Anwohner befürchtet wegen Hochwasser-Maßnahme in Königsbach-Stein massiven Eingriff in die Natur
„Der Leitdeich ist die Wurzel allen Übels“

Erich Rieger fordert vom Gemeinderat in Königsbach-Stein dem Projekt „Leitdeich“ Einhalt zu gebieten, damit ein Kleinod am Mühlbach nicht zerstört wird.
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Königsbach-Stein (hk) Friedlich plätschert der Mühlbach in Stein vor sich hin. Erich Rieger kann den munter glukernden Bach von seinem Garten aus leise wahrnehmen. Nur wenige Schritte trennen ihn von dem ökologischen Kleinod, das sich dort entwickelt hat – wie zum Beispiel ein kleiner Wasserfall, der in den Mühlbach sprudelt.

Leitdeich lenkt Hochwasserströmungen in bestimmte Richtung

Kaum vorstellbar, dass sich der Bruchbach – der Zusammenfluss von Mühlbach und Gengenbach – in der Starkregensaison in einen reißenden Strom verwandelt. Aber genau das hat sich am Abend des 7. Juni 2016 in Stein ereignet. Schon ein Jahr zuvor hatte die Gemeinde dort eine Flussgebietsuntersuchung (FGU) veranlasst, 2017 dann auch im anderen Ortsteil Königsbach. Das beauftragte Ingenieurbüro Wald + Corbe hatte den Einwohnern die Hochwasserschutzmaßnahmen in den vergangenen Jahren vorgestellt, zum Beispiel in Gemeinderatssitzungen oder Einwohnerversammlungen. Am 15. Oktober 2019 informierte das Ingenieurbüro den Gemeinderat in einer öffentlichen Sitzung über die Errichtung eines Leitdeichs in Stein. Dieser hat die Aufgabe, Hochwasserströmungen in eine bestimmte Richtung zu lenken. Laut Rieger handelt es sich bei dem geplanten Leitdeich um eine Staumauer mit einem mehrere Quadratmeter großen Durchlass.

„Katastrophales Ausmaß der Umweltzerstörung“

Er macht sich große Sorgen über die „Verantwortungslosigkeit des Projekts“, weil der Leitdeich massive Eingriffe in Flora und Fauna erforderlich mache. Die notwendigen kostenintensiven Baumaßnahmen am Gewässer würden laut Rieger unter anderem dazu führen, dass der Mühlbach ausgeweitet und ausgebaggert sowie Bäume gefällt würden. Der kleine Wasserfall werde abgeschrägt, begradigt und der Wasserlauf beschleunigt. Zudem sieht er in dem Vorhaben auch eine Gefahr für die Bürger, weil das Hochwasser durch den Leitdeich verdichtet durch das Dorf geschleust würde. „Bei einem Hochwasser wird durch die Maßnahme 'Leitdeich' die Kanalisation geflutet und es kommt zu Rückstaus auch in höher gelegenen Ortsteilen“, sagt Rieger. Nach Fertigstellung des Projekts fürchtet Rieger ein „katastrophales Ausmaß der Umweltzerstörung“ und Folgekosten in Höhe von mehreren Millionen Euro an Steuergeldern. „Der Leitdeich ist die Wurzel allen Übels“, ist Rieger sicher. Zu seinem Bedauern habe es schon einen Grundstückskauf, Probebohrungen und Vermessungen gegeben, obwohl die Gemeindeverwaltung noch nicht über ein Umweltgutachten verfüge.

Alternative: Hochwasserrückhaltebecken am Bolzplatz

Als Alternative für den Leitdeich plädiert er für ein Hochwasserrückhaltebecken (HRB) am Bolzplatz am Ortsausgang von Stein in Richtung Neulingen, das keine Auf bordungen am Gewässer erforderlich mache. „In der FGU steht, dass mein Vorschlag ideal wäre. Stattdessen wurde ein Projekt in Auftrag gegeben, das alles kaputt macht. Ich habe zwar den Gemeinderat darauf aufmerksam gemacht, aber keine Reaktion erhalten. Ich bin aber fest entschlossen, alleine weiterzukämpfen“, sagt Rieger und fordert vom Gemeinderat den sofortigen Stop der Planungen zum Leitdeich.

