Wolfgang Gult aus Unteröwisheim sammelt Reservistenkrüge
Krug-Experte mit Auszeichnung

Wolfgang Gult mit einem seiner Sammlerstücke. hk
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Kraichtal (hk) Im Haus von Wolfgang Gult im Kraichtaler Stadtteil Unteröwisheim werden verschiedene Kapitel der deutschen Geschichte lebendig. Der 77-jährige Rentner sammelt seit fast fünf Jahrzehnten sogenannte „Reservistenkrüge“. Dabei handelt es sich um Trinkgefäße aus Steinzeug oder Porzellan, die von Soldaten zum Ende ihrer Dienstzeit gekauft wurden – als Erinnerung an ihre Militärzeit. Besonders beliebt waren die Bierkrüge bei den Soldaten in der Zeit von 1890 bis 1914. Die Krugkörper sind oft mit Darstellungen aus dem Soldatenleben und mit Kasernen- oder Stadtansichten verziert. Auf jedem Krug ist zudem zu lesen, wer der Besitzer war, von wann bis wann er in welchem Regiment gedient hat und wie seine Kameraden hießen. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs endete die Tradition der Reservistenkrüge.

„Löcher in den Bauch gefragt, was es mit diesen Krügen auf sich hat“

Allerdings gab es auch schon ein "Offenbarungs-Erlebnis" in seiner Kindheit: Bevor Gult in den Landkreis Karlsruhe kam, lebte er in Offenburg. „Dort gehen die Kinder am Fastnachtsmontag in die Geschäfte und in die Wirtschaften und rufen zum Beispiel: ‚Gitzig, gitzig ist der Metzger, und wenn er nicht so gitzig wär, dann gäbe er ein Würstle her.“ Einmal sei er dann als kleiner Bub in einer Wirtschaft gelandet, wo eine Wand voller Regale mit Krügen gewesen sei. „Meine Schulkameraden waren schon längst weg und ich habe den Leuten Löcher in den Bauch gefragt, was es mit diesen Krügen auf sich hat“, erinnert sich Gult.

Als „Master Steinologist“ offiziell als Krug-Experte geadelt

Mit über 500 Krügen ist der Kraichtaler heute einer der ganz Großen unter den deutschen Sammlern. Da kann man im Privatmuseum – wo sich viele andere Objekte aus der Blütezeit der Reservistenkrüge und zahlreiche Reservistenandenken aus der Kaiserzeit befinden – schnell den Überblick verlieren, aber Gult versichert mit einem Lachen: „Ich schreibe jeden Krug auf.“ Er ist zudem der einzige deutsche Krugsammler, der von der weltgrößten amerikanischen Krugsammlervereinigung „Stein Collectors International“ mit der Auszeichnung „Master Steinologist“ ganz offiziell als Krug-Experte geadelt wurde.

„Immer noch sehr viele Krüge, die privat irgendwo stehen"

Einen Großteil seiner Sammlung machen Krüge von badischen Regimentern aus. „Gerade Baden als Grenzland hatte unheimliche viele Kasernen“, weiß der Diplom-Wirtschaftsingenieur. Früher, so Gult, habe er hauptsächlich in Antiquitätengeschäften nach interessanten Exemplaren Ausschau gehalten. Heute sei das Internet für viele Sammler und Verkäufer die Hauptanlaufstelle. Ab und zu habe der Krugsammler auch ein Inserat aufgegeben: „Es gibt immer noch sehr viele Krüge, die privat irgendwo stehen." Besonders spannend seien Auktionen, bei denen Reservistenkrüge schonmal für mehrere hundert Euro über den Tisch gehen können.

Nicht jeder konnte sich einen Krug leisten

„Das war damals natürlich ein Riesengeschäft“, erzählt Gult weiter. Doch warum eigentlich? „Zur Kaiserzeit genoss das Militär höchstes Ansehen“, weiß der Krugsammler. Jedes Jahr seien mehrere 100.000 Reservisten entlassen worden. So entstand in kurzer Zeit eine große Nachfrage nach diesen Erinnerungsstücken an die Militärdienstzeit. Aber nicht jeder konnte sich einen Krug leisten. Zwischen sieben und zwölf Mark hat ein Krug damals gekostet. „Das ist nicht billig, wenn man bedenkt, dass ein Soldat etwa 22 und ein Gefreiter 27 Pfennig Lohn am Tag bekommen hat“, so Gult. „Da musste man also teilweise zwei und mehr Monatslöhne hinlegen, um so einen Krug zu kaufen.“ Manchmal hätten sogar Verwandte finanziell ausgeholfen.

