt schon als ganz großer Wurf gewertet werden. Freilich rümpfen A-Capella-Puristen ob der doch üppigen Licht- und Tontechnik kultiviert die Nase. Doch was die Könner Volker Wecke und Thomas Schröder da optisch und akustisch auf der Bühne entstehen lassen, vernebelt weder die Musik noch die Botschaft, sondern unterstreicht und veredelt unaufdringlich. Bravo! Mit einem kultiviert-gepudertem Schlager-Gesang á la „Comedian Harmonists“ oder belanglosem Pop-Geplapper wie dem der „Prinzen“ hat nämlich das, was Maybebop da so famos, fast wie nebenbei fabriziert, nichts mehr zu tun. Im Gegenteil. Ihr Gesang ist hochwertiger, ihre Inhalte gehaltvoller als all das, was einem bisher so in diesem Genre entgegenschallt ist.

Offene Münder und Staccato-Applaus

Erfreulich ist dabei, dass sich das Quartett in Sachen Qualität beständig weiterentwickelt. The Beat goes on. So knüpft sich der geniale Kopf der Band, Komponist und Texter Oliver Gies, gerne Stil- und Spielarten jenseits ausgetretener Genre-Pfade vor. Handwerklich macht er das höchst intelligent und vollkommen, ohne dabei seine kreative Neugierde zu verlieren. Neben perfekt platzierten Pointen kommen so auch zeitkritische Themen nicht zu kurz: War im letzten Programm sein „Lied vom Nicht-Verstehen“ noch ein nachdenklicher, von Vokalsimen durchflochtenen Monolog im ruhigen Balladenton, bohrt sich heuer im Imperativ von „#lautsein!“ ein aufrüttelnder Ohrwurm gegen den schleichenden Rechtsruck durch die Gehörgänge. Bisher gab’s dafür tausende YouTube-Clicks und einen ersten Platz bei den NDR-Charts. Mehr davon! Als Jazzer kann Bariton Oliver Gies improvisieren wie ein junger Gott: Sein spontane, aber verblüffend schlüssige Hip-Hop-Nummer mit zugerufenen Begriffen aus dem Brettener Publikum sorgten für offene Münder und Staccato-Applaus in der Halle.

Eine stimmige Kombo

Seine Bandkollegen stehen ihm indes in Sachen schlawinerhafter Kultiviertheit in nichts nach. Tenor Lukas Teske, das sprechende Schlagzeug der Band, bringt gleich ein ganzes Arsenal perkussiver Elemente voll Akkuratesse mit und phrasiert seine raffinierte Rhythmen mit einer punktgenauen Präzision. Kein statisches Rhythmusgerät. Im Gegenteil. Das swingt, groovt, beflügelt und hat erfreulich viel Farbe.  Bassist Christoph Hiller ist weiterhin der kongeniale Ersatzspieler für den krankheitsbedingt pausierenden Sebastian Schröder.  Was bei Schröders sanftem Brustton weich tupfend bis meisterhaft bebend ans Trommelfell drang, gerät bei Hillers kernig-klarem Timbre vergleichsweise glänzend-gestählt und bisweilen solistisch donnernd. Bei dem anklagenden Lied „Kreation“ stellt Hiller beispielsweise metaphorisch nicht nur die Schöpfungsgeschichte auf den Kopf, sondern setzt auch solistisch ein düster-sonores Ausrufezeichen.

Schunkel-Schlager-Persiflage „Schalalala“

Bei der rustikalen Schunkel-Schlager-Persiflage „Schalalala“ bemerkten wohl nur die wenigsten Zuhörer die spitzbübige Genrekritik, denn die Ensemblequalitäten dieser fantastischen vier Vokal-Artisten waren selbst bei thematisch seichten Gewässern voll musikalischer Tiefe. Auch die dynamischen Ressourcen und die homogene Agogik verzauberten: Maybebop kann das Tempo steigern, ohne lauter zu werden. Wird lauter, ohne schneller zu werden. Und von der exzellenten Live-Intonation kann sich selbst ein Welt-Star wie Madonna, die unlängst ihren ESC-Auftritt in Tel Aviv glorreich vermasselt hat, eine Scheibe abschneiden. Zum Heulen schön „In deiner Tür“, das Lexikon-Lied „ABC“ swingte hernach in bester Close-Harmony-Manier lässig vor sich hin. Die vier Barbiere von Maybebop besangen anschließend die kuriosen Namensgebungen der Friseuren-Zunft sehr – pardon - haarmonisch, um danach gleich den Chören landauf landab inhaltlich ebenso clever den Spiegel vor die Nase zu halten. Apropos Chöre.

„My Soul is so happy that I can’t sit down“

Der Chor des Melanchthongymnasiums Bretten und der Gesangverein Frohsinn Büchig hatten vorab einen exklusiven Workshop von den Meistern bekommen. Unter der Leitung von Marianne Abele und Thomas Brost durften die Chöre schließlich den großen Abend eröffnen. Es war den glücklichen und stolzen Gesichtern anzusehen, dass dieser Tag mehr als eine Lehr- und Sternstunde für jeden Choristen gewesen ist. Nach den Zugaben „Bohemian Rhapsody“ - mit viel Extra-Applaus für Jan Bürger - und „Kein schöner Land“ mit einem neuen, sensationellen Text jenseits aller verklärenden Zwangsidylle, kamen zum Grande Finale alle Chöre, die Chor-AG der Beruflichen Schulen Bretten und ein Projektchor der Stadt dazu. Ein besonderer Dank ging an den Lions Club Bretten-Stromberg, Guy Graessel und den Förderverein der Grundschule Rinklingen, die diesen Event unterstützt hatten. Unter der Gesamtleitung des Initiators und ehrenamtlichen Mitveranstalters Bernd Neuschl sangen Maybebop mit rund 130 Sängerinnen und Sängern nach den Dankesworten von Oberbürgermeister Martin Wolff den Spiritual „My Soul is so happy that I can’t sit down.“ Das Publikum hielt es ebenfalls nicht mehr auf den Stühlen.

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