Bürger diskutieren mit Vertretern von Abellio und Bombardier über gravierende Probleme im Nahverkehr
Geballte Ladung Frust im Brettener Ratssaal

Rund 100 Bürger diskutierten mit Vertretern des Nahverkehrs im Brettener Ratssaal.
  • Rund 100 Bürger diskutierten mit Vertretern des Nahverkehrs im Brettener Ratssaal.
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Bretten (swiz) Es war eine geballte Ladung Frust, die da am gestrigen Mittwoch, 16. Oktober, von rund 100 Menschen im großen Ratssaal des Brettener Rathauses abgeladen wurde. Die Stadt in Person von Bürgermeister Michael Nöltner hatte die Bürger eingeladen, um über die Situation im öffentlichen Nahverkehr zu informieren, seit der Bahnbetreiber Abellio die Strecke Stuttgart Heidelberg übernommen hat. Zu den Vertretern von Abellio gesellten sich in der großen Expertenrunde Vertreter des Bahnherstellers Bombardier, der Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg sowie des Karlsruher Verkehrsverbundes (KVV) und des Stuttgarter Verkehrsministeriums. Und die versammelte Expertenrunde merkte in der Folge schnell, wie groß der Ärger, die Wut und die Enttäuschung der Menschen mit Blick auf die zahlreichen Zugausfälle und Verspätungen ist. Dabei waren beileibe nicht nur Brettener Bürger zu der Veranstaltung gekommen.

"Man reißt doch auch kein altes Haus ab, bevor der Neubau steht"

Ein Vater aus Maulbronn, dessen Kinder in der Melanchthonstadt zu Schule gehen, forderte die versammelte Runde auf, endlich Lösungen zu präsentieren und klagte, man könne doch nicht ein funktionierendes Verkehrskonzept durch den Umstieg auf einen neuen Bahnbetreiber einfach so über den Haufen werfen und verdeutlichte dies mit einem Beispiel: "Man reißt doch auch kein altes Haus ab, bevor der Neubau steht." Frustriert und enttäuscht von der momentanen Situation auf den Bahnstrecken der Region, ist auch Volker Sengler aus dem Bruchsaler Stadtteil Heidelsheim. Er monierte noch nicht einmal die Zugausfälle, sondern die Funktionen der Züge selbst. "Es ist oft so, dass in den Zügen zum Beispiel die ersten drei Türen an den Haltestellen einfach nicht aufgehen. Wenn man dann bei der vierten angelangt ist, fährt man schon in die nächste Haltestelle ein." Der Notruf an den Triebwagenführer funktioniere ebenfalls nicht, so Sengler. Was er denn in diesem Fall machen solle, etwa den Nothalt drücken?

Schüler verpassen Klausuren

Vehementer Beifall und unzufriedene Zwischenrufe begleiteten die Wortmeldungen und Bürgermeister Nöltner musste ein ums andere Mal, um eine "konstruktive Diskussionsatmosphäre" bitten. Verständlich war der Frust aber auch, wenn man den Geschichten von betroffenen Eltern von Schülern oder Schülern selbst lauschte. So kritisierte unter anderem Monika Barton aus dem Brettener Stadtteil Diedelsheim, die gemeinsam mit ihrem Mann zu der Veranstaltung gekommen war, dass "meine Kinder in das Gymnasium St. Paulusheim in Bruchsal gehen und morgens wegen der Verspätungen der Abellio-Züge oftmals eine halbe Stunde vergeblich am Bahnsteig stehen". Die Lehrer seien zwar informiert, aber Klausuren würden die Kinder auf diese Weise einfach verpassen. Dazu stellte sich aus den Äußerungen einiger verärgerter Anwesender heraus, dass die Züge des Anbieters Abellio am Halt Diedelsheim oftmals einfach vorbeiführen, ohne anzuhalten. Eine Erklärung konnten dazu auch die Abellio-Vertreter nicht liefern, versprachen aber, sich dieses Sachverhalts "umgehend anzunehmen".

"Wo ist da das Kundenmanagement?"

Einig im Frust, waren sich auch viele Eltern bei einer notwendigen Entschädigung für die schon bezahlten Schülerfahrkarten. "Wo ist da das Kundenmanagement?", hieß es von einer Mutter. Einen Schritt weiter ging die Mutter einer zehnjährigen Tochter: "Mein Kind ist in der ersten Schulwoche zum ersten Mal alleine Bahn gefahren und sie stand hilflos auf dem Bahnsteig, weil der Zug nicht kam." Dazu kämen Zugausfälle auf dem Rückweg von der Schule. "Mein Kind hat zweieinhalb Stunden nach Hause gebraucht und kein Mittagessen gehabt. Das ist schon eine Art von Körperverletzung." Am besten man kündige den Vertrag mit Abellio wieder und gebe ihn an den vorherigen Betreiber zurück, forderte eine weitere wütende Mutter.

