Interview mit Landrat des Landkreises Karlsruhe, Christoph Schnaudigel
„Unbekannte Infektionsquellen haben zugenommen“

Region (hk) Christoph Schnaudigel, Landrat im Landkreis Karlsruhe, blickt im Gespräch mit der Brettener Woche/kraichgau.news auf ein Jahr Corona-Pandemie zurück. Der Chef der Kreisverwaltung sagt auch, was ihm bei der Ausbreitung des Virus aktuell die größten Sorgen bereitet.

Herr Schnaudigel, erinnern Sie sich noch an den Augenblick, als die Meldung kam, dass das Coronavirus nun auch den Landkreis erreicht hat?
Ich war mit meiner Frau beim Einkaufen, da kam der Anruf aus dem Gesundheitsamt, dass wir den ersten Corona-Fall haben. Natürlich haben wir bereits damit gerechnet, dass ein solches Szenario auch bei uns eintreten kann. Wenn die Situation aber tatsächlich eintritt, ist das nochmals anders. Zumal es gleich kompliziert begann, weil ein Mann betroffen war, der für einen Vortrag bei einem Kongress in der Messe Karlsruhe vorgesehen war, der schon angelaufen war und es musste entschieden werden, ob die Veranstaltung mit mehreren tausend Gästen sofort beendet werden muss.

Wo stecken sich Menschen am häufigsten an? Gibt es da im Gesundheitsamt Erkenntnisse?
Ja, natürlich, das wird täglich analysiert. Die Infektionsquellen wechseln: Am Anfang waren es die Rückkehrer aus den Skigebieten. Dann gab es viele Ansteckungen im Bereich von Einrichtungen, also Pflegeheime, Schulen und Kindergärten. Nach den Sommerferien machten Reiserückkehrer einen Großteil aus und gerade haben wir zwei größere Ausbrüche in Unternehmen. An die erste Stelle sind aber Ansteckungen im Familienkreis gerückt. Zugenommen haben die unbekannten Infektionsquellen - bei jeder vierten Infektion kann heute gar nicht nachvollzogen werden, wo die Ansteckung erfolgte.

In anderen Landkreisen gibt es „Reste-Impfbörsen“, bei denen Impfwillige die Chance auf eine Impfdose erhalten, die nicht mehr verabreicht werden konnte. Wäre so etwas auch im Landkreis Karlsruhe vorstellbar?

Bei uns wird jede Impfdose auch verimpft. Da bleibt nichts übrig. Sollte es in wenigen Einzelfällen dazu kommen, dass nicht alle Impfungen verabreicht werden können, zum Beispiel, wenn Leute nicht zum Termin erscheinen, werden kurzfristig andere berechtigte Personen, beispielsweise aus unseren Krankenhäusern informiert. Aber das kam bislang nicht häufig vor.

Corona hat auch dem Landratsamt neue Betätigungsfelder gebracht: Infektionskettennachverfolgung durch das Gesundheitsamt, Aufbau von Test- und Impfzentren, Umsetzen neuer Verordnungen der Regierung. Wie ist das alles zu schaffen?
Das geht nur, wenn klare Prioritäten gesetzt werden und die gesamte Landkreisverwaltung an einem Strang zieht. Das Gesundheitsamt wurde personell aufgerüstet und bekommt Unterstützung aus allen Bereichen des Landrats-amtes. Auch die Stadt Karlsruhe, für die wir ja ebenfalls zuständig sind, unterstützt uns, ebenso wie die Bundeswehr, wofür wir sehr dankbar sind. Beim Aufbau der Impfzentren konnten wir auf unsere Erfahrungen in der Flüchtlingskrise zurückgreifen. Auch damals mussten wir über Nacht funktionierende Einrichtungen aus dem Boden stampfen.

Was bereitet Ihnen bei der Pandemie aktuell die größten Sorgen?
Dass die Menschen immer ungeduldiger werden und die Beschränkungen nicht mehr akzeptieren. Aber das Virus nimmt darauf keine Rücksicht, wie unsere Erfahrungen aus der gerade anlaufenden dritten Welle zeigen. Ebenso macht mir die Belastung der Beschäftigten in den Kliniken und im Gesundheitsamt Sorgen. Auch geht das Impfen viel zu langsam. Wir benötigen dringend mehr Impfstoff, der auch von den niedergelassenen Ärzten verimpft werden sollte.

Was ist Ihre Einschätzung oder Hoffnung: Wie lange müssen wir noch mit Einschränkungen in unserem Alltag leben?
Ich habe immer noch die Hoffnung, dass die Einschränkungen im Frühsommer Zug um Zug zurückgenommen werden können.

Gibt es Lehren, die Sie aus dem Jahr Pandemie mitnehmen?
Wie in der Flüchtlingskrise hat sich wieder einmal gezeigt, dass es ohne leistungsfähige Kommunen nicht geht. Gleiches gilt für unsere Krankenhäuser. Wir können einmal mehr dankbar sein, dass es uns gelungen ist, den Standort Bretten als leistungsfähigen Klinikstandort zu erhalten. Zudem benötigen wir dringend eine leistungsstarke digitale Infrastruktur. Funkverbindungen und Kupferkabel haben ausgedient, wir benötigen Glasfaser bis an jede Haustür.

Und gibt es etwas, was Sie persönlich in dieser Zeit der Einschränkungen besonders vermissen?
Ja natürlich, das kulturelle Leben, der Besuch von Veranstaltungen oder einfach ein ungezwungenes Treffen mit Freunden oder Bekannten.

Welche Landkreis-Pläne/Projekte, die nicht im Zusammenhang mit Corona stehen, dürfen aus Ihrer Sicht in diesem Jahr nicht aus den Augen verloren werden?
Hierzu gehören in erster Linie der weitere Ausbau des ÖPNV, beispielsweise der S 4 zwischen Bretten und Karlsruhe, die Fortschreibung des Radverkehrskonzeptes und unserer Projekte zum Klimaschutz und der weitere Ausbau unseres Glasfasernetzes. Ebenso müssen wir weiter in unsere Schulen und Krankenhäuser investieren. Und nicht zuletzt gilt es, das Projekt des Landratsamt-Neubaus fortzuführen.

Die Fragen stellte Redakteurin Havva Keskin.

Autor:

Havva Keskin aus Bretten

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