„Trink aus, wir bleiben!“ – das Making-Of

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Autor Johannes Hucke berichtet über die Entstehung seines neuen Wein-Büchleins „Trink aus, wir bleiben! – Texte zum Wein“, erschienen im Info Verlag, Lindemanns Bibliothek.

Es gab schon härtere Jobs. Freund Fred, in jungen Jahren bereits der Ansicht, das Scheffeln von Geld sei ökosozialem Engagement allemal vorzuziehen, erkor mich zur Lösung seines Luxusproblems: Soeben war die herrlich gelegene Mühle zwischen Neibsheim und Gondelsheim fertig renoviert worden, doch seine neu gebildete Patchwork-Familie verlangte nach Übersee. Was aber sollte mit Trudel geschehen? Nein, nicht die Haushaltshilfe ist gemeint, sondern ein trübblickendes Hundchen, zurück gelassen von der Ex, überdies leicht zu kränken.

Eine Flasche Wein für jeden Abend

„Du musst“, umriss der Freund mein Stellenprofil, „der alten Dame dreimal Futter geben und dreimal mit ihr übers Feld latschen. Ansonsten lebe deinen Neigungen.“ Zu diesem Behuf hatte er mir fünf Flaschen Wein in die Chromglanz-Küche gestellt, für jeden Abend eine. Wohlgemerkt, Menschen, die es zu Wohlstand bringen, dosieren ihre Großzügigkeit. – Nun, die Aufgabe war zu bewältigen. Trudel zeigte sich anspruchslos, wenngleich eine stete Beschwerde in ihrem Blick zu glimmen schien. Das Herbstwetter war sonnig und die Mühle mit allen Bequemlichkeiten versehen, die der Upper Class unverzichtbar erscheinen: Baumelsessel mit Fernblick, Whirlpool an Shiatsu-Liege, Designer-Couchgartnitur zwischen Klinkerkamin und Breitwandbildschirm.

So trefflich der Weißburgunder auch mundete, es kam keine Leselust auf

Der erste Abend. Den in Fachkreisen sogenannten „Heißtopf“ hatte ich auf maximale Leistung gestellt, 43 Grad plus Vorsprudel. (Jenen Warnhinweis „Bitte keinesfalls über 8 Minuten im Wasser bleiben!“ entdeckte ich bei der Abreise.) Nach einem knappen Stündchen Badevergnügen überwältigte mich der Durst; angetan mit einem Vorabendserienbademantel in Lämmchenweiß, schleppte ich mich in die fußbodengeheizte Küche, begann zu entkorken und quetsche mich grunzend in einen vermutlich fernsteuerbaren Liegesessel mitten in die Wein-Bibliothek. Alles war da, von Stuart Pigotts Evangeliar „Wein spricht Deutsch“ über sämtliche Falstaff-Ausgaben bis zu Johnsons strengen Weinverurteilungsbrevieren, ebenfalls komplett vorrätig.
Übrigens, auf den Verdacht der Fernsteuerbarkeit kam ich, da jedes Mal, wenn ich zum Glas greifen wollte, der Sessel ausschwenkte und mich zu akrobatischen bis linkischen Gleichgewichtsmanövern zwang. Ich stellte mir vor, dass Fred samt Familie den Vorgang von Paumotu aus nicht nur in HD verfolgte, sondern auch zum Gaudium aller in Abständen auslöste. Wie dem auch sei, so trefflich der Weißburgunder mundete, es kam keine Leselust auf: Die Weinweltliteratur schien insgesamt – ja, zu trocken. Selbst die Schilderungen verklungener Besäufnisse von Feuilletonisten aus den 50ern vermochten mich nur bedingt zu amüsieren.

