Polen – Entdeckungsreise auf den Spuren der europäischen Geschichte, Teil 11: Wrozław / Breslau 2
Polnisches Venedig und konspirative Küche

Polnisches Venedig: Blick über einen Oder-Arm auf die Dominsel in Wroclaw mit der "doppelten" Stiftskirche zum Heiligen Kreuz und St. Bartholomäus (links), der Martinskirche (Turmspitze hinter der Stiftskirche) und der Kathedrale (rechts) .
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  • Polnisches Venedig: Blick über einen Oder-Arm auf die Dominsel in Wroclaw mit der "doppelten" Stiftskirche zum Heiligen Kreuz und St. Bartholomäus (links), der Martinskirche (Turmspitze hinter der Stiftskirche) und der Kathedrale (rechts) .
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Donnerstag, 26. Juli: Die Sonne bringt es an den Tag

Auch im Hotel ist man vor den Streichen der Breslauer Zwerge nicht sicher, wie wir am Morgen feststellten. Vor einer halbrunden Trennwand im Empfangsbereich hing ein Maler-Wichtel von der Decke, der, wie es schien, soeben Leonardo da Vincis berühmtem Gemälde „Dame mit dem Hermelin“ eine Zwergenmütze verpasst hatte. Ein hübscher Einfall, der uns beim Verlassen unserer Unterkunft ein Schmunzeln abnötigte.
Welch ein Unterschied zum vorangegangenen Abend: Die Bürgerhäuser am Rynek erstrahlten im Morgenlicht in ihrer ganzen Farbenpracht. Vor der Ostfassade des Alten Rathauses war jetzt auch die steinerne Staupsäule gut erkennbar. Ein Pranger, an dem noch bis Ende des 18. Jahrhunderts Körperstrafen wie das als „Stäupen“ bezeichnete Auspeitschen vollstreckt wurden.

Eine Insel, die keine mehr ist

Unser erstes Ziel war die Dominsel. Wrocław liegt an der Oder, die im Stadtgebiet mit diversen Nebenflüssen und Kanälen in Erscheinung tritt. Die Dominsel ist nur eine von zwölf überbauten Oder-Inseln, weshalb die Stadt auch als polnisches Venedig gilt. Zugleich war die seit dem 9. Jahrhundert bewohnte Dominsel die Keimzelle der heutigen Stadt. Im Jahr 1241 wurde der älteste Fürstenhof mitsamt der damaligen Stadt auf das linke Oderufer verlegt, und die Dominsel entwickelte sich zu einem Stadtteil der Kirchen mit Sitz des Erzbischofs. Weil jedoch im 19. Jahrhundert ein Oderarm zugeschüttet wurde, ist die Dominsel heute nur noch beim Gang über die Dombrücke als ehemalige Insel erlebbar. Wie an einigen anderen zentralen Brücken in europäischen Städten zeugen auch an der von Statuen der Heiligen Hedwig und Johannes des Täufers flankierten Dombrücke unzählige Vorhängeschlösser von den Treuschwüren der Liebespaare. Wir näherten uns der Dominsel unter anderem über den Oder-Boulevard mit Blick auf das repräsentative Hauptgebäude der Universität und die 1908 fertiggestellte Markthalle mit ihrer historischen Backsteinfassade und dem markanten Eckturm.

Kirche im Doppelpack

Von den vier Kirchen auf der Dominsel betraten wir zwei. Die erste, die Stiftskirche zum Heiligen Kreuz und St. Bartholomäus, ist ein architektonisches Kuriosum, weil sie aus zwei übereinander liegenden Kirchen besteht. Sozusagen eine Kirche im Doppelpack. Um ehrlich zu sein, habe ich das aber bei unserem Besuch nicht bemerkt, sondern mir erst später angelesen. Damals machte ich mir keine Gedanken, warum wir – vorbei am barocken Denkmal für den Heiligen Johannes Nepomuk - eine größere Freitreppe zum Kircheneingang hinaufsteigen mussten. Viel mehr beschäftigte mich, was wir drinnen zu hören und vor allem zu sehen bekamen. Der vergleichsweise nüchterne Kirchenraum diente nämlich als Ausstellungssaal für eine Schau mit moderner sakraler Malerei und Bildhauerei. Dazu spielte ein Organist. Zweite Station war die wenige Schritte entfernte gotische Kathedrale St. Johannes der Täufer. Die auch Breslauer Dom genannte Hauptkirche ist neben dem alten Rathaus eins der Wahrzeichen von Wrocław. Im 13. Jahrhundert auf den Mauern von drei Vorgängerkirchen errichtet, war sie das erste gotische Bauwerk auf polnischem Boden. Seitdem hat sie freilich diverse Umbauten, Renovierungen und vor allem den Wiederaufbau nach dem Krieg erlebt. Nach Besichtigung des Kirchenschiffs wagten wir den Aufstieg in ein Turmzimmer über dem Haupteingang, wo – so habe ich es verstanden – Fotos und Mitbringsel polnischer Missionare aus Afrika ausgestellt wurden. Von oben blickten wir auf den Vorplatz mit der Madonnenstatue. Wieder unten fotografierte ich eine Tafel an der Kirchenfassade, die an den in Polen geborenen Komponisten Frédéric Chopin erinnert. Chopin hat vor seiner Ausreise nach Paris am 8. November 1830 in der Breslauer Kathedrale ein Klavierkonzert gegeben.