Jeder Reservistenkrug ist ein Unikat

Die meisten Krüge, erzählt Gult weiter, wurden in Serie hergestellt. Die Händler, die die Kasernen ein Jahr vor dem Ende der Dienstzeit der Soldaten aufsuchten, hatten zum Beispiel Bildvorlagen in Musterbüchern dabei, die Szenen aus dem Soldatenleben zeigten. Dennoch ist jeder Reservistenkrug ein Unikat, weil er letztlich nach den Wünschen und Vorlieben des Auftraggebers hergestellt wurde. Dies kommt besonders in den Details der Krüge zum Ausdruck. Auf den Krügen sind zudem originelle Sprüche wie „Hier leg ich meine Kleider (Waffen) nieder und kehre froh zur Heimat wieder“ und "Ist es eine Sünde dich zu Küssen, leicht nehm ich sie auf mein Gewissen" zu lesen. Auch die Deckel der Krüge aus Zinn wurden nach den Wünschen des späteren Besitzers angefertigt, passend zur Einheit, wie Marine, Infanterie, Artillerie oder Kavallerie. Häufig sind sie mit aufwendig gestalteten Figuren bestückt.

Leuchtendes Bodenbild im Krugboden

Bei manchen kommt sogar ein Glasprisma zum Vorschein, wenn man den oberen Teil des Krugdeckels so lange dreht, bis es sich vom unteren Teil löst. Unter dem Glasprisma verbergen sich weitere militärische Szenen oder ein Foto der Geliebten. Eine weitere Besonderheit sind die Litophanien, die im Boden aller Porzellankrüge verborgen sind: Wenn man den leeren Krug gegen das Licht hält, erscheint ein leuchtendes Bodenbild im Krugboden. So werden weitere Motive, wie Abschiedsszenen oder ein Porträt des Kaisers sichtbar. Auf dem Deckel sitzt meist eine Deckelfigur, die einen Hinweis auf die Truppengattung des Reservisten gab. Am häufigsten sei der „sitzende Reservist“ bei Infanteriekrügen zu finden. Bei Kavalleriekrügen finde sich oft ein Pferd mit Reiter auf dem Deckel, wobei die Uniform und die Pickelhaube des Reiters dem Regiment angepasst ist. Bei Artilleriekrügen sei der Deckel gerne mit Soldaten hinter einem Geschütz dekoriert worden oder der Deckel habe die Form einer Granate.

"Es gibt noch viel zu entdecken"

Ob Wolfgang Gult bei all den prachtvollen Krügen auch Lieblinge hat? Ein Grinsen huscht über das Gesicht des Sammlers: Es sind jene, die von dem Berliner Garde-Füsilier-Regiment mit dem Spitznamen „Maikäfer“ stammen. Auf diesen Reservisten-Andenken sind, wie es der Name schon verrät, oft Maikäfer-Motive zu finden. "Es gibt wohl kein anderes Regiment aus dem Kaiserreich, das über einen Zeitraum von fast 20 Jahren, also von 1923 bis 1941, eine Regimentszeitschrift publiziert hat", verrät Gult. Durch dieses umfangreiche Schriftgut würden viele Erlebnisse und Ereignisse wieder ans Licht geholt. "Ich freue mich auch heute noch sehr, wenn ich Angebote oder Informationen über meine 'Maikäfer' bekomme, denn es gibt noch viel zu entdecken!"

Wolfgang Gult ist auch weiterhin am Erwerb von Reservistenkrügen und Reservistika aus der Kaiserzeit für seine Sammlung interessiert. Kontaktaufnahme unter 07251/63465.

Autor:

Havva Keskin aus Bretten

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