Burgund – Reise an eine Wiege der europäischen Zivilisation, Teil 5: Cluny und Taizé

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27. Juli: Religiöses Burgund damals und heute

Ein Freund hatte schon öfter von seinen Fahrten nach Taizé erzählt, aber eine genaue Vorstellung, wo dieser besondere spirituelle Ort liegt, hatte ich nicht. Bis ich ihn kurz vor unserem Urlaub auf der Burgundkarte entdeckte. Eigentlich hatte ich nach Cluny gesucht, dem berühmten Kloster, dessen Name untrennbar mit der Christianisierung Westeuropas verbunden ist. Und Taizé lag nun auf dem Weg nach Cluny.

Zwiebeldächer signalisieren Offenheit

Als wir nach zwei Stunden Autofahrt eintrafen, traf mich ein Müdigkeitsanfall und ich musste im Auto erst einmal eine kleine Siesta einlegen. Es war Essenszeit. Unmengen von jungen Leuten saßen mit Plastiktellern im großen Hof und verzehrten in allen möglichen europäischen Sprachen schnatternd ihre Mittagsmahlzeit: Spanisch, Niederländisch, Deutsch und eine unbekannte slawische Sprache konnte ich unterscheiden. Das Küchenteam hatte gerade seine Arbeit beendet und die Jungs hatten anscheinend ihre Freude daran, sich beim Reinigen der Küchengeräte von oben bis unten nass zu spritzen. Andere spielten auf dem Spielgelände Fußball oder Ringe werfen, wieder andere liefen spazieren oder saßen plaudernd in Grüppchen beisammen. Wie viele von diesen jungen Menschen haben wohl außerhalb dieser Begegnungsstätte die Möglichkeit, mit Gleichaltrigen aus anderen Ländern zusammenzukommen? Und nicht nur das: Wie viele würden Gleichaltrige aus anderen christlichen Konfessionen kennen lernen? Und wie viele Gleichaltrige anderer Hautfarbe? In Taizé treffen protestantische Niederländer und Schweden auf katholische Spanier, Polen und Afrikaner und orthodoxe Serben auf freikirchliche Deutsche. Nicht nur in Taizé, aber vor allem in Taizé. Ein äußerliches Zeichen dieser Offenheit sind kleine Zwiebeldächer mit orthodoxen Kreuzen auf den Gebetsräumen. Diese sind Anbauten, die durch Trennwände abteilbar sind. Wir betraten eine und gelangten durch weitere Räume zum für Zuhörer durch eine Öffnung einsehbaren Kernraum, wo gerade eine Art Singstunde stattfand. Zwei Männer übten mit den Anwesenden Taizé-Lieder ein. Der nächste gemeinsame Gottesdienst war erst für 20 Uhr angesetzt. Wir schauten noch in die Krypta und in den Souvenirladen und setzten dann unsere Fahrt fort.

Die Reste der einst größten Kirche der Christenheit

Cluny ist kaum 20 Autominuten entfernt. Vor dem Ort fand gerade ein Reitwettbewerb statt. Es war schon nach 15 Uhr, als wir den großen Platz vor dem Klostereingang betraten. Die Mittagszeit war längst vorbei und wir hatten noch nichts gegessen. Die Erfahrung lehrt: Direkt vor den Sehenswürdigkeiten ist es am teuersten. Also erst mal nach einem bezahlbaren Restaurant suchen. Aber nach dem ersten Rundgang war klar: Wenn es um 15.30 Uhr überhaupt noch etwas zu essen gibt, dann in der Brasserie du Nord auf dem großen Platz, die wir zuerst gemieden hatten. Und tatsächlich, so war es – und zu unserer Überraschung nicht einmal teuer. Die anschließende Besichtigung der Überreste des einst so mächtigen Benediktinerklosters konnte mit den Erlebnissen in Alesia und Bibracte nicht mithalten. Zwar gab es wieder einen kurzen Film, der die architektonischen Ausmaße der bis zum Bau des Petersdoms in Rom größten Kirche der Christenheit nachzuzeichnen versucht. Aber er war – für meinen Geschmack - in einer allzu verherrlichenden Sprache abgefasst. Und von der religiösen und politischen Wirkung des Klosters, geschweige denn vom Leben der Mönche, erfuhr man nichts. Trotzdem sind mir ein paar schöne Fotos gelungen. Und dass im Kreuzgang des im 18. Jahrhundert errichteten Klosterbaus ein Orchester neue Musik probte, brachte eine seltsam disharmonische Atmosphäre in das Ensemble, die mir zu seiner Geschichte zu passen schien: In der französischen Revolution wurde die ganze Anlage verkauft und als Steinbruch benutzt. Von der mittelalterlichen Kirche ist bis auf einen Seitenturm nahezu nichts mehr übrig. Dafür findet man im unmittelbar anschließenden heutigen Städtchen Cluny zahlreiche Häuser, die aus den Steinen des Klosters erbaut wurden. Die kleine Stadt ist heute ein Touristenort, dem man einen gewissen Flair nicht absprechen kann, der aber auf Massenbetrieb mit entsprechenden Preisen ausgelegt ist. Doch um des lieben Friedens willen sind auch französische Eltern ausnahmsweise bereit, für ein Eis stattliche drei Euro pro Kugel zu berappen.
Chris Heinemann

Weitere Folgen des Reiseberichts über Burgund sowie Berichte von anderen Reisenden aus der Region lesen Sie auf unserer Themenseite: Reiseberichte

Autor:

Chris Heinemann aus Bretten

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