Künstler hautnah: Auf der Art Karlsruhe kann man den Menschen hinter den Werken begegnen

Mit Schrubber und flüssigem Teer: Der Essener Maler Ralf Koenemann gibt gerne Auskunft über die rustikale Entstehungsgeschichte seiner monumentalen Dickhäuter. Foto: ch
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  • Mit Schrubber und flüssigem Teer: Der Essener Maler Ralf Koenemann gibt gerne Auskunft über die rustikale Entstehungsgeschichte seiner monumentalen Dickhäuter. Foto: ch
  • hochgeladen von Chris Heinemann

Sie geben sich nicht immer gleich zu erkennen. Aber wer fragt, kann Glück haben. Noch bis Sonntag, 24. Februar, sind an vielen Messeständen der art KARLSRUHE 2019 auch die Schöpfer/innen der ausgestellten Werke anzutreffen – und in den allermeisten Fällen haben sie gegen ein nettes, persönliches Gespräch über ihre Kunst nichts einzuwenden.

RHEINSTETTEN/KARLSRUHE (ch) „Was will uns der Künstler damit sagen?“ Diese Frage stellen sich viele Kunstbetrachter/innen in Museen, Ausstellungen und natürlich auch auf Kunstmessen wie der art Karlsruhe. Am besten man fragt die Künstler selber. Und das ist gar nicht so schwer, wie man meinen sollte.

Nur frech-naives Gekrakel?

Peter Kohl zum Beispiel. Am Messestand der Tiroler Galerie Hosp fällt der Mann mit dem schwarzen Piratenkopftuch und dem großen Armtattoo sofort ins Auge. Seine Figuren erinnern auf den ersten Blick an frech-naives Gekrakel auf Grundschulniveau. Hat sich der Mann jemals ernsthaft mit Kunst beschäftigt? Peter Kohl lächelt amüsiert: „Ich habe in Klagenfurt sehr klassisch Kunst studiert – meine Schwierigkeit war eher, mich von all dem Gelernten wieder zu lösen.“ Ach ja. Hatte nicht schon Picasso geseufzt: „Ich habe vier Jahre gebraucht, um malen zu können wie Raffael – aber ein Leben lang, um malen zu können wie ein Kind.“

Entlarvendes Statement

Auf dem Weg zu sich selbst ist der 47-jährige Bauernsohn aus Kärnten offenbar einen Tick schneller vorangekommen als der Altmeister aus Malaga. Er hat zurückgefunden in eine kindlich groteske Welt mit dem Personal eines Bauernhofs: mit Hunden, Katzen, Hasen, Schweinen und anderen vermenschlichten Tierwesen. Oder animalisierten Menschengestalten, wie man will. Gemeinsam sind ihnen die absurd-makabren Posen. Für ein Foto wählt der Maler sein derzeitiges „Lieblingsbild“: ein Kardinal mit Hundegesicht und pubertär-pornographischem Geprotze. Ein entlarvendes Statement zum aktuellen Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche, dem sich auch die gewölbeartig verkeilte Installation ausrangierter Kirchenbänke und Monitore von Bernd Reiter widmet, präsentiert von der Berliner Galerie Michael Schultz.

Liebenswürdiger Galerist

Am Stand der Galerie Fetzer dient ein fast zwei mal drei Meter großes, farbstrotzendes, abstraktes Gemälde mit dem Titel „Das geheime Leben der Sterne 39“ von Bernd Zimmer als Blickfang. Den mittlerweile 70-jährigen Maler aus dem oberbayrischen Polling mit dem ausdrucksstarken Pinselstrich sucht man am Stand jedoch vergebens. Dafür erweist sich sein Galerist Berni Fetzer als außergewöhnlich liebenswürdig und auskunftsfreudig. Er erzählt, wie er 1987 in Berlin sein erstes Zimmer-Bild erwarb und wie es dann fast 20 Jahre dauerte, bis er mit dem Künstler persönlich in Kontakt kam.

