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"Die Lage ist angespannt": Interview mit Frank Zöller, Vorsitzender der Kreishandwerkerschaft Karlsruhe

Frank Zöller, Vorsitzender der Kreishandwerkerschaft Karlsruhe und Obermeister der Innung für Sanitär- und Heizungstechnik Karlsruhe
  • Frank Zöller, Vorsitzender der Kreishandwerkerschaft Karlsruhe und Obermeister der Innung für Sanitär- und Heizungstechnik Karlsruhe
  • Foto: Zöller
  • hochgeladen von Chris Heinemann

Herr Zöller, wie ist die augenblickliche Lage auf dem Ausbildungsmarkt in der TechnologieRegion Karlsruhe aus Sicht der Innungsbetriebe?
Frank Zöller: Die Lage ist angespannt. Viele Unternehmen klagen über unbesetzte Ausbildungsstellen. Es fehlen geeignete Nachwuchskräfte. Die Situation hat sich bereits angedeutet, da viele Schüler eines Schuljahresabgangs auf weiterführenden Schulen angemeldet wurden.

Welche Handwerksbranchen in der Region leiden besonders unter dem allseits beklagten Fachkräftemangel?

Besonders stark betroffen sind das Nahrungsmittelgewerbe sowie das Hotel- und Gaststättengewerbe. Aber auch der Einzelhandel bleibt nicht verschont.

Woran liegt es, dass Fachkräfte fehlen?
Das liegt zum einen an der demographischen Entwicklung, die zwangsläufig weniger junge Menschen in die duale Ausbildung bringt. Erschwerend kommt hinzu, dass die expansive Entwicklung von Hochschulen einen regelrechten Sog in Richtung akademische Ausbildung erzeugt. Hier scheint für die Bewerber in rund 18 000 Studiengängen alles möglich zu sein. Im Gegenzug scheint eine duale Ausbildung wenig attraktiv und Teile der Gesellschaft sehen in ihr eine minderwertige Ausbildung.

Würde es helfen, die Standards bei der Ausbildungsreife vorübergehend zu senken?
Wenn Sie bei einem Fußballspiel die Tore um ein Vielfaches vergrößern und den Torwart abschaffen, bedeutet das nicht, dass das Spiel dadurch besser wird. Es wird eher unattraktiver. Und wenn Sie dann noch Spieler zulassen, die weder Ballgefühl noch Spaß am Spiel haben, dann ist der Fußball tot.

Wie stehen die Handwerksbetriebe auf dem Ausbildungsmarkt in Konkurrenz mit Industriebetrieben da, wo ja bekanntlich höhere Löhne gezahlt werden?
Höhere Löhne sind das eine. Befristete Arbeitsverträge und Schichtarbeit das andere. Das Handwerk bietet eine sehr gute Alternative. Nirgendwo anders kann die eigene Kreativität sich so entfalten und beflügelnd wirken. Wer am Ende eines Arbeitstags auf sein Werk mit Stolz blicken kann, erfährt eine innere Zufriedenheit.

Was wünscht sich die Kreishandwerkerschaft, um den Fachkräftemangel in den Griff zu bekommen?
Mehr Kinder! Und mehr Verständnis. Wenn nur noch 35 Prozent der Schüler eines Schuljahresabgangs in eine duale Ausbildung kommen, wird das erhebliche Konsequenzen nicht nur für das Handwerk haben. Denn zirka 60 Prozent der im Handwerk ausgebildeten Facharbeiter wechseln im Laufe ihres Arbeitslebens zu mittelständischen Unternehmen und zur Industrie.

Und umgekehrt: Was tun die Innungsbetriebe in der Region, um dem Fachkräftemangel entgegen zu wirken?
Viele Unternehmen arbeiten an ihrem Image und erhöhen ihre Attraktivität. Die Berufe sollen für Frauen attraktiver werden. Auch wird Studienabbrechern aufgezeigt, dass Handwerk nicht weniger anspruchsvoll sein muss. Bei technischen Handwerksberufen erfahren Abiturienten und Studienabbrecher oftmals ihre Grenzen. Ebenfalls sind Menschen mit Migrationshintergrund willkommen und bei Inklusion loten wir das Machbare aus.

Wie hoch ist derzeit der Anteil von Auszubildenden mit Abitur – und was bieten die Handwerksbetriebe diesen Bewerbern?
Der Anteil ist sehr gering und liegt bei zirka 15 Prozent. Das Handwerksunternehmen alleine stellt nur einen Teil der Attraktivität dar. Aufstiegschancen sowie Fort- und Weiterbildung sind in vielen Betrieben gelebte Kultur. Erwähnenswert sei auch die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit. Bei uns findet man die schnellste Möglichkeit, vom Auszubildenden zum Unternehmer heranzureifen. Was uns Sorge bereitet, ist, dass die Berufsschulen zu wenig Unterstützung von Seiten der Politik erfahren und somit ihr Potential nicht voll abrufen können. Wenn Migranten, Hauptschüler, Realschüler und Abiturienten in ein und derselben Klasse unterrichtet werden sollen, erfordert dies spezielle Maßnahmen. Hier ist die Politik in der Pflicht.

Warum werden Handwerker auch in Zukunft gebraucht?
Weil die meisten Prozesse und die enorme Vielfalt der Tätigkeiten nur von Menschen mit haptischen und geistigen Fähigkeiten geleistet werden können. Das Internet baut keine Produkte ein. Künstliche Intelligenz und Digitalisierung 4.0 werden handwerklichen Fähigkeiten einen Aufschwung bescheren.

Die Fragen stellte Chris Heinemann

Autor:

Chris Heinemann aus Bretten

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