Preisverleihung der Ludwig-Marum-Stiftung: Ria Knieper und Zirkusprojekt Makkaroni ausgezeichnet

Mahnende Gedanken von Angela Borgstedt bei ihrer Gedenkrede

Pfinztal (khw) Auf den ersten Blick schien die Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus, die jährlich am LMG Pfinztal stattfindet und immer in die Verleihung des Preises der Ludwig-Marum-Stiftung mündet, bei ihrer 21. Wiederauflage „aus dem Rahmen zu fallen“, glaubte doch vielleicht mancher der zahlreichen Besucher, die vom Kuratorium der Stiftung ausgewählte diesjährige Preisträgerin, Ria Knieper, Lehrerin der Schlossgartenschule und „Chefin“ vom Schulzirkus Makkaroni im Bildungszentrum Berghausen, würde „nicht so richtig“ in die Reihe bisheriger Geehrter passen. Doch weit gefehlt: Alle Rednerinnen und Redner des Abends entdeckten im nachhaltigen Wirken der in ihrer Aufgabe aufgehenden Preisträgerin und ihren anvertrauten Schülerinnen und Schülern Parallelen zum humanistisch geprägten Menschenbild Ludwig Marums, dem Namensgeber des Berghausener Gymnasiums.

Preisträgern sind Menschen in unterschiedlichen Facetten

Elke Engelmann, Leiterin des LMG, fragte selbst bei ihrer Einführung, „Zirkus“ und „Gedenken“ – wie passt das zusammen? Der Anlass dürfe nicht aus den Augen verloren werden, aber Lebensfreude und Lebensbejahung dürften nicht vergessen werden, um authentisch zu sein und für Überzeugungen einzutreten. Bürgermeisterin Nicola Bodner, auch Kuratoriumsmitglied, betonte, bei den Preisträgern habe man immer Menschen in unterschiedlichen Facetten ausgesucht, die sich für das Gemeinwohl, für Jung und Alt, für die Demokratie in besonderem Maße einsetzen. Dies treffe auch bei der diesjährigen Wahl zu. Ludwig Marum wäre sicher stolz auf die Stiftung und die Pflege seines Vermächtnisses.

„Wir wollen nicht, dass sich so etwas wie Auschwitz wiederholt“

In ihrer Gedenkrede forderte Angela Borgstedt, Leiterin der Forschungsstelle Widerstand gegen den Nationalsozialismus im deutschen Südwesten, gleich zu Beginn ihrer Ansprache, Geschichtsrevisionisten entgegenzutreten. „Wir wollen nicht, dass sich so etwas wie Auschwitz wiederholt“. Das Gedenken sei auch ein Zeichen für die Gegenwart. Denn: „Wenn Auschwitz möglich war, woher nehmen wir dann die Gewissheit existentieller Sicherheit?“ Verstehen könne man die schuldbeladene Zeit erst, wenn man sich mit Menschen befasse, die Widerstand geleistet haben. Individuelle Lebensgeschichten müsse man kennen; solche Personen machten Geschichte erst begreifbar. In der heutigen Zeit mit zunehmender Tatsachenverweigerung komme es verstärkt darauf an, die eigene Handlungsweise zu überprüfen.

Mitläufertum war nicht alternativlos

Als Beispiel für Widerstand wählte Borgstedt Hannelore Hansch geb. Gebhardt aus, die - 1918 als Tochter einer jüdischen Mutter geboren und in einem liberalen Elternhaus aufwachsend - später auf dem Rittnerthof am Durlacher Turmberg lebte, dort 2007 verstarb und sich wie Ludwig Marum durch Geradlinigkeit in ihrem Leben auszeichnete, die Bekanntschaft mit Verfolgung machen musste, sich aber trotz Drohung der Deportation nicht einschüchtern ließ. Sie beherbergte unter anderem Juden. Sie war keine prominente Person des Widerstandes, verdiene aber bekannter zu sein. Auch ihr Leben habe gezeigt, dass es schwer war, dagegenzuhalten, dass aber Mitläufertum nicht alternativlos war.

„Populisten verwenden kontaminiertes Nazivokubalar“

Zur Gegenwart gab die Professorin zu bedenken, auch Demokratie sei nicht selbstverständlich und sicher. „Populisten verwenden kontaminiertes Nazivokubalar“. Wissen imprägniere gegen Geschichtsklitterung. Die Beschäftigung mit der Geschichte lehre auch Empathiefähigkeit im Umgang mit heutigen Minderheiten und Ausgegrenzten. Die Laudatio auf Ria Knieper und den Schulzirkus hielt ihr früherer Rektor Friedbert Jordan. In der Zirkusarbeit – eine wöchentliche Projektveranstaltung, in der inzwischen fast 50 Schülerinnen und Schüler von Klasse 2 bis 10 engagiert sind – lernten die Akteure „Akzeptanz und gegenseitigen Respekt“ und sich für andere einzubringen.

unerwartete Fähigkeiten und Talente tauchen auf

Auch die Erkenntnis, jede Person ist anders, aber wertvoll, werde gelebt. Dabei tauchten bei den Kindern und Jugendlichen auch immer wieder unerwartete Fähigkeiten und Talente auf, oft andere als im üblichen Lernbetrieb der Schule. Jordan wünschte, dass „diese einmalige Einrichtung“ – die Anfänge gehen bis ins Jahr 1995 zurück - mit vielseitiger Unterstützung durch Lehrer und Eltern noch lange am Leben erhalten werden möge. Zirkuspädagogin Ria Knieper zeigte sich „überwältigt vom Preis an einem feierlichen Abend“ und sprach von einer „einmaligen Ehre“. Sie dankte besonders ihren tollen Zirkuskindern, „meine größten Schätze“.

Enkelin von Ludwig Marum beeindruckt von Preisträgern

Mit einer Akrobatik-Vorführung und einer Ball- und Keulenjonglage gaben zwei Gruppen einen imponierenden und mit viel Beifall bedachten Einblick ihres Wirkens. Auch die schon oft bei den Preisverleihungen anwesende Enkelin von Ludwig Marum, Andrée Fischer-Marum, zeigte sich in warmen Worten beeindruckt von den neuen Preisträgern. Eine gelungene musikalische Abrundung der Feier gelang dem Streichorchester des LMG, dem Gesangs- und Instrumentaltrio Johanna Brenk, Sophia Flesch und Anais Krüger sowie dem Duo Eva und Julia Gäßler.

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