In Bretten zuhause: Atelierbesuch beim Brettener Künstlerpaar Sabine und Tom Naumann
Die Kunst als anspruchsvolle Mitbewohnerin

Nächtlicher Durchblick: Die Künstlerin Sabine Naumann mit einer ihrer Assemblagen ("ohne Titel, Holz, Metall") aus dem Jahr 2018.
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  • Nächtlicher Durchblick: Die Künstlerin Sabine Naumann mit einer ihrer Assemblagen ("ohne Titel, Holz, Metall") aus dem Jahr 2018.
  • Foto: Tom Naumann
  • hochgeladen von Chris Heinemann

BRETTEN (ch) Eine mit Bildern gespickte Wand im hell erleuchteten Treppenhaus empfängt den abendlichen Besucher bei Sabine und Tom Naumann. Das Künstlerpaar ist erst spät von der Arbeit in sein Atelierhaus im Brettener Schänzle heimgekehrt.

Tonbarren statt Abendbrot

Sabine Naumann führt den Gast geradewegs ins Wohnzimmer. An den Wänden große und kleine Gemälde, eine Skulptur auf einem Sockel, in der Ecke ein Küchenbüffet der Marke „geliebtes Erbstück“ und mittendrin ein stabiler Wohnzimmertisch. Darauf nicht etwa das Abendbrot, sondern frisch ausgepackte, graue Tonbarren. Damit knetet der Hausherr gerade an einem weiblichen Torso. So stellt sich der Laie einen Künstlerhaushalt vor.

Zeit für eigenes Schaffen

Beide sind Vollzeit berufstätig, er als Leiter des Bereichs Kunst an der Bruchsaler Musik- und Kunstschule (MuKs), sie als Kunstlehrerin an der Dr. Johannes-Faust-Schule in Knittlingen. Zusätzlich arbeitet sie einen Tag in der Woche und mitunter am Wochenende als Dozentin an der MuKs. Wo bleibt da noch Zeit für das eigene künstlerische Schaffen? Die Antwort klingt fast ein wenig trotzig: „Abends, an den Resttagen – und im Urlaub.“ Aber wie soll es auch anders funktionieren? „Wir leben mit der Kunst“, betonen beide. Und schon entspinnt sich ein lebhaftes Gespräch.

Gegenseitiger Respekt

„Wir haben schon vierhändig gearbeitet“, berichtet Sabine Naumann und deutet auf ein bemaltes Holzobjekt: „Das ist mit der Kettensäge ausgeschnitten.“ Von ihrem Mann? Sie schüttelt den Kopf: „Nee, wir arbeiten beide mit der Kettensäge.“ „Wir geben auch beide Kurse für Kettensägenschnitzen – und für Schweißen von Metallskulpturen“, ergänzt Tom Naumann und hält einen aus einem Stück geschnitzten hölzernen Stuhl in Miniaturgröße hoch. „Das kann dann auch mal so kleine Dimensionen haben.“ Punktuelle Zusammenarbeit ja, aber ansonsten mischen sich beide nicht in die Arbeitsbereiche des anderen ein.

Ein Auge fürs Finden

Als gelernte technische Zeichnerin, die anschließend ein Lehramtsstudium für Kunst absolvierte, hat Sabine Naumann mit dem Malen auf Leinwand angefangen. Dabei sei ihre Technik sehr von der urzeitlichen Höhlenmalerei beeinflusst gewesen, sagt sie. Irgendwann kam sie mit der Leinwand nicht weiter und wechselte auf hölzerne Untergründe. „Daraus entstanden bemalte Skulpturen.“ Und Assemblagen, eine Art dreidimensionaler Collagen. Zum Beispiel „Grace“. Eine in Grautönen bemalte Komposition aus Holzabfällen vom Kettensägenschnitzen. Holzabfälle? „Es gibt keine Abfälle“, schmunzelt die Künstlerin. Alles kann Eingang in eine neue Assemblage finden, man muss es nur finden. Das Finden von passenden Reststücken, um sie zu einem eigenständigen neuen Werk zusammenzufügen, dafür hat Sabine Naumann ein Auge.

