Michael Krüper ist der neue Jugendschutzbeauftragte der Stadt Bretten - Ein Porträt

Der Jugendschutzbeauftragte der Stadt Bretten Michael Krüper
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Michael Krüper ist der neue Jugendschutzbeauftragte der Stadt Bretten, auch bekannt als "Kümmerer". So wird der 53-Jährige jedoch nicht gern genannt, zu ernst nimmt er sein Ehrenamt. Seit 17 Jahren ist er trockener Alkoholiker und will Jugendliche über Sucht aufklären.

Bretten (wh) Michael Krüper ist durchaus ein auffälliger Mann. Mit seinen wasserstoffblonden Haaren, seinem neongelben Augenbrauenpiercing und seinem Ohrring erinnert er ein wenig an Scooter-Legende H.P. Baxxter. Krüper ist keine Autoritätsperson. Das will er auch gar nicht sein. Mit dem Begrüßungshandschlag bietet er jedem sofort das „Du“ an. Krüper ist authentisch, echt. Man glaubt ihm seine Geschichte.

Wenn er von seinem Leben erzählt, ist er fast schon unangenehm ehrlich und offen. Er hält seinen Gesprächspartnern gleichsam einen Spiegel vor, darin offenbart sich Menschliches und Allzumenschliches. Seine Geschichte ist eine von Sucht, Absturz, aber auch von Erneuerung und Hoffnung. Das Thema Suchtprävention steht darum im Zentrum seiner Arbeit. „Was mir passiert ist, soll den Jugendlichen nicht passieren“. Schon in jungen Jahren fängt er an zu trinken – bis zur Abhängigkeit. „Ich habe per Telefon Alkohol bestellt – Rotwein und eine ‚Alibi-Pizza‘ dazu“. Eine Kiste Bier, vier Liter Rotwein und zwei Flaschen Schnaps habe er am Tag getrunken. Seine Ärzte hätten festgestellt, erzählt Krüper, dass er regelmäßig einen Blutalkoholwert von fünf Promille gehabt habe. „Ab einem Pegel von drei Promille habe ich schon erste Entzugserscheinungen gehabt“, so Krüper. Schließlich habe er alles verloren: Familie, Job, Wohnung. „Ich war obdachlos und hatte 20.000 Euro Schulden, die ich zehn Jahre lang abgezahlt habe“.

Jugendschutzbeauftragter, nicht Kümmerer

Seit dem 20. Juli 2017 ist der 53-Jährige nun ehrenamtlicher Jugendschutzbeauftragter der Stadt Bretten, auch „Kümmerer“ genannt. Krüper wird so jedoch nicht gern bezeichnet. Der Begriff werde der Tätigkeit nicht gerecht, findet er.

Seine Arbeit mit den Jugendlichen ist jedoch mehr, als nur das sprichwörtliche „Dienen als schlechtes Vorbild“. „Jemand, der selbst einmal alkoholabhängig war, kann über das Thema Sucht ganz anders sprechen, als jemand, der nur die Theorie kennt“, findet er. Mit seiner direkten Art konfrontiert er Jugendliche - aber auch Erwachsene mit dem Thema Sucht - das bis heute nicht vollständig enttabuisiert ist. Können Jugendliche solch eine direkte Konfrontation überhaupt verkraften? Bedenken, die auch gegenüber dem Jugendschutzbeauftragten geäußert wurden. Lieber abstrahiert man das Thema, redet über Statistiken, Umfragen, nackte Zahlen – zumindest scheint es so.

