„Enorme Psychische Belastung für Bewohner”: Interview mit Pflegeexperten zum Thema katholische Altenhilfe in Bretten

Markus Wilhelm ist Sozial Management Berater. swiz

Der Pflegeexperte und Sozial-Management Berater Markus Wilhelm spricht im
Interview mit der Brettener Woche über Fehler, die bei der Diskussion um die katholische
Altenhilfe in der Stadt gemacht wurden. Zudem gibt er einen Einblick, welche Auswirkungen Bewohner und Mitarbeiter des vor der Schließung stehenden Altenheims St. Laurentius nun zu erwarten haben.

Bretten (swiz) Das Thema "katholische Altenhilfe" hat in Bretten für viel Diskussionen in Politik und Bevölkerung gesorgt. Gegipfelt war die Entwicklung in der Absage eines geplanten Altenheim-Neubaus auf dem Mellert/Fibron-Areal durch den Caritasverband Ettlingen. Der Pflegeexperte undSozial-Management Berater Markus Wilhelm spricht im

Interview mit der BrettenerWoche über Fehler, die bei der Diskussion um die katholische

Altenhilfe in der Stadt gemachtwurden. Zudem gibt er einen Einblick, welche Auswirkungen
Bewohner und Mitarbeiter des vor der Schließung stehenden Altenheims St. Laurentius nun
zu erwarten haben.

Herr Wilhelm, die Diskussion um die katholische Altenhilfe in Bretten hat Politik und Bürger viele Monate beschäftigt. Welche Fehler wurden während der Auseinandersetzung um das Pflegeheim gemacht?
Der wohl größte Fehler war, dass zu spät in dieser Causa reagiert wurde. Seit September 2009 war bekannt, dass die Einzelbettenverordnung 2019 kommen wird. Für die Häuser, auch in Bretten, war also seit diesem Zeitpunkt klar, dass man etwas tun muss. Dennoch wurde abgewartet; auch dann noch, als sich zeigte, dass diese Verordnung umgesetzt wird und es keine „echten“ Ausnahmen geben wird. Zudem glaube ich, dass beide Seiten, Caritas und Kirchengemeinde, nicht rechtzeitig aufeinander zugegangen sind. Man hätte viel früher damit beginnen müssen, nach Alternativen für den Standort in der Apothekergasse zu suchen, da klar war, dass dieser für die Zukunft nicht mehr geeignet ist. Dann haben der Neubau des ASB an der Wilhelmstraße und das neue, nach Plätzen aufgestockte Evangelische Altenheim den Wettbewerb erhöht. So kam es letztlich zum Rückzug.

Besonders die Caritas stand in den vergangenen Monaten in der Kritik. War dies ihrer Meinung nach gerechtfertigt?
Die Caritas hat in diesem Fall mit Sicherheit sehr unglücklich kommuniziert. Man hätte die Brettener Bürger, die Politik, vor allem aber auch die Mitarbeiter und Bewohner viel früher mitnehmen müssen. Der Caritasverband hätte die Entwicklung transparent darstellen und die Menschen hinter die Kulissen schauen lassen müssen. Ein Pflegeheim zu bauen und sich damit in eine hohe finanzielle Verpflichtung zu begeben, ist in der Regel mit einer Vollbelegung verbunden. Eine Vollauslastung hingegen wird nur dann gestattet, wenn auch die entsprechenden Personalzahlen vorgehalten werden. Es ist bekannt, dass die Pflege mit einem hohen Personalmangel zu kämpfen hat. Erklärt wird das häufig damit, dass die Mitarbeiter zu schlecht bezahlt werden. Als ehemaliger Mitarbeiter des Caritasverbandes weiß ich, dass sich dieser Träger an Tariflöhne hält oder Zusatzleistungen gewährt. Insofern sind die Personalaufwendungen im Vergleich zur Refinanzierung sehr hoch und es ist fraglich, ob das langfristig so gehalten werden kann. Dass sich ein Träger vor dem Hintergrund dieser Rahmenbedingungen gegen ein Projekt entscheidet, ist nachvollziehbar, wenngleich wie bereits erwähnt die Bemühungen darum früher hätten beginnen müssen. Um eine Verklärung der Situationen im Bereich der Pflege zu verhindern benötigen wir eine deutlich objektivere, vor allem aber versierte Betrachtung und Auseinandersetzung.