Das Ganze und das Detail

Neben der vorrangigen Acrylmalerei auf Holz ist ihr noch ein zweites Ausdrucksmittel wichtig: Tuschezeichnung und Drucktechnik, “am liebsten Monotypien“, wie sie sagt. Auch daraus entwickelten sich dreidimensionale Arbeiten. „Ich sehe immer schon das fertige Objekt vor mir, er hat mehr den Blick für die Details“, spielt sie den Ball ihrem Mann zu. Der bestätigt: „Ich bin eher der Handwerker, der die technischen Probleme löst.“ Tom Naumann hat quasi den umgekehrten Bildungsweg beschritten: erst Lehramtsstudium für Pädagogik und Philosophie, danach eine Lehre als Werbefotograf. 2004 kam er als freischaffender Künstler an die MuKs. Drei Jahre später übernahm er die Bereichsleitung Kunst.

Outdoor- und Indoor-Arbeiten

An einer Wohnzimmerwand sind unscharf verfremdete, großformatige Fotografien schlanker weiblicher Figuren in luftigen Stoffen von Tom Naumann zu sehen. Ansonsten könne er nicht viel zeigen, bedauert der Künstler. Er arbeite eben überwiegend outdoor, entweder mit der Kettensäge oder beim Brennen von Raku-Keramik. „Im Moment haben wir beide ein Thema“, wirft Sabine Naumann ein. „Aber da bist du dran, ich unterrichte“, entgegnet ihr Mann. Und an den Besucher gewandt fügt er hinzu: „Es geht um die Bombenangriffe auf deutsche Städte am Ende des Zweiten Weltkriegs.“ Am 1. März jährt sich die Zerstörung Bruchsals zum 75. Mal. Dazu wird am 29. Februar um 15 Uhr im Bruchsaler Rathaus eine Gruppenausstellung eröffnet, an der Sabine Naumann mit eigenen Werken beteiligt ist. An einigen arbeitet sie noch, wie sich bei einem Ausflug über den Flur in ihr Atelierzimmer zeigt.

Künstlerisches Gedenken

Auf einer Staffelei steht ein rostfarbenes Bild mit einer mittig montierten Metallplatte, rotbraun verbrannt, stellenweise durchgeglüht und mit Spuren abgeplatzten Emails. „Eine Rückwand von einem beim Bombardement verbrannten Küchenherd“, mutmaßt die Künstlerin. Das Metallstück stammt aus einer Grube voller verbrannter und verglühter Metallreste vom Bombenangriff auf Bruchsal. Sie wurden vor Jahren bei der Entwicklung des Bruchsaler BahnStadt-Areals entdeckt. Es gehe um Gedenken an die Zerstörung und die Leiden der Zivilbevölkerung, ohne damit die Kriegsschuld Deutschlands kleinzureden, meint Tom Naumann. Seine Frau wünscht sich, dass die Arbeiten für sich sprechen. Jedem Betrachter soll selbst überlassen bleiben, was er sich dabei denkt.

Geliebte Linien

Noch eindrucksvoller ein größeres Format auf dem Arbeitstisch: im unteren Teil fünf überlappend angeordnete Bleche mit deutlichen Brandspuren, darunter zwei Sägeblätter. Im oberen Teil - über einer großen schwarzen Leerfläche - sechs Gipsabdrücke von Bombenflugzeugen in Spielzeuggröße. Das Schwarze sei nur die Grundierung, klärt die Künstlerin auf. „Das wird noch hell übermalt.“ Denn der Fliegerangriff fand tagsüber statt. Und sie fügt hinzu: „Ich fange alle meine Bilder mit schwarzem Hintergrund an, nur so kann ich später schwarze Linien herauskratzen.“ Sie lacht: „Ich liebe alle Linien und mag es eckig, da macht sich vielleicht doch ein bisschen die Technische Zeichnerin bemerkbar.“

Mehr Beiträge und Bilder auf unserer Themenseite In Bretten zuhause

Autor:

Chris Heinemann aus Bretten

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