„Riesenfreude“ am Künstler

„Was uns an seinen Arbeiten fasziniert, ist, dass er immer mit Bezug zur Natur arbeitet“, verrät der Galerist. Gemeint ist die vom Menschen noch weitgehend unberührte Natur wie Nachthimmel, Wetterphänomene und Wasser, denen Bernd Zimmer in variantenreichen Werkgruppen auf den Grund geht. „Wir haben eine Riesenfreude an seinen Arbeiten“, sagt der Galerist über seinen Schützling, den er seit knapp 20 Jahren mitbetreut. Zum Abschied drückt er dem Besucher noch einen kostenlosen kleinen Katalog in die Hand. „Zur Erinnerung“, meint er lächelnd. Wohl jedem Künstler, der einen solch begeisterten - und begeisternden - Fürsprecher hat.

Atemberaubendes Tripthychon

Galerist Jörk Rothamel ist gerade in ein Kundengespräch vertieft. Hinter ihm zwei Teile des atemberaubenden Triptychons „Waiting until Heaven is Done“ von Nguyen Xuan Huy. Wie in einem barocken Deckengemälde wirbeln engelsgleich nackte Leiber junger Menschen durch die wolkigen Lüfte, orgiastisch, schön und zugleich beängstigend in ihrer Haltlosigkeit. Nachdem er sich lange mit den verheerenden körperlichen Fehlbildungen seiner Landsleute infolge des Entlaubungsmittels Agent Orange im Vietnamkrieg auseinandergesetzt hatte, widmet sich der vietnamesisch-stämmige Maler mittlerweile auch den seelischen Missbildungen in seiner neuen deutschen Wahlheimat. In virtuos realistischer Malweise, aber immer mit eigenem „Dreh“ zitiert der 42-Jährige dabei gelegentlich auch Werke unsterblicher Vorgänger wie Goya, Dürer oder Delacroix.

Gerade nicht an Bord

Leichtfüßiger kommen die aus bemalten Treibholz-Funden komponierten Figurengruppen von Bertrand Thomassin am Stand der Straßburger Galerie Pascale Froessel daher. Originelle kleine Szenen wie „Les maîtres du Monde – Die Herren der Welt“ oder „Voyage en solitaire – Einsame (Schiffs)Reise“, die wie eine arglose Sonntagsbastelei wirken, aber immer von feinem Humor beseelt sind. Man hätte gerne mehr erfahren, aber der Künstler ist gerade nicht an Bord. Fehlanzeige auch am Stand der Aalener Galerie Zaiß bei der Frage nach Werner Lehmann, dem Schöpfer der unnachahmlichen „Narrenschiffe“, kleine getöpferte Figurengruppen in skurriler Besetzung. Neuerdings ergänzt durch nicht weniger hintergründige, kleinformatige Malereien.

Keine Lust aufs Feilschen

Die Preise sind erstaunlich moderat. „Aber die Leute wollen trotzdem handeln, und da hat man nicht immer Lust drauf“, beklagt sich Galeristin Sigi Zaiß, die mit ihrem Mann Werner auch den kürzlich verstorbenen Tomi Ungerer vertritt. Dem Besucher bietet sie ein Gespräch mit Norbert Klaus an. Der Künstler aus Blaustein bei Ulm erläutert die Herstellungsweise seiner Stelen, Wandbilder und geometrischen Objekte aus akkurat geschnittenem, verdichtetem, geflextem und abschließend gebeiztem Reisig. In seinen neueren, luftigeren Arbeiten bricht der 70-Jährige erstmals mit einem Tabu und benutzt Klebstoff.

Keine Spur vom Shooting Star

Auch Dimitriy Zhdankin hätte man gerne kennen gelernt. Von dem gebürtigen Moldawier sind bei der Düsseldorfer Galerie Christian Marx traumwandlerisch-magisch surreale Großformate zu sehen, die in ihrer närrischen Übertreibung einem Kinderbuch entsprungen scheinen. Schade, dass der Katalog außer einer kurzen Vita nichts über den Künstler aussagt. „Wir haben versucht, so viele Bilder wie möglich unterzubringen“, rechtfertigt sich der Galerist. Vom Shooting Star der internationalen Kunstszene, dem erst 20-jährigen Leon Löwentraut aus Düsseldorf, ebenfalls keine Spur. An seinen riesigen, mit dicker und vor allem viel Goldfarbe komponierten ornamentalen Bildern kleben viele rote Punkte. Trotzdem wird der Stand von Interessenten umschwärmt, die anscheinend eine gute Geldanlage wittern.

