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Gespräch mit Enzkreis-Landrat Bastian Rosenau zu einem Jahr Corona-Pandemie
"Funktionieren und Übermenschliches leisten"

Der Landrat des Enzkreises, Bastian Rosenau. Archiv
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  • hochgeladen von Havva Keskin

Region (hk) Nach dem Interview mit Christoph Schnaudigel, Landrat im Landkreis Karlsruhe, blickt nun Enzkreis-Landrat Bastian Rosenau im Gespräch mit der Brettener Woche auf ein Jahr Corona-Pandemie zurück. Rosenau berichtet über das Landratsamt als Dienstleistungsunternehmen und die Lehren, die er aus der Krise gezogen hat.

Herr Rosenau, was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie erfuhren, dass das Coronavirus nun auch den Enzkreis erreicht hat?

Ich dachte: Wir sind gut aufgestellt, das wird wohl kein Drama werden, das wir nicht schnell gestemmt bekommen. Ich gebe offen zu, die Dimension dessen, was auf uns zukommt, habe ich sicher zu Anfang unterschätzt.

Gibt es im Gesundheitsamt Erkenntnisse darüber, wo sich Menschen am häufigsten anstecken?

Viele Ansteckungen passieren im privaten Umfeld. Dieses lässt sich nur schwer kontrollieren. Daher können wir nach wie vor nur an die Menschen appellieren, ihre Kontakte auf das Nötigste zu minimieren – auch wenn genau das vielen sehr schwerfällt, mich eingeschlossen. Soziale Kontakte machen unser Leben einfach aus.

Mit der Änderung des Infektionsschutzgesetzes will der Bund erreichen, Maßnahmen wie Ausgangssperren künftig ohne Länderbeteiligung erlassen zu können. Wie beurteilen Sie als „Mann an der Front“ die Pläne?
Krise braucht Führung, und Aufgabe von Bund und Land ist es, Führungsstärke zu zeigen und klare Regelungen zu treffen, damit sich die Menschen auch daran halten, weil sie die Regeln nachvollziehen und damit akzeptieren können. Es ist die wichtige Aufgabe, egal auf welcher Ebene, Regelungen zu treffen, die hoffentlich dann auch dazu führen, dass diese sich schnell wieder überholen und wir zu einem unbeschwerteren Leben zurückkehren können. Das ist schließlich unser aller Ziel.

Die Schüler im Land müssen seit 19. April ein negatives Corona-Testergebnis vorlegen. Was soll Ihrer Meinung nach mit Schülern geschehen, deren Eltern eine Testung ablehnen? Wie halten diese die Schulpflicht ein?
Darüber zerbrechen sich schlaue Menschen beim Land den Kopf.

In anderen Landkreisen gibt es „Reste-Impfbörsen“, bei denen Impfwillige die Chance auf eine Impfdose erhalten, die nicht mehr verabreicht werden konnte. Wäre so etwas auch im Enzkreis vorstellbar?
Auch wir haben eine Strategie, wie man mit übrig gebliebenen Dosen verfahren könnte. Aber dieses Szenario hatten wir bisher glücklicherweise nicht.

Corona hat auch dem Landratsamt neue Betätigungsfelder gebracht: die Infektionskettennachverfolgung durch das Gesundheitsamt, Aufbau von Test- und Impfzentren, Umsetzen neuer Verordnungen der Regierung. Wie ist das alles zu schaffen?

Diese Frage stelle ich mir derzeit oft selbst! Ernsthaft: Das Landratsamt war auch vor Corona bereits ein sehr modernes und kundenorientiertes Dienstleistungsunternehmen, das in vielen Bereichen Vorreiterrollen innehatte. Entsprechend arbeiten hier viele motivierte und engagierte Menschen. Und ich habe das Gefühl, dass eine Krise, die, wie es aktuell geschieht, so direkt in das persönliche Umfeld eines jeden einzelnen eingreift, unglaubliche Energie freisetzt. Sie sorgt dafür, dass viele einfach funktionieren und fast Übermenschliches zu leisten vermögen. Ich erlebe jedenfalls tagtäglich Mitarbeiter/-innen, die trotz der inzwischen langen und auslaugenden Pandemie engagiert und vor allem sehr routiniert ihren, mitunter auch neuen, Job einfach machen – und das auch an Feiertagen und Wochenenden.

Was bereitet Ihnen bei der Pandemie aktuell die größten Sorgen?
Die zunehmende Spaltung der Gesellschaft beim Thema Corona, die mir selbst auch zum Beispiel in persönlichen Mails begegnet, finde ich besorgniserregend. Wir werden in den nächsten Jahren intensiv gegen dieses Auseinanderdriften arbeiten müssen und dafür sorgen, dass ein Austausch von Meinungen wieder anständig erfolgen kann – insbesondere was den Umgangston angeht.

Was ist Ihre Einschätzung oder Hoffnung: Wie lange müssen wir noch mit Einschränkungen in unserem Alltag leben?
Meine Hoffnung ruht auf dem Sommer. Jedenfalls rechne ich dann mit ersten Schritten in Richtung Normalität, wobei ich denke, dass wir zu einer neuen Normalität werden finden müssen. Aber alles hängt natürlich stark davon ab, wie sich die dritte Welle, in der wir uns derzeit zweifellos befinden, entwickelt.

Gibt es Lehren, die Sie aus dem Jahr Pandemie mitnehmen?
Die wichtigste Lehre ist in meinen Augen folgende: Wir sollten vorbereitet sein auf den hoffentlich fernen Tag, an dem erneut eine Pandemie oder eine andere größere Krise auftritt und dann auf das Erlernte und Erreichte aus dieser Corona-Zeit aufbauen. Und am Beispiel Gesundheitswesen muss uns klar sein, dass es Lebensbereiche gibt, die man zwar in guten Zeiten wegrationalisieren kann, weil man sie vermeintlich nicht braucht, aber dass man es in der Krise dann bitter bereuen muss, Strukturen nicht ausreichend zur Verfügung zu haben.

Und gibt es etwas, was Sie in dieser Zeit der Einschränkungen besonders vermissen?

Ja, die Unbeschwertheit und wie ich schon sagte, fehlen mir auch die ganz analogen, persönlichen Begegnungen.

Die Fragen stellte Redakteurin Havva Keskin.

Autor:

Havva Keskin aus Bretten

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