Doch für Krüper können bloße Fakten nicht so eindringlich wirken wie seine persönliche Geschichte: „Ich bin fast gestorben. Mein Arzt hat mir klipp und klar gesagt: Entweder, Sie trinken weiter – dann sind Sie in wenigen Wochen tot – oder Sie hören sofort auf“. Krüper hat sich für das Aufhören entschieden. Und für das Aufklären. Er beschäftigt sich intensiv mit dem Thema, liest die neuesten Info-Broschüren, hat eine ganze Sammlung an Unterlagen. Er weiß um den Unterschied zwischen körperlicher und psychischer Abhängigkeit und weiß, was Co-Abhängigkeit bedeutet. Und er weiß, wie viele direkt oder indirekt vor allem vom Alkoholismus betroffen sind. „Wenn ich mit den Leuten rede, erzählen Sie mir im Laufe des Gespräches oft, dass sie auch Alkoholsüchtige in der Familie oder im engeren Umfeld haben“. Wundern tut ihn das nicht. „Es gibt das Klischee, Alkoholiker sind arm und asozial. In der Langzeittherapie habe ich aber gesehen, dass das Problem alle Gesellschaftsschichten betrifft“. Insgesamt acht Monate lang war er in Therapie.

Krüper will Ansprechpartner sein

Dass Jugendliche sehr wohl an seiner Geschichte interessiert sind, das merkt Krüper in seinen Sprechstunden. Im Rathaus der Stadt Bretten hat er ein kleines Büro, in dem er alle 14 Tage donnerstags eine zweistündige Sprechstunde anbietet. Die Büroeinrichtung ist selbst für spartanische Verhältnisse als minimalistisch zu bezeichnen: Ein einfacher Tisch, zwei Stühle, eine Liege. Dem gegenüber stehen die hohen Ansprüche, die Krüper an sich und seine Arbeit als Jugendschutzbeauftragter stellt. Er will erreichbar sein, in direkten Kontakt mit Jugendlichen kommen. „Mir ist es wichtig, dass die Leute wissen, dass sie zu mir kommen können, wenn sie ein Suchtproblem haben“, ein Angebot, das sich durchaus nicht nur auf Jugendliche beschränkt. Ein Diensthandy hat er derzeit noch nicht. Die Stadt Bretten plane aber, ihm eines zur Verfügung zu stellen, informiert Bürgermeister Michael Nöltner.

Krüpers Botschaft ist jedoch nicht nur eine negative. Seine Geschichte ist auch ein Beispiel dafür, dass man es schaffen kann, sich zurück ins Leben zu kämpfen. Krüper hat sein Leben von Grund auf umgekrempelt. „Die letzten 17 Jahre, in denen ich trocken war, waren die besten meines Lebens“ - ein Satz, Krüper haben kann oft wiederholt. Heute ist Krüper glücklich verheiratet, hat zwei Töchter, geht einer geregelten Tätigkeit als Bademeister in Bruchsal nach. Ganz überwinden kann er die Sucht trotzdem nie. Dafür wirkt Alkohol einfach viel zu stark auf den Körper. „Die ersten drei Jahre, sagen auch die Gelehrten, sind die schwersten“. Der Rückhalt seiner Frau, die er kurz nach seiner Therapie kennenlernte, gibt ihm die nötige Kraft. Nur das Rauchen sei ein Laster, das er sich bisher nicht abgewöhnen konnte. Das ist ihm sogar ein bisschen peinlich, schließlich möchte er glaubwürdig sein.

Interview für Schulprojekt

Als eine Gruppe Schülerinnen einer Brettener Schule ihn aufsucht und für ein Schulprojekt um ein Video-Interview bittet, ist Krüper sofort interessiert, gibt ihnen seine Nummer, um in Kontakt zu bleiben.

Krüper verabredet sich mit den Schülerinnen an ihrer Schule für ein Videointerview. Er leiht den Mädchen seine Kamera und stellt ihnen umfassendes Infomaterial aus seiner persönlichen Sammlung zur Verfügung. Zu dem verabredet Termin kommt er zu früh. Das sei seine Angewohnheit, erklärt er. In dem Raum, in dem die Schülerinnen das Interview durchführen wollen, wirkt alles ziemlich provisorisch. Als Beleuchtungsquelle dient ein Overheadprojektor, der Krüpers Schatten überdimensional an die Wand wirft. Ein auf einen Tisch gestellter Stuhl dient der von Krüper geliehenen Kamera als Stativ. Die Mädchen wirken schüchtern und ein bisschen aufgeregt. Sie sprechen leise – wahrscheinlich zu leise für die Aufnahmen. Zweimal gehen sie die Fragen vor laufender Kamera durch.

