Diskussion um Pflegeheim-Neubau: Pfarrer Maiba übt in Offenem Brief Selbstkritik

Pfarrer Harald-Mathias Maiba

(ch) Im Konflikt zwischen dem Caritas-Verband Ettlingen und der Katholischen Pfarrgemeinde St. Laurentius in Bretten um den Standort für einen geplanten Neubau des Altenhilfezentrums St. Laurentius hat sich Gemeindepfarrer Harald-Mathias Maiba bislang persönlich sehr zurückgehalten. Nachdem sich der Ton der Debatte in letzter Zeit jedoch verschärft hatte, wandte sich Maiba nun in einem offenen Brief an die Bürgerinnen und Bürger von Bretten und die Pfarrangehörigen. Im Folgenden dokumentieren wir den Wortlaut.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger von Bretten,

liebe Pfarrangehörige unserer Kirchengemeine Bretten-Walzbachtal,

sehr selbstkritisch schreibe ich diese Zeilen und versuche dabei Sie alle auf diesem Weg an meinen Gedanken teilhaben zu lassen. Zunächst einmal: die jetzige Situation macht mir Angst. Jeden Morgen gehe ich mit einem flauen Gefühl an den Briefkasten, um die Zeitung zu holen. Was wird darinstehen, was der oder die über den gesagt hat? Was wird neu produziert um dem anderen zu schaden, dem anderen Kontra zu geben, dem anderen überlegen zu sein, den anderen in einem schlechten Licht darzustellen? Was wird dem anderen, dem ausgemachten Gegner, der ausgemachten Gegnerin in den Mund gelegt, breit gestreut, aufgebauscht, nachgesagt? Ehrlich: Ich habe eine solche Situation noch nie so menschenverachtend, so unwahr, so lieblos wahrgenommen und erlebt. Und ich habe Schuld daran. Warum? Weil ich kein Mensch der Zahlen bin, weil ich mein ganzes Leben lang, besonders auch in meinen 25 Jahren als Priester, mich nie als Manager verstanden habe, sondern als Mensch unter Menschen, wo Nähe sein darf, wo ich nicht jedes Wort auf die Waagschale legen muss, wo ich fröhlich die Spatzen habe pfeifen hören. Ich bin unglaublich gern Mensch und ich liebe das Leben.

So bin ich in Bretten angekommen. Und mir gefällt diese Stadt. Mir gefallen die Menschen. Mir gefällt, dass Bretten bunt ist, dass man in der Brettener Bütt über sich selbst lachen kann, dass so viele bei Peter und Paul Freude am mittelalterlichen Spiel, am Tanzen und Feiern, auch an unseren ökumenischen Gottesdiensten haben. Mir gefällt das und noch vieles mehr. Ich gehe gerne über den Markt und freue mich an jedem Wort, an jedem Lächeln… Ich gehe gerne zu Ferudun, meinem türkischen Friseur und trinke in aller Gastfreundschaft bei ihm ein Glas Tee. Ja, ich darf es mir sogar selbst nehmen. Denn ich werde nicht als Pfarrer, sondern als Mensch wahrgenommen. Mir gefällt das.

So geht es mir auch, wenn ich an St. Laurentius denke: an unsere Kirche mit ihren bunten Farben, in der ich so gerne mit Jung und Alt Gottesdienst feiere; an unseren Kindergarten St. Albert, wo mir Kinder immer wieder freundlich zuwinken; an unser Pfarrhaus, wo Tag für Tag Menschen anklopfen, Sorgen und Nöte aussprechen, aber auch ihre Freude mit uns teilen; an unser Bernhardushaus, wo unsere Gruppen und Gemeinschaften ein Zuhause haben; an unser Pflegeheim, das wie selbstverständlich für mich in dieses Mit- und Füreinander dazugehört. Ich gehe über die Straße und bin doch daheim. Zumindest war ich bis jetzt dort daheim.

Warum erzähle ich das alles?

Damit Sie, damit Ihr versteht, warum ich mich an jenem Dienstagmorgen, 16. Mai 2017, nach einer kurzen Nacht, entschlossen habe einen Brief an den Gemeinderat zu schreiben und darauf hinzuweisen, dass da etwas zur Entscheidung ansteht, was uns als Pfarrgemeinde, was mich als Pfarrer, was mich aber auch als Mitbürger, als Person, als Mensch betrifft. Das war kein Kalkül, sondern ein aufgerütteltes Gewissen, das mich dazu aufgefordert, mich dazu gebracht hat. Einfach zu schweigen und die Reaktionen abzuwarten. Nein, das konnte nicht sein.

Sicher, ich hatte keine Pläne in der Tasche, ich hatte keine Lösungen vorbereitet. Da war einzig und allein das Gefühl: Du musst etwas tun. Unser Altenheim St. Laurentius gehört einfach dazu. Mag es noch so unwirtschaftlich, noch so heruntergekommen sein…

Deshalb habe ich den Brief geschrieben und um Hilfe gerufen. Ich wollte niemandem damit wehtun. Ich wollte niemandem damit schaden. Ich wollte nicht in den Wahlkampf eingreifen und auch nicht die verschiedenen Parteien gegeneinander aufbringen. Ich wollte nicht Kirche und Caritas auseinander-bringen. Ganz im Gegenteil.

Es war ein Versuch Aufmerksamkeit und Nachdenklichkeit zu schaffen. Er ist definitiv misslungen, wenn ich mir die momentane Situation anschaue. Dafür entschuldige ich mich.

Ich hatte gehofft. Ich hoffe immer noch. Es muss doch möglich sein, dem Wunsch so vieler nachzukommen unser Pflegeheim St. Laurentius mit seinen Bewohnern (vielleicht mit einem neuen Outfit, vielleicht mit verschiedenen Angeboten…) im Herzen der Stadt zu belassen. Als Mensch mit Ecken und Kanten, auch mit Fehlern, bitte ich Sie, bitte ich Euch alle: dem Frieden, einem ehrlichen Mit- und Füreinander eine Chance zu geben.

Ihr/Euer Harald-M. Maiba

P.S. Ich lade alle ein mit mir zu sprechen und gemeinsam mit mir zu überlegen, wie wir unser Ziel, unseren Wunsch erreichen können und so die sein dürfen, die wir sind und nicht so, wie uns andere gerne haben möchten.

Autor:

Chris Heinemann aus Bretten

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