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Anonyme Mail beklagt mangelnde Hygiene im Haus Schönblick in Neibhseim / Widerspruch von Heimleitung
"Eine emotionale Ausnahmesituation"

Das Pflegeheim Haus Schönblick in Neibsheim ist während der Corona-Pandemie in den Fokus geraten. bea
  • Das Pflegeheim Haus Schönblick in Neibsheim ist während der Corona-Pandemie in den Fokus geraten. bea
  • hochgeladen von Beatrix Drescher

Bretten (bea) Wer einen Angehörigen in einem vom Coronavirus betroffenen Altenheim hat, musste in den vergangenen Wochen viele sorgenvolle Stunden durchleben. Ebenso erging es einem, wie er sich selbst nennt, „besorgten Angehörigen“, der eine E-Mail an das Altenwohn- und Pflegeheim Haus Schönblick im Brettener Stadtteil Neibsheim sowie an Gesundheitsamt, Presse und weitere Institutionen schrieb. Hintergrund waren Artikel und ein Video auf kraichgau.news, das bei einer Spendenübergabe an das Heim Anfang April aufgenommen wurde.

Schreiber will anonym bleiben

Der Schreiber, der anonym bleiben möchte, weil er "auch noch nach Aufhebung des Besuchsverbots das Heim betreten und gemeinsam mit meiner Frau meine Schwiegermutter besuchen möchte“, beklagt die auf dem Video zu sehenden Verhaltensweisen der Pflegekräfte. So greife eine Pflegekraft ohne Handschuhe in die Taschen ihrer Kollegin, um ein Telefon zu entnehmen. Kurz danach fasse sie sich unter ihre Maske. Eine weitere Pflegekraft trage ihre Maske im späteren Verlauf nicht korrekt über ihrer Nase. Danach zeige das Video Fotoaufnahmen, bei denen sich sechs Pflegekräfte in den Armen lägen und es zu Hautkontakt komme.

Kritik am Verhalten der Pflegekräfte

Das Fazit des Schreibers: Wenn das Pflegepersonal bei seiner täglichen Arbeit die gleichen, hygienischen Standards an den Tag lege, wie bei diesem Gruppenkuscheln, wunderten ihn die infizierten Mitarbeiter und Bewohner nicht. Weiter schreibt er: „Das Verhalten der Pflegekräfte auf den Aufnahmen lässt leider keinen anderen Schluss zu, als dass durch unhygienisches und fahrlässiges Arbeiten Menschenleben und somit auch das meiner Schwiegermutter gefährdet wurden und es weiterhin werden“, und schließlich: „Wenn von 136 Bewohnern 36(!) und somit über ein Viertel der Bewohner versterben, jedoch weder Gesundheitsamt noch Heimaufsicht Ursachen dafür finden können, finden Sie Ihre Antworten auf diesen Bildern“.

„Nirgends kann man eine Strategie finden, wie man alles richtig macht“

Auf diese E-Mail angesprochen, antwortete Martin Zawichowski, Leiter des Büros des Landrats, dass das Pflegepersonal grundsätzlich alles tun müsse, um eine Ansteckung untereinander zu verhindern. „Dies ist bei einer Gruppenaufnahme mit engem körperlichen Kontakt wie auf dem Video zu sehen, sicherlich nicht gegeben. Den Mutmaßungen und Schlussfolgerungen, die der unbekannte Verfasser anstellt, möchten wir uns aber nicht anschließen“. In Ausübung der pflegerischen Versorgung wäre das gezeigte Verhalten aus hygienischer Sicht „klar zu beanstanden“. Doch infolge der Solidaritätsaktion hätten sich die Pflegekräfte in einer emotionalen Ausnahmesituation befunden, aus der ein Rückschluss auf das übliche Arbeitsverhalten nicht zwingend abzuleiten sei, so Zawichowski. Auch Pflegedienstleiterin Clarita Kosel vom Pflegeheim sagt, dass die Pflegekräfte in dieser Ausnahmesituation emotional sehr berührt gewesen seien. „Das muss man erlebt haben und dann kann man sich sein eigenes Bild machen“, so Kosel. Sie sei froh, dass ihr Team die Spendenaktion auf diese Weise erleben durfte. Die erste Reaktion sei dann nun einmal so ausgefallen. „Nirgends kann man eine Strategie finden, wie man alles richtig macht“, fügt sie hinzu.