Krüper erzählt ihnen von den körperlichen Auswirkungen des Alkoholkonsums. Er beschreibt ausführlich und fast schon wissenschaftlich die Symptome. Dann wird er wieder persönlich: „Der körperliche Entzug war schlimm“, erzählt er den Schülerinnen. „Als ich kein Geld mehr für Alkohol gehabt habe, bin ich ins Delirium gefallen“. Jedes dritte Delirium sei tödlich, erklärt er.

Wie das Video der Schülerinnen am Ende geworden ist, wird Krüper nicht erfahren. Zur Vorstellung des Projekts im Unterricht, laden die Schülerinnen ihn nicht ein. Er ist enttäuscht. Seiner Kamera sowie das Infomaterial bekommt er lange nicht zurück und muss den Mädchen erst hinterher telefonieren. Ein USB-Stick ist bis heute verschollen. Mittlerweile weiß er, dass zumindest eines der Mädchen selbst schon reichlich Erfahrungen mit Alkohol und Drogen gesammelt hat. „Traue niemandem“, haben ihm andere bereits geraten.

"Ich habe meinen Platz noch nicht gefunden"

Auch sonst läuft vieles nicht so, wie es sich der engagierte Jugendschutzbeauftragte wünscht. Man treffe Jugendliche heute viel seltener im öffentlichen Raum. „Getrunken und geraucht wird eher im privaten Bereich“, resümiert er. Also da, wo er sie nicht erreichen kann. Ein Eindruck, den auch sein Vorgänger, der ehemalige Polizist Hans Schmitt, und Bürgermeister Nöltner teilen. Krüper wünscht sich daher eine engere Zusammenarbeit mit Schulen und Jugendtreffs. „Ich habe meinen Platz noch nicht so richtig gefunden“. Seit Anfang des Jahres steht ihm auch der Raum im Rathaus zu seinen Sprechzeiten nicht mehr zur Verfügung. Andere Sprechzeiten anzubieten, ist für den Vollzeitberufstätigen schwierig, da das Rathaus nur donnerstags bis 18 Uhr geöffnet ist. Darum sei man auf der Suche nach einem anderen Raum - bisher leider erfolglos.
Nichtsdestotrotz schätzt Michael Krüper es, dass ihm die Stadt Bretten viel Gestaltungsspielraum lässt. „Ich bin niemandem Rechenschaft schuldig“. Er berichte jedoch regelmäßig an das Ordnungsamt – eine gute Zusammenarbeit, die er nicht missen möchte.

Fast jeden Tag fährt Krüper von Bruchsal nach Bretten. Ein bis drei Stunden täglich wendet er für sein Ehrenamt auf. „Wenn ich eine Aufgabe übernehme, dann klemme ich mich auch dahinter“. Er macht auch viele positive Erfahrungen mit Jugendlichen in Bretten. Wenn er mit ihnen ins Gespräch kommt, seien sie meist sehr offen ihm gegenüber. „Ich habe kein Helfersyndrom, aber die Arbeit liegt mir einfach“. Wenn er könnte, würde er den Job sogar hauptamtlich machen. Trotzdem hat er aus der Erfahrung mit den Schülerinnen gelernt. Er will ab sofort vorsichtiger sein und nichts mehr verleihen. „Ein zweites Mal wird mir das nicht passieren“.

Kontakt

Michael Krüper, Jugendschutzbeauftragter der Stadt Bretten, ist per E-Mail unter kuemmerer@bretten.de zu erreichen.

Der Jugendschutzbeauftragte der Stadt Bretten Michael Krüper
Michael Krüper im Interview für ein Schulprojekt.
Autor:

Wiebke Hagemann aus Bretten

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