„So wichtig wie die Reformation”: Brettener Architekt Marcus Weiss kritisiert Umgang der Stadt mit ihrer Baukultur

Die Stadt Bretten blickt auf eine lange Geschichte zurück, die auch maßgeblich durch ihre Baukultur - wie hier um 1900 in der Weststadt - geprägt ist. Archiv

„Eine Stadt lebt ihre Geschichte.” Dieser geflügelte Satz wird immer dann in der Melanchthonstadt zitiert, wenn Bretten sich auf das über die Grenzen hinaus bekannte Peter-und-Paul-Fest vorbereitet. Ihre Geschichte lebt die Stadt aber auch durch die vielen historischen Gebäude, die der Altstadt ihr unverkennbares Gesicht geben. Doch genau diese Baukultur sieht der Brettener Architekt Marcus Weiss in Gefahr.

Bretten (swiz) Im Gespräch mit der Brettener Woche bemängelt Weiss unter anderem, dass es in Bretten „schlechte Tradition” sei, zu wenig über die Baukultur und die damit einhergehende Verantwortung zu reden. In einem Brief hat sich Weiss daher an die Verwaltungsspitze der Stadt sowie die Mitglieder des Gemeinderats gewandt. Darin schreibt Weiss: „Der Erhalt und die Restaurierung alter Bausubstanz, von Fachwerkhäusern über Jugendstilfassaden hin zu Gebäuden der Moderne, prägen das Bild der Stadt.” Daher sei es sehr wünschenswert, „wenn der Gemeinderat mit der Verwaltung die Wertigkeit unserer Bausubstanz in der Priorität weit nach oben schieben und hierfür entsprechende Haushaltsmittel bereitstellen würde”.

"Negative Auswirkungen darf man sich nicht schönreden"

Zu oft sei es in der Vergangenheit dazu gekommen, dass alte Gebäude in und nahe der Altstadt durch Gebäude des Typus „Stadtvilla“ ersetzt wurden oder aber rendite- und flächenoptimiert auf Kosten von Fassaden saniert wurden. „Die negativen Auswirkungen darf man sich unter keinen Umständen schönreden oder verharmlosen”, so Weiss. Einen reinen Blick auf die Rendite bei der Sanierung alter Häuser streitet Oberbürgermeister Martin Wolff dagegen ab. „Wenn wir ein altes oder denkmalgeschütztes Gebäude sanieren, dann muss auch ein Nutzungskonzept dahinter stehen. Das heißt aber nicht, dass wir dann nur auf die Rendite schauen.” Vielmehr müsse klar sein, was aus dem Gebäude werden solle. Da gelte, so Wolff, das alte Sprichwort: „Denkmalschutz ist Denkmalnutz." Auch einen weiteren Vorschlag von Weiss, die Stadt solle schon in den nächsten Haushalt Mittel für den Kauf von alten Gebäuden sowie für erste Restaurations- und Sanierungsmaßnahmen einstellen, sieht Wolff skeptisch. „Die Stadt kann nicht alle alten Gebäude kaufen und sie sanieren. Das gibt das Stadtsäckel auch nicht her.” Zudem unterstütze die Stadt Eigentümer von denkmalgeschützten Häusern bei der Sanierung ihrer Gebäude. „Das steht schon in unserer Altstadtsatzung”, so Wolff.

Fachdialog zur Baukultur gefordert

Neben den finanziellen Mitteln zum Erhalt der historischen Gebäude in Bretten fordert Weiss aber auch einen umfassenden Fachdialog zur Baukultur. „Dieser Dialog sollte stattfinden zwischen der Denkmalpflege, Restauratoren, Architekten und Ingenieuren, Bauhistorikern, der Verwaltung sowie den dafür zuständigen Ämtern der Stadt.” Dazu könne man zu einzelnen Themenbereichen externe Referenten einladen. „Zunächst müsste man die teilweise vorhandene Analyse des Bestandes fortführen.” Zudem sollten auch andere Städte und Gemeinden besichtigt werden, „um die positiven Effekte einer gezielten, geförderten Stadtbild- und Bausubstanzpflege und entsprechender Investitionen für die Stadtentwicklung zu erörtern”. So könnte man einen wissenschaftlichen, städtebaulichen und bauhistorischen Dialog erreichen.

"Das könnte ich mir sehr gut vorstellen"

Die Ergebnisse des Dialogs sollten dann nicht nur transparent und fortwährend dem Gemeinderat und der Öffentlichkeit zur Information und Beratung bereitgestellt werden, fordert der Architekt, sondern gemeinsam mit der gezielten Untersuchung einzelner Gebäude, „den Kauf und die Einstellung von Mitteln für eine denkmal- und bauwerksgerechte Sanierung begründen”. „Sehr gut vorstellen”, könnte sich OB Wolff einen solchen Dialog. „Den Vorschlag werde ich gerne mit in die nächste Sitzung der zuständigen Ausschüsse nehmen und ihn dort diskutieren.” Doch Weiss denkt schon weiter. „Aus dem Baukultur-Dialog heraus könnte dann ein gleichberechtigter Ausschuss oder Beirat gebildet werden, der bei Entscheidungen, Fragen und Bau- oder Abrissanträgen gehört werden muss. Gleich einem Gestaltungsbeirat, der in verschiedenen Städten Süddeutschlands bereits aktiv ist. Die Stärke eines solchen Gestaltungs- oder Baukulturbeirats könnte sein, dass er auch mit nicht städtisch verwurzelten Fachleuten besetzt wird, um eine objektive Sichtweise nicht zu beeinträchtigen.” So könnten für die Verwaltung und den Gemeinderat und damit die Bürger objektive Grundlagen für Entscheidungen geschaffen werden, führt Weiss weiter aus. Entscheidend bei all diesen Vorhaben sei, so Weiss, „dass der Erhalt der Baukultur ein gleichwertiger Baustein der Stadtentwicklung ist. Wie die Geschichte Melanchthons, der Reformation und des immateriellen Kulturerbes, das wir mit dem Peter- und Paul Fest erfolgreich bewahren.”
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