In Bretten zuhause: Was macht eigentlich eine Bezirkskantorin? 

Bärbel Tschochohei

Bärbel Tschochohei bereichert das musikalische Leben in Kirche, Stadt und Landkreis

Bretten (ger) Wie viele Stunden ihre Arbeitswoche hat, möchte sie nicht beziffern. Bärbel Tschochohei, Kantorin der Evangelischen Kirchengemeinde und Bezirkskantorin des Evangelischen Kirchenbezirks Bretten-Bruchsal, trägt die Verantwortung für alles Musikalische in der Evangelischen Gemeinde Bretten und ist darüber hinaus für zahlreiche Aufgaben im Bezirk zuständig. „Ein Nein kommt mir nur schwer über die Lippen“, bekundet die Kirchenmusikerin. Selbst an ihrem freien Tag in der Woche, dem Donnerstag, kümmert sie sich dann doch um eine Chorleitungsschülerin. „Das ist aber eine Ausnahme“, beteuert sie schmunzelnd.

25 Jahre Kantorin

Am 1. Januar 1994 trat Bärbel Tschochohei, die aus Pfalzgrafenweiler im Nordschwarzwald stammt und in Trossingen Kirchenmusik studiert hat, ihre Stelle an und feierte damit Anfang des Jahres ihr 25-jähriges Jubiläum. „Mein Vorgänger war 33 Jahre hier. Ich weiß noch, dass ich damals sagte: So lange mache ich das nicht. Mit so einer Aussage wäre ich jetzt vorsichtiger“, bekennt sie mit einem Augenzwinkern. Etwa 30 Prozent ihres Dienstdeputats erfüllt sie in der Gemeinde, etwa 70 Prozent im Bezirk, zu Beginn ihrer Amtszeit war das noch umgekehrt.

Teamarbeit mit vielen Neben- und Ehrenamtlichen

In der Evangelischen Gemeinde ist Tschochohei für die musikalische Gestaltung der Gottesdienste inklusive Taufen und Trauungen zuständig. Mit den drei Pfarrern stimmt sie die Lieder ab, sie erstellt den Orgelplan – derzeit stehen ihr 13 Organisten für Vertretungen in der Kirchengemeinde zur Seite – und erarbeitet im Team mit Kirchenchorleiter Friedrich Gerber und Posaunenchordirigent Stephan Arendt die Beteiligung dieser Ensembles an den Gottesdiensten. „Vieles ist Teamarbeit. Ohne die vielen Neben- und Ehrenamtlichen wäre das alles gar nicht möglich“, betont sie. Bei den Konzertreihen „Orgelmusik zum Markt“ und „Das kleine Konzert“ ist sie für alles von Organisation über Marketing, Abrechnung bis „Kirche aufschließen“ zuständig. Dazu kommen noch all die musikalischen Gruppen, die sie leitet oder bei denen sie „halt dabei“ ist: Da gibt es seit zwei Jahren das Vokalensemble AdVoc, das sich aus Leuten aus der Gemeinde zusammensetzt, die gut singen können und die das Gemeindeleben mit A-Capella-Literatur bereichern. Oder die M&M-Band, die projektbezogen aktiv ist. Nicht zu vergessen die Schola Cantorum Tribus Brettae, die mit ihren gregorianischen Gesängen vor allem Peter-und-Paul-Gängern ein Begriff ist.

"Über Musik Menschen integrieren"

Besonders am Herzen liegen Tschochohei die vier Kinder- und Jugendchöre der Gemeinde. Angefangen bei den Küken, mit denen sie in den beiden evangelischen Kindergärten in der Kernstadt projektbezogen singt und musiziert, über die Spatzen und Lerchen bis hin zu den Sonic Birds gibt es Angebote für musikbegeisterte Kinder zwischen vier und 15 Jahren. Alle zusammen haben neben Gottesdienst auch einmal im Jahr beim Kindermusical ihren großen Auftritt, dieses Jahr am 24. März mit „Die ??? Kids Musikdiebe“ in der Stadtparkhalle. „Über die Musik Menschen in die Kirche integrieren, ohne sie unter Druck zu setzen“, formuliert die Kantorin die Überschrift, unter der ihr Tun stattfindet.

