500 Jahre Reformation: Einsichten und Ausblicke - Gespräch mit dem Direktor der Europäischen Melanchthon-Akademie Bretten, Professor Dr. Günter Frank

Professor Dr. Günter Frank, Direktor der Europäischen Melanchthon-Akademie Bretten.
  • Professor Dr. Günter Frank, Direktor der Europäischen Melanchthon-Akademie Bretten.
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Das gemeinsame Erinnern ist epochal neu, zu diesem Ergebnis kommt Professor Dr. Günter Frank. Der Direktor der Europäischen Melanchthon-Akademie Brettenzieht im Gespräch mit Brettener Woche und kraichgau.news eine vorläufige Bilanz des Reformationsjubiläums.

BRETTEN (ch) Das 500. Reformationsjahr neigt sich seinem Ende zu. Mit dem Reformationstag am kommenden Dienstag, 31. Oktober, der ausnahmsweise zum bundesweiten Feiertag erklärt wurde, findet das Gedenken an die von Martin Luther vor 500 Jahren angestoßene Reformation, sprich die Wiederherstellung oder Erneuerung der christlichen Kirche, seinen offiziellen und zugleich feierlich-besinnlichen Abschluss.

Als Geburtsstadt von Luthers wichtigstem Weggefährten Philipp Melanchthon und Sitz der Europäischen Melanchthon-Akademie stand Bretten während des Reformationsjubiläums mit im Zentrum internationaler Aufmerksamkeit. In zahlreichen, teils hochkarätigen Veranstaltungen wurde an die Leistungen der Reformation erinnert und es wurden aktuelle Fragen zum künftigen Zusammenleben der großen christlichen Konfessionen diskutiert. Wir haben den Direktor der Europäischen Melanchthon-Akademie und Kustos des Brettener Melanchthonhauses, Professor Dr. Günter Frank, nach seinen Erfahrungen im zurückliegenden Jubiläumsjahr gefragt.

Herr Professor Frank, was war Ihr persönlicher Höhepunkt im Jahr des Reformationsjubiläums?
Als Höhepunkt habe ich persönlich den Stationenweg im Dezember 2016 empfunden, als der Europäische Reformations-Truck auf dem Parkplatz am Seedamm Halt machte. Da konnten die Leute Videos aus anderen Städten anschauen und erfahren, welche Bedeutung die Reformation dort hat. Das war eine sehr lebendige Atmosphäre, in der sich die Besucher auch selbst mitteilen konnten, was ihnen am Thema Reformation wichtig ist.

Noch einmal zur Erinnerung: Welches Thema stand während des Reformationsjubiläums überregional im Mittelpunkt?
Vorgegeben war, dass es ein Jahr der Versöhnung werden sollte – unter ökumenischem Gesichtspunkt. Das heißt, dass sich Katholiken, Lutheraner und Reformierte gemeinsam dem Thema der Reformation nähern.

Und welchen Schwerpunkt hatten Sie in Bretten mit der Europäischen Melanchthon-Akademie gesetzt?
Für mich war von Anfang an entscheidend, dass wir die Reformation nicht allein auf Martin Luther und Wittenberg fokussieren, sondern sie als ein europäisches Ereignis begreifen - mit vielen Akteuren und vielen Schauplätzen. Also mit Luther und Melanchthon in Wittenberg, Calvin in Zürich, Zwingli in Genf und natürlich mit dem Papst in Rom, um nur einige zu nennen.

Wenn Sie eine vorläufige Bilanz ziehen sollten: Welche Hoffnungen haben sich erfüllt, was wurde mit dem Reformationsjubiläum erreicht?
Ich denke, dass das Thema Reformation auf kommunaler und regionaler Ebene bei den Menschen lebendig geworden ist. Gerade bei uns im Südwesten und in Bayern sind die Fragen der Reformation in einer breiten Öffentlichkeit mit einer Vielzahl von Veranstaltungen diskutiert worden, die wirklich erstaunlich ist.

Gilt das auch für katholische Christen?
Unbedingt. Ich bin ja sehr viel unterwegs, auch in katholischen Gemeinden. Und ich habe gerade bei katholischen Christen ohne Ausnahme ein positives Echo erfahren. Man kann sagen: Bei Katholiken hat Reformation einen positiven Klang.

Wenn es so ist, dann müssten ja jetzt die wichtigsten Fragen beantwortet sein.
Leider nein. Ausgerechnet die wichtigsten Fragen sind offen geblieben. Nämlich die Fragen: Was ist eigentlich Reformation? Und wie können wir das Erbe der Reformation in die Gegenwart übersetzen? Dabei hat die wichtigste Spur ja kein Geringerer als Papst Benedikt XVI. gelegt, als er 2011 ins Erfurter Augustinerkloster kam und den führenden Repräsentanten der Evangelischen Kirche erklärt hat, was Reformation ist, nämlich Luthers leidenschaftliche Frage nach Gott.

500 Jahre Reformation, das heißt 500 Jahre Trennung von Protestanten und Katholiken. Halten Sie eine Wiedervereinigung der beiden großen Konfessionen in absehbarer Zeit für realistisch?
In absehbarer Zeit nein. Und zwar aus dem einfachen Grund, weil es zwischen den Kirchen keine Klarheit gibt, wie eine solche Wiedervereinigung aussehen könnte.

Was müsste denn geschehen, damit es zu einer Wiedervereinigung käme?
Der nächste Schritt müsste sein, dass wir im Blick auf das 2030 anstehende 500. Jubiläum des Augsburger Bekenntnisses eine gemeinsame Anerkennung der Katholizität dieser 1530 von Melanchthon auf dem Reichstag präsentierten Bekenntnisschrift erhalten. Denn sowohl Luther als auch Melanchthon waren der Überzeugung, dass ihre Bekenntnisschrift ein wahrhafter Ausdruck des gemeinsamen katholischen Glaubens ist. Sie wollten ja keine neue Kirche gründen, sondern die altchristliche Kirche reformieren.

Was, meinen Sie, wird von diesem 500. Reformationsjubiläum im Gedächtnis bleiben?
Eine gute Frage. Meine Hoffnung ist, dass man sich daran erinnern wird, dass - nach 500 Jahren heftiger Anfeindungen zwischen den Konfessionen - dieses Reformationsjubiläum das erste ist, dem man sich ökumenisch genähert hat.

Mehr nicht?
Das wäre ja schon sensationell, wenn man bedenkt, dass durch die Bank alle vorangegangenen Reformationsjubiläen problematisch waren. Dass man nach einem halben Jahrtausend endlich dahin gekommen ist, sich nicht gegeneinander, sondern miteinander der Reformation zu erinnern, das ist epochal neu.

Was bedeutet das nun für die weitere Arbeit der Europäischen Melanchthon-Akademie in Bretten, welche Schlüsse ziehen Sie aus dem Reformationsjubiläum?
Wir werden weiter versuchen, das ökumenische Gespräch voranzutreiben, und weiter sichtbar machen, dass Reformation ein europäisches Gesamtereignis war. Woran wir jetzt schon arbeiten, ist das Gedenkjahr 2021, in dem sich die Reformation im Kraichgau zum 500. Mal und die badische Kirchenunion zum 200. Mal jährt.

Die Fragen stellte Chris Heinemann

Mehr lesen Sie auf unseren Themenseiten Reformation und Reformationsjubiläum 2017

Autor:

Chris Heinemann aus Bretten

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