Nationale Gedenkstätten

Am gegenüberliegenden Oderufer passierten wir das in einem Neorenaissance-Bau untergebrachte Nationalmuseum Breslau, in dem rund 120.000 polnische und internationale Kunstobjekte zu besichtigen sind. Wir begnügten uns mit einem Blick auf die davor aufgestellten Statuen von Albrecht Dürer und Michelangelo Buonarroti. Im Vorübergehen erhaschten wir einen Blick auf den romantischen Gondelhafen und standen wenige Schritte weiter vor dem Denkmal für die sogenannten Katyn-Opfer. Bei dem russischen Dorf Katyn wurden 1940 auf Befehl des sowjetischen Diktators Stalin etwa 4.400 gefangene polnische Offiziere ermordet, ein Verbrechen, das symbolisch für eine Reihe ähnlicher Taten im selben Zeitraum mit schätzungsweise mindestens 22.000 polnischen Opfern steht und - wie die deutschen Verbrechen in Polen während des Zweiten Weltkriegs - bis heute in Polen nachwirkt. Wiederum einige Schritte weiter ragte vor uns ein Bauwerk auf, das auf den ersten Blick einem Gaskessel ähnelte. Doch weit gefehlt: Der Betonkoloss entpuppte sich als „Panorama von Racławice“, ein monumentales Rundgemälde, das den Sieg der polnischen über die russische Armee im Jahr 1794 feiert. Das bereits zum 100. Jahrestag der Schlacht im heute ukrainischen Lemberg fertiggestellte Werk wurde erst 1985 in einem eigens dafür errichteten Bauwerk in Wrocław gezeigt und ist seither ein touristischer Anziehungspunkt.

Ein „konspiratives“ Mittagessen

Inzwischen war es Mittagszeit und wir sahen uns nach einem passenden Lokal um. Ich erinnerte mich, beim Rundgang am Vorabend nahe dem Rynek ein Restaurant mit dem kuriosen Namen „Konspira“, abgekürzt für „Konspiracja“, auf Deutsch „Verschwörung“, erspäht zu haben. Neugierig steuerten wir den Biergarten der als Café-Restaurant-Club firmierenden Gaststätte an. Schon die Speisekarte hat Seltenheitswert: Sie ist als Magazin mit Informationen und Karikaturen über den polnischen Widerstand gegen das kommunistische Regime, die Gewerkschaft Solidarność und die polnische Küche gestaltet. Das Speisenangebot ist zwischen Bildern und Texten eingestreut. So wird einem beim Warten aufs Essen nicht langweilig. Als unterhaltsam erwies sich auch die junge Bedienung, die sich als Studentin aus der Ukraine zu erkennen gab. Auch in Deutschland hatte sie schon studiert, dann aber Wrocław für sich entdeckt. Auf ihre Empfehlung bestellten wir eine „Polnische Platte“ für zwei Personen, eine zugegeben deftige Mahlzeit mit Sauerkraut-Fleisch-Eintopf im Brotteig, gebratenen Weißwürsten, Kohlrouladen, typisch polnischen Piroggen (gefüllten Teigtaschen), sauren Gurken und diversen Dips. Dazu polnischen Apfelwein. Polnischer geht´s wohl kaum. Wir schlemmten draußen, aber das Lokal hat auch ein sehenswertes Inneres, wie uns „unsere“ nette Bedienung verriet. Durch einen geöffneten Wandschrank betritt man das einst geheime, im Stil der 70er/80er-Jahre möblierte Hinterzimmer, in dem sich die Oppositionellen trafen. Ein ganzes Arsenal von Erinnerungsstücken, angefangenen bei Matritzendrucker und Schreibmaschine über Schwarz-Weiß-Fernseher bis Flugblatt und Wandzeitung, künden von vergangenen oppositionellen Aktivitäten. (N)Ostalgie pur.
Chris Heinemann

Den zwölften und letzten Teil des Reiseberichts Polen unter dem Titel „Wrocław/Breslau 3: Jüdisches Leben und junge Kunst“ lesen Sie nächste Woche an dieser Stelle.

Die vorangegangenen Teile und weitere Berichte von anderen Reisenden aus der Region lesen Sie auf unserer Themenseite: Reiseberichte

Autor:

Chris Heinemann aus Region

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