Keine ausreichende Testphase für Abellio-Züge

Auch Bürgermeister Nöltner hatte die Situation im Nahverkehr im Vorhinein und während der Veranstaltung immer wieder scharf kritisiert und kam zu dem Fazit: "So geht es nicht weiter." Es gehe ihm allerdings nicht darum, jemand den Schwarzen Peter zuzuschieben. Allerdings, so Nöltner, mit Blick auf die wütenden Besucher, müssten die anwesenden Vertreter von Unternehmen und Behörden "da jetzt durch". Die so vielfach Gescholtenen waren sichtlich um Aufklärung bemüht, entschuldigten sich für die verfahrene Situation, konnten den Anwesenden aber auch nicht wirklich Hoffnung auf eine schnelle Verbesserung machen. Man habe früh erkannt, dass es Probleme geben werde, und sei mit der derzeitigen Situation natürlich absolut nicht zufrieden, betonte Markus Gericke vom Verkehrsministerium. Man habe unter anderem mit der DB Regio den anfänglichen Fahrzeugmangel, verursacht durch die Lieferschwierigkeiten von Bombardier, aufgefangen. Seit Anfang September seien zwar nun zwölf der notwendigen 16 neuen Züge im Einsatz. Wegen des Zeitdrucks seien diese aber ohne die übliche Sechs-Wochen-Testphase in Betrieb gegangen. Das führe zu vielen Störungen, unter anderem in der Software, die die Züge manchmal komplett lahmlegten.

Fahrplan ist gut, wenn die Züge fahren

Bei den Zügen könne man wenig machen, aber man habe den Fahrplan zum Schuljahresbeginn schon ein wenig angepasst, um notwendige Verbindungen zu gewährleisten, sagte Felix Schmidt-Eisenlohr von der Nahverkehrsgesellschaft. Zudem wolle man noch einen zusätzlichen Zug einrichten, der um 5.10 Uhr in Bruchsal starte und um 5.50 Uhr in Mühlacker ankomme. Für höhnisches Gelächter sorgte Schmidt-Eisenlohr dann mit dem Satz: Der Fahrplan sei gut und fahrbar, wenn die Züge denn pünktlich kämen.

Mängel an Fahrzeugen und in der Software

Damit war die Reihe an Abellio. Man wolle sich in aller Form bei den Kunden entschuldigen, so Pressesprecherin Hanelore Schuster. Es sei zurzeit ein absolut unbefriedigender Betrieb, dessen wesentliche Ursache die Problematik der fehlerhaften Fahrzeuge sei. "Erst gab es die Lieferprobleme und dann die technischen Fehler", betonte Schuster. Man habe im Juni dieses Jahres dann mit einem Mix an Bahnen beginnen müssen, weil Bombardier statt der versprochenen 16 Züge nur zwei geliefert hatte. Weil aber für jeden Zug ein extra "Führerschein" notwendig sei, hätten die Schulungen der Triebfahrzeugsführer sehr viel Zeit in Anspruch genommen. Dazu kam der Einsatz der dann insgesamt elf Fahrzeuge im September ohne ausreichende Testphase. Im laufenden Betrieb hätten sich dann, so Schuster, viele Mängel an den Zügen und auch in der Software gezeigt. "Da sind Züge einfach komplett auf der Strecke stehengeblieben, weil die Software ausgefallen ist." Bombardier sei nun in der Pflicht, diese Fehler schnellstmöglich zu beseitigen.

Komplexe Software und zu viele Aufträge

Damit war die Reihe und damit auch der Schwarze Peter dann doch bei Francois Muller als Vertreter des Bombardier Konzerns gelandet. Auch von ihm kam zunächst eine Entschuldigung für die Misere. Als Gründe nannte er unter anderem das Problem, dass man eine neue Software habe entwickeln müssen. Diese sei sehr komplex aufgrund der neuen Sicherheitsstandards. Zudem habe der Konzern an drei Projekten gleichzeitig gearbeitet und sei daher in der Produktion und Zulassung der vielen Züge ins Hintertreffen geraten. Auf die Frage, wann mit den restlichen Zügen zu rechnen sei, es fehlen noch vier, konnte Muller indes keine Antwort geben. Man wolle die Produktion aber beschleunigen.

Viele Versprechen zum Schluss

Am Schluss des Abends wurde von den Beteiligten noch ein Fazit gezogen, was nun an unmittelbaren Lösungen möglich sei. Gericke versprach zu prüfen, ob ein Busverkehr als Ersatz für ausgefallene und verspätete Züge morgens und nachmittags sinnvoll sei und versprach Entschädigungen, "wenn es nicht besser wird". Schmidt-Eisenloher versprach, sich weiter um eine Verbesserung der Fahrpläne zu bemühen, während Corinna Güllner, Leiterin Tarif, Vertrieb und Erlösmanagement bei Abellio, erklärte, man werde sich um den Zughalt in Diedelsheim kümmern, die Türstörungen beheben und die Kundenbetreuer nachschulen. Die seien nämlich, nach Aussage einer Schülerin, "sehr unfreundlich und mehr Kontrolleure als Betreuer." Am Schluss brachte sie das wohl treffendste Fazit vieler verärgerter Kunden auf den Punkt: "Es funktioniert einfach gar nichts."

Autor:

Christian Schweizer aus Bretten

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