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"Baum der Erinnerung" am Radweg zwischen Ötisheim und Mühlacker gepflanzt
"Das Licht der Hoffnung brennt die ganze Zeit"

In Gedenken an ihre Mutter, die sie durch Suizid verloren hat, hat Simone Grau-Hofsäß gemeinsam mit Mario Dieringer von "Trees of Memory" einen Walnussbaum gepflanzt.
  • In Gedenken an ihre Mutter, die sie durch Suizid verloren hat, hat Simone Grau-Hofsäß gemeinsam mit Mario Dieringer von "Trees of Memory" einen Walnussbaum gepflanzt.
  • Foto: hk
  • hochgeladen von Havva Keskin

Ötisheim/Bretten (hk) „Wenn der erste Suizidgedanke kommt, dann ist das ein sehr erschreckendes Erlebnis. Man traut sich nicht mit jemandem darüber zu reden, weil man denkt, die anderen halten einen für verrückt“, sagt Mario Dieringer. Weil für ihn Depressionen und Suizid nach wie vor tabuisierte Themen sind, will Dieringer – selbst Hinterbliebener eines Suizid-Opfers und Überlebender eines Suizidversuchs – mit seinem Verein „Trees of Memory“ darauf aufmerksam machen. Und das auf eine ganz besondere Art und Weise: Seit März 2018 läuft Dieringer zu Fuß um die Welt und pflanzt Bäume der Erinnerung für Suizidopfer. Mit dieser Aktion gedenkt er den Menschen, deren letzter Ausweg der Suizid war. Zudem kämpft er gegen das Tabu und Stigma an, das Hinterbliebene nach einem Suizid erfahren. Vor allem will er damit denjenigen Mut machen, die suizidal sind und mit Depressionen zu kämpfen haben. Sein Weg hat ihn am vergangenen Freitag auch in den Enzkreis geführt. Er sagt, nicht er gehe auf die Suche, die Angehörigen würden ihn finden.

Letztes Puzzlestück gefunden

So wie Simone Grau-Hofsäß. Die Immobilienmaklerin aus Bretten hat Dieringer in der Sendung „Nachtcafé“ im Fernsehen gesehen und war von dessen Engagement hellauf begeistert. Sie sagt, Dieringer war "das letzte Puzzlestück", damit sie heute Frieden mit ihrer Mutter geschlossen hat. Diese hat sie durch Suizid verloren. Erst sieben Jahre war es damals her, als ihr Vater mit 46 Jahren an einer akuten Leukämie verstorben war. „Da hat sie mir schon auf dem Friedhof gesagt, dass sie ihm nachgehen möchte“, beschreibt Grau-Hofsäß die „emotionale Erpressung“, die fortan mit der schweren Depression ihrer Mutter begonnen habe. „Das hat sie sicherlich nicht gewollt“, sagt die Maklerin, denn ihre Mutter habe zudem eine „fürchterliche“ Kindheit und Jugend gehabt. „In diesen sieben Jahren habe ich nur in Angst gelebt. Ich wusste heute nicht, ob sie morgen noch lebt“, beschreibt Grau-Hofsäß ihre Gefühlswelt. Gleichzeitig blieb ihr keine Zeit, ihren Vater zu betrauern. „Ich habe sie bekniet und angefleht. Mama, ich brauche dich, ich mache mir große Sorgen um dich, es kann so nicht weitergehen. Ich lebe in ständiger Angst“, erzählt sie. Aber es kam immer die gleiche Antwort: „Mir kann niemand helfen.“ Die Angehörigen wüssten in der Regel sehr wohl, welche Hilfsmöglichkeiten es gebe. „Das bringt nur alles nichts, wenn sich die Betroffenen schlicht weigern“, weiß Dieringer aus Erfahrung.

