Interview mit Diana Drost, Pflegekraft im Neibsheimer Altenheim Haus Schönblick
"Es ist nichts mehr wie es war"

Diana Drost. privat
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Bretten-Neibsheim (bea) Was es bedeutet eine pflegebedürftige Person zu betreuen, wissen betroffene Angehörige. Was es allerdings bedeutet, viele pflegebedürftige und darüber hinaus auch demente Menschen dauerhaft zu betreuen, wissen in erster Linie die Pflegekräfte in den Altenheimen. Um einen Einblick in diesen, gerade in der Corona-Zeit, oft sehr belastenden Arbeitsalltag zu geben, hat die Brettener Woche mit Diana Drost, einer langjährigen Pflegekraft aus dem vom Virus stark betroffenen Neibsheimer Alten- und Pflegeheim Haus Schönblick, über ihre Arbeit gesprochen.

Frau Drost, zuallererst: wie geht es Ihnen?

Es tut mir weh, über die letzten Wochen zu reden. Ich habe Bewohner verloren, die ich über zehn Jahre gekannt habe. Vor 26 Jahren habe ich hier im Haus Schönblick angefangen zu arbeiten. Ich wurde gut aufgenommen. Meine Familie waren meine Bewohner. Heute habe ich eine eigene kleine Familie, meine Bewohner sind meine zweite Familie, sie gehören mit zu meinem Leben. Gerade deswegen gehe ich gerne zur Arbeit, überall gibt es mal Regen und mal Sonnenschein.

Hatten Sie selbst Angst sich mit Corona zu infizieren?

Das war mein großes Problem: Auch ich war Corona positiv. Anfangs ohne Symptome, ich habe weiter gearbeitet – ich wollte für meine Bewohner da sein. Dann musste ich aber doch daheim bleiben. Nun mache ich mir Vorwürfe, dass ich für meine Bewohner in dieser schweren Zeit nicht da sein konnte.

Es muss schwer sein in einer solchen Ausnahmesituation in der Altenpflege zu arbeiten. Wie haben Sie die Zeit danach erlebt?
Das erste Mal in all den Jahren fiel es mir nach 14 Tagen Auszeit schwer, wieder schaffen zu gehen. Nicht wegen der Arbeit, nein - ich liebe meine Arbeit. Wegen meiner Bewohner. Ich wusste: Du gehst jetzt auf Arbeit und es ist nichts mehr, wie es war. Da fehlen plötzlich viele Bewohner, die dir arg ans Herz gewachsen sind. Ich weiß, jeder Bewohner, der zu uns kommt, geht irgendwann von uns, aber nicht so und nicht so viele innerhalb so kurzer Zeit. Nun, nach zwei Wochen im Dienst, bin ich froh, wieder bei meinen Bewohnern zu sein. Unsere "Familie" ist etwas kleiner geworden, die Verstorbenen werden uns in Erinnerung bleiben. Wir werden alles tun, damit es unseren Bewohnern gut geht. Wir sind wie eine große Familie. Bei uns herrscht eine gemütliche Atmosphäre. Wir saßen oft zusammen, haben zusammen gegessen, es gab viele Beschäftigungsangebote. Bei uns gab es keine Einsamkeit, nur Gemeinsamkeit.

Das hatte ein anonymer Leserbriefschreiber kritisiert, wie stehen Sie dazu?
An den anonymen Schreiber und an alle, die sich den Mund zerreißen und denken: "Wie konnte es nur soweit kommen?" Ja, die Hygienemaßnahmen wurden während der Geschenkübergabe von Rinklingen nicht eingehalten. Aber, in diesem Augenblick waren wir Pflegekräfte "geschockt" von soviel Anteilnahme. Nochmal ein großes Dankeschön an alle Spender, die in diesen schweren Wochen, an uns gedacht haben. Ihr habt uns wieder aufgebaut und uns und unseren Bewohnern in dieser schwierigen Situation ein Lächeln ins Gesicht gezaubert. Es war schön, zu sehen, dass wir nicht alleine sind. Leider gibt es viele Leute, die keine Ahnung haben, wie der Alltag in einem Pflegeheim wirklich ist. Wir sind für die Sorgen und Nöte unserer Bewohner da. Wir hören zu, trösten, sind Ansprechpartner und Vertraute für viele Dinge. Gerade jetzt sind wir die einzige Bezugsperson. Wir können unseren Bewohnern ihr altes Zuhause nicht ersetzen, aber wir tun alles, damit sie sich wohlfühlen.

Sie sagten, dass Sie, als auf das Virus positiv getestete Pflegekraft weitergearbeitet haben?

Ja, auch die Mitarbeiter, die positiv getestet wurden und symptomfrei waren, durften unter strengen Hygienemaßnahmen weiterarbeiten – dies wurde ihnen vom Gesundheitsamt erlaubt. Und ich bin allen Mitarbeitern dankbar, dass sie dies getan haben – für unsere Bewohner. Denn wer hätte sonst unsere Bewohner versorgt? Danke auch an die zwei freiwilligen Helfer, die sich trotz der schwierigen Situation gemeldet haben. Wir haben in so kurzer Zeit viele Bewohner verloren, die uns ans Herz gewachsen sind. Man hat zusammen gelacht und geweint. Von vielen konnte ich mich nicht verabschieden, das tut weh. Ich weiß aber, dass es unseren Bewohnern hier bei uns, im Haus Schönblick, gut ging und sie sich wohlgefühlt haben. Lieber anonymer Schreiber, auch für Ihre Schwiegermutter tun wir nur das Beste, wie für alle unsere Bewohner.

Autor:

Beatrix Drescher aus Bretten

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