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"Textilgeschichte(n)" im Brettener Stadtmuseum
Spurensuche im Museumsdepot: Die Kraichgauer Tracht

Linda Obhof (links), Leiterin des Stadtmuseums Bretten, und Dinah Rottschäfer, Leiterin des Stadtmuseums Sinsheim, und die  Kraichgauer Tracht.
  • Linda Obhof (links), Leiterin des Stadtmuseums Bretten, und Dinah Rottschäfer, Leiterin des Stadtmuseums Sinsheim, und die Kraichgauer Tracht.
  • Foto: Dinah Rottschäfer und Linda Obhof
  • hochgeladen von Katrin Gerweck

Bretten (kn) Bereits seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert befassen sich Heimatforscher und Historiker aus dem Kraichgau immer wieder mit dem Thema der lokalen Tracht. Im Zuge der Vorbereitungen der Sonderausstellung "Textilgeschichte(n)" im Brettener Stadtmuseum konnten einige Stücke aus regionalen Museen zusammengetragen werden, die auf die Existenz einer Tracht hinweisen.
Die Brettener Wirtschaft blickt auf eine lange Tradition in der Textilherstellung und -verarbeitung zurück. Die Ausstellung zeigt einen Streifzug durch die Entwicklung der Textilien und deren Herkunft. Es werden unterschiedliche Verarbeitungs- und Herstellungstechniken, Materialarten und deren natürliche wie historische Ursprünge beleuchtet. So auch die Frage nach der Kraichgauer Tracht.

Eigens angefertigte Kraichgauer Tracht

Bereits zu den Heimattagen Baden-Württemberg im Jahr 2020 in Sinsheim ließen die Geschäftsstelle unter der Leitung von Ines Kern und das Stadtmuseum Sinsheim unter Leitung von Dinah Rottschäfer M.A. eine möglichst an den vorhandenen Schrift- wie Bildquellen sowie den wenigen erhaltenen Originalen angelehnte Rekonstruktion der Kraichgauer Tracht nachempfinden. Verschiedene Spezialisten für die Herstellung von Trachten fertigten diese dann an. Auch sie wird neben vielen Einzelobjekten Teil der Ausstellung sein.

Bestickte Hosenträger

Viele Landschaften verfügen über eine eigene Lokaltracht. In den 1980er Jahren wurde die Frage nach einer Tracht im Kraichgau durch den gebürtigen Bayer Albert Wagner wiederbelebt. Dies geschah im Zuge der Schaffung einer Trachtengruppe in Baiertal bei Wiesloch. Da im Kraichgau bisher kein Bezug zu einer lokalen Tracht bestand, war das öffentliche Interesse an dieser Frage vorerst gering. Albert Wagner begab sich mit dem Eppinger Heimatforscher Franz Gehrig in den Archiven und Depots der Kraichgauer Museen auf die Suche nach erhaltenen Textilien und möglichen Gemeinsamkeiten, die auf die Existenz einer Tracht hinweisen konnten.
Zum Vorschein kamen neben schriftlichen Hinweisen und Beschreibungen einer „Sonntagstracht“ aus der Zeit um 1800 auch Einzelstücke, die zu einer Art Tracht gehörten konnten. Die Suche brachte tatsächlich einige Stücke ans Tageslicht, die sich innerhalb der Ortschaften des Kraichgaus ähneln, darunter mit Blumenornamenten und Perlen bestickte Hosenträger und Hosen aus Hirschleder mit einem verzierten Latz. Erhaltene Trachtenelemente des Mannes verweisen neben den Hosen auf weiße Strümpfe, eine Weste, und einem darüber getragenen Rock aus schwarzem oder blauem Tuch mit metallenen Knöpfen, der mit langen Schößen versehen war. Dazu gehörte – typisch für die Zeit des ausgehenden 18. Jahrhunderts – ein Dreispitz aus dunklem Filz.

Ähnlichkeiten im Elsass

Interessant ist neben den ähnlichen Ornamenten vor allem auf den Hosenträgern, dass diese Muster auf die hiesige Region beschränkt zu sein scheinen und am ehesten noch Ähnlichkeiten im Elsass finden. Entsprechende Abbildungen fanden sich auch auf bemalten Krügen und Zeichnungen aus dem nordbadischen Raum wieder. Bis in das 20. Jahrhundert hat sich für den alltäglichen Gebrauch ein einfaches Käppchen ohne Schild erhalten, das mit reichen Stickereien verziert wurde. Über die Tracht der Frau ist weniger bekannt. Sie bestand wohl aus Röcken und Blusen in dunklen Farben. Dazu wurde eine mit Blumen bestickte Schürze getragen. Ein Tuch wurde über die Schultern gelegt, über dem Bauch gekreuzt und auf dem Rücken verknotet. Wie früher üblich, trugen auch die Frauen eine Kopfbedeckung zum Kirchgang. Dieser sogenannte „Kowwlheiwl“ bestand aus einem spitz zulaufenden dunklen Käppchen, das bestickt war und mit kleinen Metallplättchen, verziert wurde.
Für das allmähliche Verschwinden der Volkstrachten sorgten unter anderem der Geist der Französischen Revolution und die sich immer schneller entwickelnde Mode in den Städten. Nur auf dem Land wurden manche Kleidungstraditionen in Einzelfällen noch bis ins frühe 20. Jahrhundert weitertradiert.
Text und Bild: Dinah Rottschäfer und Linda Obhof

Die Sonderausstellung kann - sofern es das Infektionsgeschehen zulässt - seit dem 24. März 2021 im Stadtmuseum im Schweizer Hof in Bretten besucht werden (neu: Mi., 15-19 Uhr und Sa., So. feiertags, 11-17 Uhr, Eintritt frei). Für einen Besuch im Stadtmuseum Bretten können Termine über die Homepage www.erlebebretten.de/museen-und-ausstellungen gebucht werden.

Autor:

Katrin Gerweck aus Bretten

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