„Man müsste nur mit einer geringen Anzahl von Grundstückseigentümern Verhandlungen führen“

Tatsächlich steht in der FGU Stein, die der Redaktion vorliegt, dass sich die beste Beckenwirkung „aus hydrologischer Sicht durch eine Rückhaltemaßnahme direkt vor der zu schützenden Engstelle“ erreichen ließe. Dass die Gemeindeverwaltung letztendlich nicht am sogenannten „HRB 484“ festgehalten hat, begründet Bürgermeister Heiko Genthner gegenüber der Brettener Woche damit, dass der Bau in der FGU Stein aufgrund wirtschaftlicher Aspekte vom Ingenieurbüro als nicht sinnvoll bewertet wurde. „Neben dem wirtschaftlichen Aspekt sind auch noch unterschiedliche Genehmigungsverfahren für ein HRB oder einen Leitdeich maßgeblich, zum Beispiel Planfeststellungsverfahren. Teile der Flächen, die im HRB 484 liegen, sind außerdem im Flächennutzungsplan als Bauerwartungsland ausgewiesen“, erklärt Genthner. Zu den in der FGU Stein geschätzten Kosten von 1,5 Millionen Euro für das HRB 484 ohne Nebenkosten kämen noch der Grunderwerb beziehungsweise die Entschädigung von Flächen, die im Einstaubereich liegen, hinzu. Hierzu wären mit einer Vielzahl von Grundstückseigentümern Verhandlungen zu führen. „Für den Bau eines Leitdeiches müsste man nur mit einer geringen Anzahl von Grundstückseigentümern Verhandlungen führen und die Inanspruchnahme von privaten Flächen wäre weitaus geringer“, macht Genthner deutlich.

Bodengutachten erstellt

Ob Leitdeich oder HRB – beide Projekte würden Maßnahmen am Gewässer erforderlich machen. „Der Hochwasser-Abfluss des HRB 484 würde immer noch zu Aufbordungen des Bruchbachs im Bereich Sandgrube und der Bachgasse führen, sodass trotzdem zusätzliche Hochwasserschutz-Maßnahmen am Bach durchgeführt werden müssten“, erklärt der Bürgermeister. Nach dem Vorliegen der Umwelt- und Arten-Gutachten werde im Genehmigungsverfahren beim Landratsamt Enzkreis geprüft, welche Beeinträchtigungen gegebenenfalls entstehen und wie diese kompensiert werden können. Entgegen der Aussage Riegers gehe man allerdings nach jetzigem Kenntnisstand davon aus, „dass keine Maßnahme ein Ökosystem 'zerstört'“. Dem Vorwurf, dass die Gemeindeverwaltung aktuell kein Umweltgutachten vorweisen könne, entgegnet Genthner, dass „die notwendigen umwelt- und artenschutzrechtlichen Untersuchungen beauftragt“ seien und „entsprechend der Zeiträume, in denen diese erfolgen müssten, im Herbst 2020 abgeschlossen“ sein werden. Tatsächlich sei allerdings, wie von Rieger richtig vermutet, eine Vermessung durchgeführt worden und man habe ein Bodengutachten erstellt.

Leitdeich nicht in „Stein gemeißelt“

„Anders als immer wieder dargestellt“, so Genthner, habe der Gemeinderat über das HRB 484 und die FGU Stein seit 2017 Kenntnis und werde von der Verwaltung umfassend informiert. Das Leitdeich-Vorhaben sei aktuell nicht in „Stein gemeißelt“: „Einen Baubeschluss gibt es diesbezüglich noch nicht, der Gemeinderat hat hier selbstverständlich das letzte Wort“, so Genthner. Um dem Gemeinderat eine umfassende Entscheidungsgrundlage auf bereiten zu können, arbeite die Gemeindeverwaltung weiter an der Planung des Hochwasserschutzes für diesen Bereich. „Der Gemeinderat ist und bleibt Herr des Verfahrens“, sagt Genthner abschließend. Rieger glaubt hingegen, dass es im Gemeinderat keine Mehrheit gäbe, um „diesen Wahnsinn aufzuhalten“.
Wie geht es also weiter? „Nach Fertigstellung der FGU Königsbach soll zunächst diese der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Anschließend ist geplant, nochmals umfassend zum Thema Hochwasserschutz in der Gesamtgemeinde zu informieren. In welcher Form und zu welchem Zeitpunkt dies coronabedingt möglich sein wird, bleibt leider abzuwarten“, erklärt Bürgermeister Genthner.

Autor:

Havva Keskin aus Bretten

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