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Corona-Update der Regionalen Kliniken Holding (RKH) - Experten fürchten "Anfang einer akuten Krise in der Krankenhausversorgung"
"Die Situation ist extrem kritisch"

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Ludwigshafen/Bretten/Bruchsal (bea) "Die Pandemie hält uns nach wie vor in Atem." Mit diesen Worten eröffnet Alexander Tsongas, Pressesprecher der Regionale Kliniken Holding (RKH), zu der auch die Rechbergklinik Bretten sowie die Fürst-Stirum-Klinik in Bruchsal gehören, die aktuelle Pressekonferenz zum fünften Corona-Update der RKH. Man wolle zwar keine Panikmache betreiben, doch "die Situation ist extrem kritisch", sagt Professor Dr. Jörg Martin, Geschäftsführer der RKH.

Seit Wochen ungebrochener Anstieg der Inzidenz

Seit Oktober könne man eine deutliche Zunahme der Corona-Fallzahlen beobachten. "Es gibt einen ungebrochenen Anstieg der Inzidenz, wie wir ihn noch nicht gesehen haben", warnt Johannes Naser, Oberarzt an der Klinik in Ludwigsburg. Auch die  Belegung der Intensivbetten mit Corona-Patienten in Baden-Württemberg steige stetig an und man erwarte das Erreichen der sogenannten "Alarmstufe" bei 400 Betten am kommenden Wochenende, prognostiziert Naser. Derzeit seien bei den RKH-Kliniken von 97 Intensivbetten 92 belegt, 33 Prozent davon mit Covid-Patienten. Der R-Wert liege bereits seit Wochen über dem Wert von 1, was bedeute, dass der Anstieg der Fallzahlen ungebrochen weitergehen werde.

Impfung schützt überwiegend vor Aufenthalt in Klinik

Auch wenn sich die Pandemie derzeit überwiegend in der jüngeren Bevölkerung abspiele, greife sie auch auf wieder andere Altersgruppen über, heißt es von Naser. So liege die Inzidenz bei über 90-Jährigen über 100. Des Weiteren fänden Impfdurchbrüche aufgrund der hohen Dynamik der Infektionen statt, was wiederum weitere Einlieferungen in Krankenhäuser mit sich bringen würde. Zwar könne die aktuelle Welle als "Pandemie der Ungeimpften" bezeichnet werden, dennoch spielten in der Gesamtzahl auch Impfdurchbrüche eine Rolle, so Naser. Durch die Impfeffektivität seien in den vergangenen vier Wochen aber geschätzt 89 Prozent der 18- bis 59-Jährigen und rund 85 Prozent der über 60-Jährigen vor einem Aufenthalt in einer Klinik geschützt worden. Der Schutz vor einer Behandlung auf der Intensivstation liege bei 94 respektive 90 Prozent in den jeweiligen Altersklassen. Der Schutz vor dem Tod durch eine Covid-Erkrankung liege bei 92 und 86 Prozent.

Weiterhin steigende Fallzahlen erwartet

Die Prognose für den Bedarf an Intensivbetten werde in Baden-Württemberg in den nächsten 14 Tagen auf rund 600 Intensivbetten geschätzt. Am 8. November seien 324 Intensivbetten und 442 Betten auf der Normalstation durch Coronapatienten belegt gewesen. "Doch das ist nicht das Ende. Zum jetzigen Stand wird die Entwicklung der ansteigenden Fallzahlen und Hospitalisierungen weitergehen", schätzt Naser. Das sei auch dadurch bedingt, dass keine effektiven Wellenbrecher-Maßnahmen erkennbar seien.  Man gehe davon aus, dass "das der Anfang einer akuten Krise in der Krankenhausversorgung ist". Das betreffe unter anderem Notfallpatienten, dringende Diagnosen, schwer vorerkrankte und Elektivpatienten. "Wir müssen künftig von Versorgungsengpässen in unseren Häusern ausgehen." Die Lage bedeute auch einen massiven Stress für das vorhandene Personal, so Naser.

Klare Forderungen an die Politik

Daher stellt Professor Martin mehrere Forderungen an die Politik, die auch in einem offenen Brief der deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin und des Bundesverbandes der Anästhesisten formuliert sind. So sollte die 2G-Regelung verbindlich für alle Bereiche des öffentlichen Lebens gelten. Bei Großveranstaltungen, wie etwa der Sendung "Wetten, dass", bei der die Menschen eng nebeneinandergesessen hätten, müsse außerdem auf eine bessere Vorbildfunktion geachtet werden, kritisierte Martin. Des Weiteren sollten "Booster-Impfungen" für alle angeboten und eine Pflegeinitiative gestartet werden. Durch diese sollen Krankenpfleger, die ihrem Beruf während der Pandemie "in Massen" den Rücken gekehrt hätten, wieder zur Rückkehr bewogen werden. Außerdem, so Martin, benötige es einen Abbau der Bürokratie und einen Krankenhausrettungsschirm mit Leerstandspauschalen, auch rückwirkend. "Und wenn wir uns an die Personaluntergrenzen halten, werden wir dicke Probleme bekommen", so Martin weiter. Auch die anhaltende Diskussion auf Bundesebene um eine Aufhebung der Pandemiemaßnahmen müsse gestoppt werden. "Die Diskussion führt zu einer Verharmlosung. Geimpfte Menschen fühlen sich sicher, sind es aber nicht." Auch müsste es Pflichtimpfungen für das Personal im Gesundheitswesen geben, wie in anderen Ländern auch.

Politik muss ständige Verharmlosung der Pandemie beenden

Martin Schuster, Ärztlicher Direktor der RKH-Klinik Bruchsal, verwies darauf, dass die Beatmungsbetten knapp würden. Man könne sich zwar von einer Auslastung von 25 Prozent noch auf 40 Prozent steigern, doch danach werde man Probleme mit Notfallpatienten bekommen. Somit werde in ganz Baden-Württemberg nicht mehr jeder Standard eingehalten werden können. "Spätestens wenn wir damit überfordert sind, Patienten zu versorgen, wird schleichend das Niveau sinken." Das könnte für einen Notfallpatienten in Bruchsal einen Weg nach Calw bedeuten, damit er dort versorgt werden könne. "Wenn die Behandlung von Tumorpatienten verschoben werden muss, weil kein Beatmungsbett frei ist, sagen diese zu Recht, dass die Ablehnung ihrer notwendigen Behandlung unrecht ist."

Autor:

Beatrix Drescher aus Bretten

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