Süßes und Schaumiges

Ich begann mich zu sehnen: nach vergnüglichen, aber nicht doofen Texten, die zu jener Atmosphäre der produktiven Entspannung passten. Das war der Umschwung – und zwar von einem Erholungs- in einen Arbeitsaufenthalt. Wer die Qualen erzwungener Reha-Maßnahmen sowie den Flow nicht-entfremdeter Arbeit aber kennt, wird sogleich hellhörig werden. Denn feiner hätte ich´s nicht treffen können: Indessen ich, den Laptop auf den Knien, Beiträge von früher sichtete und ganz neue entwarf, steigerte sich die Inspiration, nicht zuletzt befeuert durch Freds fürsorgliche Fläschchen. Nachteil: Je wohler ich mich fühlte, desto vorwurfsvoller schaute Trudel. Manchmal drehte ich sie um. – Zunächst entwarf ich eine anpassungsfähige Struktur, strikt den Vorgaben folgend, die der Wein so mit sich bringt, also leichte Weißweine, Riesling, schwere Weißweine, Rosé, Spätburgunder, schwere Rote ... und dann noch Süßes und Schaumiges. Zu jedem Thema entwarf oder fand ich angemessene Texte und tippte mich so in ein Wohlbehagen hinein, das nicht-tippenden Menschen leider verschlossen bleibt.

Ein leicht paradoxer Titel

Der zweite Abend. Das Werk wuchs. Zwischen Frühstück, Spaziergang, Mittagmahl und Abendschmaus entstand „Trink aus, wir bleiben!“, ein leicht paradoxer Titel, aber präzise die Grundstimmung ausdrückend, die ich haben wollte. – Dritter Abend: Mitgerissen vom ersten vorzeigbaren Entwurf, schickte ich selbigen an Thomas, den Verleger. Die Begeisterung von Autoren stimmt nicht immer mit der Begeisterung von Verlegern überein. „Wo bleibt denn da die Information?“, forderte es aus dem Mobiltelefon. „Da ist nicht mal eine Information drin!“

Tür zum Weinkeller war immer noch verschlossen

Was sollte ich sagen? Störrisch wie Schreiberlinge nun mal sind, murmelte ich irgendwas wie „Information ist Manipulation“, aber Thomas hatte ja Recht. Verwirrt stieg ich in den Keller nieder, doch die Tür zum Weinkeller war immer noch verschlossen. Ich bewegte mich durch den Fitness-Raum von Freds frischer Freundin und entdeckte über einer Turnmatte einen Spalt. Kein Zweifel, hier war ein Zugang lieblos zugestellt worden. Als ich unter Juchhe! in den Weinkeller eindrang, musste ich registrieren, dass mir der Gastgeber nur Kreszenzen der mittleren bis unteren Kategorie rausgestellt hatte. Das sollte er büßen.

Lösung erscheint mit elfenhafter Leichtigkeit

Kaum hatte ich die erste Flasche eines herausragenden Kürnbacher Lembergers geleert, erschien mir die Lösung mit elfenhafter Leichtigkeit: Hatte ich nicht diese Serie für die Brettener Woche verfasst, „Mit dem Winzer durch das Jahr?“ Da war ich gezwungen gewesen, tatsächlich Fakten an Fakten zu reihen, um der Laienwelt einen Einblick ins edle Handwerk des Weinbaus zu gestatten. Flugs überarbeitete ich die Artikel und fügte sie ein. Inzwischen hatte der Verleger den international renommierten Maler Johannes Gervé für entzückende Vignetten gewinnen können. Als ich die erste sah, juchzte ich so laut, dass Trudel missmutig ins Kinderzimmer wechselte.

Wahrheit erschließt sich beim Lesen

Bis heute hat Fred die Schummelei nicht bemerkt. Nein, es ist nicht eben originell, leere Weinflaschen zurück ins Regal zu schieben. Jedoch, die Maßnahme ward durch das Ergebnis geheiligt. Oder etwa nicht? – Übrigens, es gibt Leute, die behaupten, alles sei Lüge, was ich hier aufgeschrieben habe: „Trink aus, wir bleiben!“ sei halb auf den Stufen eines feuchten Kellers entstanden, da es draußen wutzemäßig heiß war; die andere Hälfte hätte ich in der S-Bahn getippt, eingezwängt zwischen apfelfressende Büromenschen und Schulkinder mit ADHS. Wie es wirklich wahr? Vielleicht erschließt sich die Wahrheit ja beim Lesen. Viel Spaß!

„Trink aus, wir bleiben! – Texte zum Wein“
erschienen im Info Verlag, Lindemanns Bibliothek, Paperback, 192 Seiten, farbig illustriert mit 24 Aquarellen des Malers Johannes Gervé, 192 Seiten, 13,80 Euro.

Autor:

Havva Keskin aus Bretten

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