Säuglinge in Affenpose

„Uns ist wichtig, dass jeder Künstler, den wir vertreten, eine eigene Handschrift hat“, sagt Essener Galeristin Monika Klose. Damit meint sie nicht zuletzt die Israelin Ronit Baranga, die mit ihren – mit Fingern und offenen Mündern - belebten und verknautschten Geschirrservices internationale Beachtung findet. Neuerdings provoziert sie mit nackten Säuglingsfiguren aus lebensecht bemaltem Ton, die wutverzerrte Gesichter und kleine Hörner auf dem Kopf tragen. Ja, so kenne ich mein Kind auch, mag es manchen Eltern durch den Kopf schießen. Doch die „Watchers – Wächter“ benannten Säuglinge seien völlig anders gemeint, wie die Galeristin erklärt. Inspiriert von kleinen gehörnten Grabwächterfiguren der chinesischen Kaiserzeit habe die Künstlerin die Verhältnisse umgekehrt: Das schutzbedürftigste Wesen in „Affenpose“ soll das Unheil der modernen Welt fernhalten.

Kleiner Streit mit Happy End

Vorbei an den aus Recyclingmaterial geformten Riesen-Singvögeln des Leipziger Künstlers Matthias Garff, bleibt der Blick des Besuchers an einer eher unscheinbaren Szene hängen. Mitten im Trubel sitzt ein junges Mädchen und tupft mit leichter Hand ein schnelles Aquarell auf ihren Block. Ihr Modell: ein abstraktes Gemälde von Gerard Waskievitz am Stand der Galerie Michaela Helfrich. Das mache mehr Spaß als Fotografieren, sagt die 19-jährige Lilly aus Karlsruhe. Nun ja, haben nicht alle großen Künstler früher mit dem Kopieren vorhandener Kunstwerke angefangen? Die Heidelberger Galeristin findet das allerdings, als sie es entdeckt, „schwierig“ und bittet um Verständnis, dass sie darüber nach einem anstrengenden Messetag auch nicht diskutieren möchte. Einsichtig packt die Nachwuchskünstlerin ihre Siebensachen, und zur Versöhnung schenkt ihr Michaela Helfrich einen Katalog über besagten Künstler.

Ein Schwarzmarkt auf der Kunstmesse

Lilly hat schon ein neues Ziel. Sie ist begeistert vom „Black Market“, den die Stuttgarter Galerie Schacher auf der art KARLSRUHE organisiert. Täglich produziert der Pop-Art-Künstler Jim Avignon in einem Abteil des Schacher-Stands seine Cheap Art, bunte Gemälde auf Pappkartons. Ausgehängt werden tags darauf nur die schwarz bemalten Rückseiten. Die Käufer kaufen die sprichwörtliche „Katze im Sack“ und erfahren erst abends, welches Motiv sie erstanden haben. Das Geschäft brumme, versichert Marko Schacher. Schon zwei Stunden, bevor die Kartons umgedreht werden, sei alles ausverkauft.

Elefantenporträts aus Bitumen

Kurz vor Messeschluss hat Lilly noch einen Tipp: „Der Ralf Koenemann malt sogar mit Erde.“ Und wie. Der Blick bleibt an Koenemanns kraftstrotzenden Dickhäuter-Porträts bei der Regensburger Galerie Art Affair hängen. Nein, die Elefanten-, Nashörner- und Wasserbüffel-Motive habe er nicht aus Afrika mitgebracht, sagt der Essener. Sie entsprängen vielmehr einer archaischen kollektiven Erinnerung. Das sei wohl auch der Grund, weshalb sich so viele Besucher von ihnen angerührt fühlten. Dem energiegeladenen Ergebnis entspricht die urwüchsige Produktion: Koenemann verwendet „tendenziell unedle Materialien“ wie Asche, Sand, Bitumen und eben auch Erde und arbeitet sich mit bloßen Fingern, Quast und Schrubber an seinen Werken ab. Alles in allem ein visuelles Spektakel der Extraklasse.

Alle Fotos: ch

Mehr über die art KARLSRUHE lesen Sie auch auf unserer Themenseite

Autor:

Chris Heinemann aus Bretten

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