Die Leidtragenden der sind die Bewohner des Alten- und Pflegeheims St. Laurentius, die sich nach einem neuen Heimplatz umschauen müssen. Gibt es für diese Menschen überhaupt genug Plätze in der näheren Umgebung?
Ich denke, dass es für die Laurentius-Bewohner schwierig werden kann in der Region noch freie Heimplätze zu finden. Ich habe auch schon persönlich mitbekommen, dass es derzeit Anfragen aus Bretten an die Heime in der Region gibt, die allerdings eine Absage erhalten haben. Diese Entwicklung stellt die Bewohner und Angehörige in Bretten natürlich vor enorme Herausforderungen. Man muss vor allem verstehen, dass dies für die Bewohner des Brettener Heims eine enorme psychische Belastung sein kann. Ein Altenheim ist in der Regel die letzte Wohnstätte eines Menschen. Diesen sicher geglaubten Platz dann verlassen zu müssen, ist sehr schwer. Auch für deren Angehörige, besonders, wenn sich diese ebenfalls in einem fortgeschrittenen Lebensalter befinden und möglicherweise durch eine eigene, eingeschränkte Mobilität nicht mehr regelmäßig zu Besuch kommen können.

Wie beurteilen Sie die Situation der Fachpflegekräfte und Pflegehelfer im Heim St. Laurentius? Werden diese es leicht haben, einen neuen Arbeitsplatz zu finden?
Da muss man unterscheiden. Pflegefachkräfte werden in der Branche gesucht und haben in einem Umkreis von 15 – 20 Kilometern sicher gute Chancen, einen neuen Arbeitsplatz zu finden. Anders verhält es sich bei den ungelernten Pflegekräften. Diese haben oftmals ein geringes Lohnniveau und daraus resultierend z.B. kein eigenes Auto, was die Bewerbung für einen weiter entfernten Arbeitsplatz schon sehr schwierig macht. Ungeachtet der Profession kommt aber für alle Mitarbeiter auch noch eine psychologische Komponente hinzu. Viele sehen das katholische Altenheim in Bretten als ein Stück Heimat - Ihre Heimat und ihren Beruf dort als Berufung. Ich weiß nicht, wie hoch die psychologische Hürde ist, sich in einem anderen Heim zu bewerben. Mich würde nicht wundern, wenn diese Zäsur dazu führen würde, dass nicht alle Pflegekräfte ihre berufliche Zukunft weiterhin in der Pflege suchen. Das wird unterschätzt, das ist nicht einfach.

Es wird viel diskutiert über die angeblich schlechte Bezahlung und Überlastung von Pflegefachkräften und Pflegehelfern. Wie ist Ihre Meinung dazu?
Eines steht fest: Die Überlastung ist bei beiden Berufsbildern gegeben. Bei den Fachkräften liegt dies vor allem daran, dass sie eine sehr hohe Verantwortung, gerade auch im medizinischen Bereich haben. Bei Pflegehelfern resultiert die Überlastung oft aus der teils schieren Menge an Bewohnern, die sie zu betreuen haben. Finanziell würde ich dann allerdings unterscheiden. Der Beruf der Pflegefachkraft ist ein krisensicherer und im Vergleich zu vielen anderen Branchen ein schon jetzt gut bezahlter Beruf. Bei den Pflegehelfern muss dagegen spürbar mehr gemacht werden. Ich möchte betonen, dass es nicht um die Frage geht, ob Pflegekräfte nicht generell „mehr verdient“ hätten.
Zu bedenken gilt stets, dass alle gewünschten Verbesserungen, sei es die Verbesserung oder Erneuerung der Gebäude, die Anzahl der Mitarbeiter oder dessen Bezahlung, immer von jemandem bezahlt werden muss. Stand heute fällt diese Last auf die Bewohner, deren Angehörige oder öffentliche Kassen. Insofern wird auch die Frage nach der Finanzierung von Pflege ein zunehmend drängendes Problem, dass seitens der Politik gelöst werden muss. „Pflege“ ist heute leider nicht mehr nur eine „Herzenssache“ oder gar ein „Prestigeobjekt Einzelner“. Betriebswirtschaftlich betrachtet ist Pflege heute leider ein „knallhartes“ Geschäft, in welchem unternehmerische Fehler hart bestraft werden oder eine Misswirtschaft in die Insolvenz führt.

Die Fragen stellte Brettener Woche/kraichgau.news-Redaktionsleiter Christian Schweizer

Autor:

Christian Schweizer aus Bretten

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