"Frau Priem, bitte ins Sprechzimmer": Was ein junger Vater in Elternzeit beim Kinderarzt und anderswo so alles erlebt

Mit dem Kinderwagen durch die Stadt: Dass auch Männer wie Daniel Priem Elternzeit nehmen, hat sich immer noch nicht überall herumgesprochen. Foto: ch
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Junge Väter, die Kinderwagen schieben oder ihren Nachwuchs auf den Spielplatz begleiten, sieht man jetzt häufiger. Aber im Bewusstsein der großen Mehrheit der Bevölkerung sind sie auch nach elf Jahren gesetzlich garantierter Elternzeit und Elterngeld anscheinend noch nicht angekommen, wie Daniel Priem aus Bretten festgestellt hat.

BRETTEN (ch) Junge Väter, die Kinderwagen schieben oder ihren Nachwuchs auf den Spielplatz begleiten, sieht man jetzt häufiger. Aber im Bewusstsein der großen Mehrheit der Bevölkerung sind sie auch nach elf Jahren gesetzlich garantierter Elternzeit und Elterngeld anscheinend noch nicht angekommen, wie Daniel Priem aus Bretten festgestellt hat.
Auslöser für die folgende Geschichte war ein kritischer Leserbrief. Darin beanstandete der 35-jährige Vater einen Artikel in der Brettener Woche über den barrierefreien Ausbau des Bahnhofs, in dem unter anderem von den Vorteilen für „Mütter mit Kinderwagen“ die Rede war. Auch er als Vater, der fast täglich mit seinem im Kinderwagen sitzenden Sohn den Brettener Bahnhof nutze, freue sich, wenn endlich Aufzüge eingebaut werden, schrieb Daniel Priem.

Nur Mutter/Kind-Parkplätze

Das Interesse war geweckt. An einem Nachmittag traf man sich im Straßencafé zum Gespräch über die Erfahrungen eines „Vollzeit-Papas“. Fahrrad und Kinderanhänger in Reichweite, das einjährige Söhnchen auf dem Schoß, berichtete Daniel Priem von anderen „Ausgrenzungserlebnissen“: Wie er am Kraichgau-Center nur „Mutter/Kind“-Parkplätze vorfand oder in der Kinderarztpraxis mit „Frau Priem“ aufgerufen wurde. An diesen und weiteren Beispielen zeige sich, „dass es noch einige Menschen gibt, die nicht damit rechnen, dass auch Männer Elternzeit nehmen“, meinte der verheiratete Wirtschaftsingenieur. Dennoch will er andere Väter ermutigen, es ihm gleich zu tun.

Elternschaft gleichberechtigt leben

Bei ihm selbst hat sich der Wunsch, Elternschaft gleichberechtigt zu leben, mit der Zeit entwickelt. Seine Frau arbeitet als Volkswirtin. Ihr wollte er es ermöglichen, nach dem ersten Kind beruflich schneller wieder Fuß zu fassen. „Die Arbeit kann eben auch ein Feld der Selbstverwirklichung darstellen und ist deshalb für beide Partner wichtig“, meint Daniel Priem. Nicht zu vergessen die finanzielle Unabhängigkeit. Außerdem: „Ich hatte Lust, mich auf das Thema Kind einzulassen.“ Dabei ging es ihm ebenso um die Bindung zum eigenen Kind, um „Sachen, die man später nicht nachholen kann.“ Einfach da zu sein, wenn die Milchzähne schmerzen, oder mit dem Kind eine Krankheit durchzustehen, „auch wenn das manchmal tierisch langweilig ist.“

Finanzielle Einbuße vertretbar

Daniel Priem und seine Frau Vanessa entschieden sich für das erst 2015 eingeführte, flexiblere Elternzeitmodell, das sogenannte „ElterngeldPlus mit Partnerschaftsbonus“. Das bedeutet: 14 Monate Elternzeit, die sich die Partner untereinander aufteilen können, mit anschließender Teilzeitarbeit und um vier Monate verlängertem Elterngeld. Klar, sei das eine finanzielle Einbuße, so der gebürtige Hesse. Aber Elterngeld in Höhe von ungefähr zwei Dritteln des Nettogehalts, das sei „vertretbar“. An negative Reaktionen auf seinen Entschluss konnte er sich nicht erinnern. Dass er in Elternzeit gehen wolle, habe er seinem Chef schon im Bewerbungsgespräch angekündigt. Und dass ein Kollege ihn in den „Urlaub“ verabschiedete, wertete er als Scherz.

Mehrere Krabbelgruppen getestet

Acht Monate nach der Geburt ging seine Frau wieder arbeiten, dafür übernahm er nun die Betreuung des Sohnes. Anfängliche Ideen, mit Lukas Ausflüge zu machen, musste er rasch begraben. „Der Tag wird schon sehr stark von den Bedürfnissen des Kindes bestimmt“, stellte er fest. „Es gibt ständig neue Herausforderungen und man muss die gerade gewonnenen Routinen anpassen.“ Um Struktur in den Alltag zu bringen, testete er mehrere Krabbelgruppen. Darunter einen reinen „Vätertreff“, den er schließlich vorzog. Dort sei es weniger um Stillprobleme, dafür auch mal um Politik und um die eigene Rolle als Vater gegangen, erinnerte sich Daniel Priem. „Und es war auch spannend zu vergleichen: Wie machen es andere Väter?“

Beim zweiten Kind wieder Elternzeit

Inzwischen geht auch Daniel Priem wieder arbeiten. Vier Mal pro Woche bringt er Lukas morgens mit dem Fahrrad zu einer Tagesmutter. Bei der Abholung wechseln sich Vater, Mutter und Oma ab. Und, wer weiß, vielleicht gibt es irgendwann auch noch ein Geschwisterchen. Sein Papa jedenfalls will das nicht ausschließen. „Auch beim zweiten Kind würde ich wieder in Elternzeit gehen“, betont Daniel Priem. Denn es sei einfach schön, dabei zu sein, wenn das Kind neue Dinge erlernt. „Ein Abenteuer, auf das es lohnt, sich einzulassen“, versichert der junge Vater.

Informationen zum Elterngeld und ElterngeldPlus von der Bundesregierung und auf dem Familienportal des Familienministeriums

Mit dem Kinderwagen durch die Stadt: Dass auch Männer wie Daniel Priem Elternzeit nehmen, hat sich immer noch nicht überall herumgesprochen. Foto: ch
Mit Papa auf der Schaukel: Daniel Priem hat seinen Sohn Lukas sechs Monate lang alleine versorgt. Foto: ch
Autor:

Chris Heinemann aus Bretten

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