Offen für alles

So verwundert es nicht, dass sie für annähernd alles offen ist. Beim Gottesdienst zur Eröffnung der Predigtreihe fand sich zum Beispiel eine Gruppierung zusammen, die von Pfarrer Ralf Bönninger als „Die Spontanen“ begrüßt wurde. Der Name ist Programm, denn man trifft sich eine halbe Stunde vor dem Gottesdienst, übt kurzerhand ein Lied mehrstimmig ein oder überlegt sich, es mit der Cajon rhythmisch zu begleiten. Bärbel Tschochohei ist gespannt, was aus diesem ersten Anstoß anlässlich der Einführung des Neuen Anhangs zum Gesangbuch entstehen kann. Die Motivation dabei ist, dass auch Gemeindeglieder, die keiner musikalischen Gruppe angehören, Gottesdienste aktiv mitgestalten, und damit zum Beispiel auch Lieder, die selten gesungen werden oder noch unbekannt sind, für die Gemeinde leichter singbar sind.

Ausbildung, Ehrung, Beratung

Als Bezirkskantorin bildet Tschochohei Orgelschüler und Chorleiter aus, nimmt auf Einladungen Ehrungen an verdienten Organisten, Instrumentalisten und Chorsängern vor, besucht und berät Chöre und Ensembles – derzeit sind das 26 Kirchen- und 12 Projektchöre, 12 Gospel- und Kinderchöre, 18 Posaunenchöre, elf Bands und vier Instrumentalensembles im Bezirk – und begleitet diese auch gelegentlich an Klavier oder Orgel. Sie stellt einmal im Jahr ein großes Oratorium auf die Beine, das von der Bezirkskantorei in Bretten und Bruchsal aufgeführt wird, und organisiert geistliche Abendmusiken, die durch alle Kirchen des Bezirks „touren“. Als Leiter des Bezirksbläserchores und Bezirkschorleiter für die Posaunenchöre zeichnet sich musikalisch auf der Bezirksebene Prof. Matthias Gromer verantwortlich.
Außerdem ist Tschochohei in zahlreiche überregionale Projekte teils federführend eingebunden wie einer Orgelschule für Kids und Quereinsteiger, der Einzelstimmbildung für Kinder unter der Überschrift MiKi („Mit Kindern singen“) oder einem Mehrgenerationenfest, das nach zweijähriger Vorbereitungszeit unter dem Arbeitstitel „Mein Lebenslied“ am 11. Oktober 2020 in Weingarten stattfinden soll.

Leidenschaft für die Menschen und die Kirchenmusik

Was auch sehr viel Zeit in Anspruch nimmt, ist die Beratung aller nebenamtlicher Musikkräfte in rechtlichen Angelegenheiten. Vor allem die anstellungsrechtlichen Aspekte sind sehr komplex, müssen bei jedem individuell beachtet werden. Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen im Verwaltungs- und Serviceamt seien dabei „Gold wert“, betont sie. Wie in den Vereinen ist es in der Kirche auch immer schwieriger, Menschen zu finden, die sich einbringen. „Ohne die geht es aber nicht“, weiß die Kantorin. Auch die finanziellen Herausforderungen bei Veranstaltungen nehmen zu, und so ist sie froh über den Freundeskreis für Kirchenmusik und andere Spender, die die musikalische Arbeit unterstützen. Anlässlich der anstehenden Gemeindehausrenovierung ist sie selbst beim Fundraising-Team dabei, das eine Reihe an Benefiz-Veranstaltungen organisiert. Bärbel Tschochohei macht das alles mit viel Begeisterung und es liegt ihr fern, sich über ihr Arbeitspensum zu beklagen. „Manche sagen: Was du alles machen musst! Aber ich fordere das selbst von mir. Ich tue das aus Leidenschaft für die Menschen und die Kirchenmusik.“

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