Leserbrief zum Artikel "Eine emotionale Ausnahmesituation" in der Brettener Woche vom 6. Mai
"Besondere Situation in Betrachtung ziehen"

Leserbrief zum Artikel "Eine emotionale Ausnahmesituation" in der Brettener Woche vom 6. Mai.

Die Überschrift des Artikels „Eine Emotionale Ausnahmesituation“ beschreibt eine Situation, bei der sich sicher jede Pflegedienstleitung eines Alten- und Pflegeheims gewünscht hätte, dass diese schreckliche Begebenheit in ihrem Heim nicht auftreten würde. In ganz Europa beobachten wir, dass immer mehr Pflegeheime von dem Virus betroffen sind und zahlreiche Menschen an den Folgen der Infektion versterben müssen. Ich hätte mir gewünscht, dass der „besorgte Angehörige“ und der Verfasser des Artikels die europaweite Situation genauso wie die besondere Lage in Neibsheim in die Betrachtung mit aufgenommen hätte und nicht einseitig die Ursache ausschließlich dem Fehlverhalten einzelner zuzurechnen versuchte. Ich bin mir sicher, dass jedes betroffene Pflegeheim aktuell die schwersten Stunden seiner Geschichte durchlebt. Es ist zudem bedauerlich, dass einer Person so viel Aufmerksamkeit geschenkt wird, die sich aus zweifelhaften Gründen nicht öffentlich zu erkennen gibt.
Ich weiß nicht, ob in dieser Zeit negative Kritik am Verhalten anderer angebracht ist oder ob wir durch direktes und gegenseitiges Feedback uns im Umgang mit der neuen Situation kontinuierlich verbessern sollten.

Doch ist es mir wichtig, dass wir die formulierten Vorwürfe in ein sachliches Licht rücken. Dabei bewerten wir aber bitte immer die allgemeine Lage aller Pflegekräfte und Pflegeheime und setzen die konkreten Anschuldigungen ins Verhältnis zu dieser. Allein bei der Betrachtung des körperlichen Kontakts sollten wir beachten, dass das Corona-Virus über Tröpfchen übertragen wird und eine Schmierinfektion bis heute nicht nachgewiesen werden konnte. Es ist somit zweifelhaft, dass sich das Virus durch das Greifen in eine Kitteltasche übertragen würde. Sicher ist Abstandhalten, dort wo möglich, eine der sichersten Maßnahmen, um eine Infektion zu vermeiden. Aber stellen wir uns vor, wie die tägliche Körperpflege aussehen würde, wenn Pflegekräfte diesen Abstand konsequent anwenden würden.

Diese allgemeine Regel lässt sich in der Pflege so nicht anwenden, weshalb eine spezielle Schutzausrüstung nötig ist, deren Anwendung man zweifelsfrei auf den Bildern erkennen kann. Wie schwierig und belastend aber das dauerhafte Tragen einer Schutzausrüstung ist, kann jeder täglich an sich selbst beobachten, wenn er im Supermarkt seine Maske trägt, und man möge sich prüfen, ob man sich nicht doch gelegentlich in das Gesicht greift. Halten wir außerdem auch immer ausreichend Abstand? Es ist zwar wünschenswert und professionell, aber doch menschlich nachvollziehbar, dass auch Pflegekräfte den korrekten Umgang mit Schutzausrüstung und dem social distancing lernen müssen. Wir sollten berücksichtigen, dass dies vor der Krise nicht zum täglichen Standard gehörte. Auch das lässt der scheinbar kritische Beobachter außeracht.

Lässt sich nun aus diesem Video und den Bildern ableiten, ob dieses Verhalten den Infektionseintrag und die Verbreitung im Altenheim erklärt? Es könnte sein, aber wohl eher nicht, da nicht berücksichtig wird, dass Personen vom 2. bis zum 4. Tag infektiös, aber nicht symptomatisch sind. Darüber hinaus erkranken Personen auch in den Risikogruppen, ohne auch nur ein Symptom zu zeigen. Wir wissen zudem nicht, ob Angehörige, Mitarbeiter oder neue Bewohner das Virus eingebracht haben. Gleichzeitig ist es für Pflegeheime schwer durchzusetzen, dass Bewohner, obwohl sie auf den Zimmern bleiben sollen, sich nicht hin und wieder doch treffen, gerade dann, wenn diese Menschen ihre infektiöse Situation nicht richtig einschätzen können. Einer der Gründe für die Ausbreitung des Virus könnte auch sein, dass in unseren Heimen Menschen grundsätzlich auf engstem Raum zusammenleben und eine intensive Gemeinschaft pflegen.

Wenn wir dazu die Testanweisungen des RKI und den Umgang mit Schutzausrüstung in Zeiten des Mangels bis nahezu Anfang Mai 2020 betrachten, können wir nicht unterstellen, dass dem Gesundheitssystem insgesamt und im speziellen dem Haus Schönblick in Neibsheim ideale Bedingung zur Abwehr dieses Virus zur Verfügung standen. Wie können wir von unseren Pflegeeinrichtungen professionelles Arbeiten unter widrigen Bedingungen verlangen, wenn ab Anfang April die Pflege trotz des Mangels an unterschiedlichsten Ressourcen geleistet werden musste? Ich bin mir sicher, dass alle Einrichtungen nach bestem Wissen und mit größtem Engagement unsere Angehörigen pflegen.
Ich hoffe, dass immer mehr Menschen verstehen, dass die Situationen in den betroffenen Pflegeeinrichtungen weitaus komplexer sind, als das auf den ersten Blick scheinen mag. Auch sollten wir keine unsachliche Diskussion auf den Schultern der Verstorbenen und deren Angehörigen führen, die in diesen Tagen eine besonders schwere Zeit durchstehen müssen. Unterstützen wir uns gegenseitig und achten darauf, dass wir dabei niemanden einseitig stigmatisieren. Bleiben Sie alle gesund.

Adalbert Bangha
Bretten

Autor:

Kraichgau News aus Bretten

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