Fachberaterin für das Pflegeheim

Ab dem 9. April wurde dem Heim eine Fachberaterin zur Seite gestellt, um richtige Verhaltensweisen zu vermitteln, erläutert Zawichowski. Dies sei im Hinblick auf die Struktur der Einrichtung als Einzelfirma geschehen. Zu ihren Aufgaben gehören Mithilfe bei der Dienstplanung, Bedarfsermittlung für die Schutzausrüstung, Prüfung der Eignung der vorhandenen Desinfektionsmittel, Koordination mit dem Gesundheitsamt und Beratung zur Optimierung von Arbeitsprozessen im Pflegealltag. Seit der Einstellung der Fachberaterin seien keine ähnlichen Fälle mehr bekannt geworden, so Zawichowski. Weiter führt er aus: “Das Gesundheitsamt und die Heimaufsicht haben der Heimleitung in der Vergangenheit mehrfach Hinweise gegeben und über das richtige Verhalten des Pflegepersonals belehrt." Dennoch habe die Heimaufsicht das Schreiben zum Anlass genommen und die Heimleitung noch einmal ausdrücklich angewiesen, auf das Verhalten des Pflegepersonals entsprechend einzuwirken. Dass das Pflegepersonal selbst für maximale Schutzvorkehrungen sorge, sei grundlegend, auch im Hinblick auf Lockerungen beim Besuchsverkehr in den Pflegeheimen, die derzeit in der politischen Diskussion seien, so Zawichowski.

Bewohner "hungern" nach einem Besuch

Zwar gebe es ein Besuchsverbot, doch soll es Besuchern möglich gemacht werden, über einen Balkon auf Abstand mit den Angehörigen zu sprechen, erklärt Georg Spranz, Abteilungsleiter bei der Heimaufsicht im Landkreis Karlsruhe. Diese Empfehlungen habe man nach dem Besuch Mitte April an das Sozialministerium weitergeleitet. Außerdem soll es, so wie es in anderen Heimen bereits eingerichtet ist, ein Besuchszimmer mit Plexiglasscheibe und Telefonen geben können, damit die Bewohner zumindest Besuch empfangen könnten. Denn Bewohner vereinsamten und "hungerten auf einen Besuch zu". Ein Besuch von einem Angehörigen sei derzeit lediglich in einem Einzelfall zugelassen, erklärt Kosel. Dafür müsse der Bewohner jedoch psychisch sehr unter der Situation leiden. Dennoch treffe man in Neibsheim in Absprache mit dem Gesundheitsamt Vorbereitungen, um künftig Besuchsmöglichkeiten im Rahmen der Lockerungen zu ermöglichen.

"Tiere haben einen positiven Einfluss auf Demenzkranke"

Beim Besuch der Heimaufsicht habe man ebenfalls festgelegt, dass die Bewohner nicht ausschließlich in ihren Zimmern verbleiben müssten, sondern in Begleitung, mit Mundschutz und dem gebotenen Abstand auf dem Gelände des Heims spazieren gehen dürften, sagt Spranz. Das sei aus psychosozialer Sicht besonders wichtig. Diese Maßnahme sei im Interesse der Menschen vor Ort getroffen worden, dabei sei die Ansteckungsgefahr untereinander als tolerierbar einzustufen, so Spranz. Zudem gebe es im Neibsheimer Heim ein Tiergehege, dessen Besuch den Bewohnern gut täte. "Tiere haben einen positiven Einfluss auf Demenzkranke", erklärt Spranz. Dies werde gelegentlich praktiziert, bestätigt Kosel. In Begleitung, mit Mundschutz und Abstand zu anderen Personen dürften Bewohner auf dem Gelände des Altenwohn- und Pflegeheims spazieren gehen. In der konsolidierten Fassung der Corona-Verordnung vom 4. Mai wurden die zuvor beschlossenen Ausgehverbote von Altenheimbewohnern von der Landesregierung aufgehoben.

Mehr finden Sie auf unserer Themenseite Coronavirus.

Autor:

Beatrix Drescher aus Bretten

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