Aufklärungsarbeit in Sachen Depressionen und Suizidalität

Er selbst hat 2014 einen Suizidversuch durch Reanimation überlebt und sein Lebensgefährte nahm sich 2016 das Leben. Nun will er die Aufmerksamkeit auf das Projekt und den gemeinnützigen Verein Trees of Memory lenken. Dabei werden Hinterbliebenen Paten zur Seite gestellt, die persönlich durch die ersten Wochen und Monate führen, wenn ein Suizid das Leben in tausend Stücke gerissen hat. In Vorträgen und Workshops für Polizisten, Ersthelfer, Journalisten und Schüler vermitteln die ehrenamtlichen Mitarbeiter, die alle einen Suizid in der Familie zu beklagen haben, ihre Erfahrungen zu diesem Thema und unterstützen die Suizidprävention, indem sie Aufklärungsarbeit in Sachen Depressionen und Suizidalität anbieten. „Menschen, die sich das Leben nehmen und die Ungewissheit des Todes dem Leben vorziehen – da kann man beim besten Willen nicht von einem freien Willen reden“, sagt Dieringer ganz klar. Im Hintergrund stehe immer eine psychische Erkrankung, die das Leben perspektivlos mache. Während seines Suizidversuchs, erzählt Dieringer eindrücklich, sei ihm die ganze Zeit klar gewesen, dass das nicht gut sei, was er da tue. „Mir war aber auch klar, dass ich das jederzeit unterbrechen könnte, indem ich meine Ärzte anrufe – aber ich konnte es eben nicht“, sagt er. Wie eine Marionette habe er sich gefühlt. „Und das böse Etwas zog an den Fäden. Der Tod war der Puppenspieler und ich mittendrin, im letzten Akt des Lebens.“

"Es gibt immer eine Chance"

So war es wohl auch bei der Mutter von Simone Grau-Hofsäß. Deren Leben veränderte sich von einem Moment auf den anderen, als sie erfuhr, dass ihre Mutter schließlich aus dem Leben geschieden war. In den Jahren danach musste sie nun, wie sie erzählt, auch noch mit dem sozialen Stigma umgehen, das traumatisierte Hinterbliebene oftmals erfahren würden. Um dem entgegenzuwirken, will sie sich im Verein Trees of Memory als „seelische Ersthelferin“ engagieren. „Ich möchte gerne Menschen in den Arm nehmen, ihnen zuhören, sie ernst nehmen und ihnen Wege aufzeigen“, sagt sie. Sie selbst habe viele Freunde verloren, weil „sie mit diesem Thema nichts zu tun haben wollten. Da habe ich mich oft ganz allein gefühlt.“ Wesentlich beigetragen zu ihrer Heilung habe zudem die christliche Seelsorge und die „tiefe Liebe zu Jesus“. Der Walnussbaum, der als Gedenken an ihre verstorbene Mutter an einem Radweg zwischen Ötisheim und Mühlacker gepflanzt wurde, soll nun mit seinen Früchten Vorbeiziehende erfreuen. „Es gibt immer eine Chance: Dieses Licht der Hoffnung brennt die ganze Zeit, nur manchmal stehen wir so weit davon entfernt, dass wir es nicht sehen und spüren können“, sagt Dieringer. Ein Baum mache zwar nicht ungeschehen, was passiert sei, aber er biete die Möglichkeit eines emotionalen Neuanfangs. Zur Behandlung von Depressionen würden nicht nur therapeutische und medizinische Behandlungen gehören: „Man muss sein Leben radikal verändern. Und das habe ich durch den Verein gemacht: Eine sinnzentrierte Aufgabe zu finden, die größer ist als das eigene Ego. Das war für mich das beste Rezept für Glück“, freut er sich.

Sollten Sie suizidale Gedanken haben, dann bieten verschiedene Organisationen ihre Hilfe an und zeigen Auswege aus dieser Situation auf. Unter anderem gibt es die Telefonseelsorge (0800 1110111 oder 0800 1110222). Diese ist rund um die Uhr erreichbar und kann bei Sorgen und Ängsten helfen. Dort wird unter telefonseelsorge.de auch ein Chat angeboten.

Autor:

Havva Keskin aus Bretten

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