Erlebe Bretten

Gespräch mit Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut über fehlende Fachkräfte und Betriebsnachfolger im Handwerk
Berufliche Ausbildung stärken

Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut, Ministerin für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau in Baden-Württemberg
  • Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut, Ministerin für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau in Baden-Württemberg
  • Foto: Martin Stollberg
  • hochgeladen von Chris Heinemann

BRETTEN/REGION (ch) Geburtenschwächere Jahrgänge und ein fortgesetzter Trend zur Akademisierung – das Handwerk stöhnt unter Fachkräftemangel. Obendrein hat der CDU-Fraktionsvorsitzende im Landtag, Wolfgang Reinhart, kürzlich beklagt, dass viele Handwerksbetriebe im Land mangels Nachfolger dichtmachten. Wir haben die baden-württembergische Wirtschaftsministerin Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut nach ihrer Einschätzung der Lage gefragt.

Frau Hoffmeister-Kraut, ist das Handwerk in Gefahr, auszusterben?
In Baden-Württemberg stehen in der Tat jedes Jahr tausende Handwerksbetriebe zur Übergabe an und viele Inhaber haben Probleme, einen geeigneten Betriebsnachfolger zu finden. Diese Situation nehme ich sehr ernst und sie stellt uns vor Herausforderungen. Ein „Aussterben“ des Handwerks sehe ich aber nicht. Die Betriebszahlen sowie die Zahl der Beschäftigten im Handwerk sind immerhin in den letzten Jahren sogar leicht gestiegen. Damit sich dieser positive Trend fortsetzen kann, unterstützen wir Betriebe bei Unternehmensnachfolgen mit Nachfolgemoderatoren. Sie sind bei einigen Handwerkskammern im Land angesiedelt und werden mit Mitteln des Europäischen Sozialfonds gefördert. Außerdem stehen den Betrieben unsere bewährten Programme der L-Bank und der Bürgschaftsbank zur Finanzierung von Unternehmensnachfolgen zur Verfügung.

Seitens der Handwerksinnungen gibt es Stimmen, die den Fachkräftemangel im Handwerk als „Katastrophe“ bezeichnen. Wie dramatisch ist die Lage?
Der Baden-Württembergische Handwerkstag (BWHT) geht aktuell von bis zu 40.000 fehlenden Fachkräften im Handwerk aus. Das ist natürlich problematisch für die Betriebe. Von einer Katastrophe würde ich allerdings nicht sprechen, denn das Handwerk rechnet für das Jahr 2019 trotzdem mit einem stabilen Umsatzplus von 3,5 Prozent. Klar ist aber auch: Wir müssen die großen Herausforderungen der Fachkräftegewinnung und der Digitalisierung schnell angehen. Deshalb haben wir gemeinsam mit dem BWHT das Projekt „Dialog und Perspektive Handwerk 2025“ ins Leben gerufen, um das baden-württembergische Handwerk optimal für die Zukunft aufzustellen. Dazu gehören vielfältige Angebote, wie zum Beispiel die kostenfreie Beratung und Unterstützung der Betriebe in Personalfragen durch geförderte Beraterinnen und Berater der Handwerkskammern und das Intensivberatungsprogramm Strategie.

Sind fehlende Betriebsnachfolger und Fachkräftemangel Probleme, die das ganze Handwerk betreffen oder nur einzelne Handwerkssparten?
Die Problematik betrifft nahezu alle Gewerke des Handwerks. Besonders schwierig gestaltet sich im Moment die Suche nach Fachkräften bei den Ausbauberufen, also im Bereich Sanitär, Heizung und Klimatechnik oder bei Zimmerern und Glasern. Durchschnittlich brauchen Handwerksbetriebe aktuell rund ein halbes Jahr für eine Stellenbesetzung.

Wo liegen nach Ihrer Kenntnis die Ursachen?
Ein Grund für den Fachkräftemangel ist sicherlich, dass das Handwerk aufgrund der anhaltend guten Wirtschaftslage sehr gut ausgelastet ist. Viele Betriebe arbeiten deshalb an der Kapazitätsgrenze. Dies führt dazu, dass die Nachfrage nach Fachkräften eben sehr hoch ist. Hinzu kommt, dass in vielen Regionen gut ausgebildete Fachkräfte in die Industrie abwandern, wo die Verdienstmöglichkeiten in der Regel besser sind. Hier ist auch die Politik gefragt, geeignete Rahmenbedingungen zu schaffen, um unsere Fachkräfte langfristig im Handwerk zu halten.

Hat das Handwerk ein Imageproblem bei Schulabgängern?
Das Handwerk stellt etwa jeden vierten Azubi im Land. Ein pauschales Imageproblem sehe ich daher nicht. Aber es ist richtig, dass es gerade im Handwerk derzeit viele unbesetzte Ausbildungsplätze gibt. Wir müssen den Jugendlichen deshalb künftig noch stärker aufzeigen, welch vielfältige Karrieremöglichkeiten ein Handwerksberuf bietet.

Was sagen Sie zur Aussage Wolfgang Reinharts, die zunehmende Akademisierung sei verantwortlich für mangelnden Nachwuchs im Handwerk?
Die Tendenz zu höheren schulischen Abschlüssen und zum Studium bleibt ungebrochen. Dies geht natürlich zu Lasten der betrieblichen Berufsausbildung – gerade auch im Handwerk. Wir müssen den Schülerinnen und Schülern in Baden-Württemberg daher unbedingt eine frühzeitige und umfassende berufliche Orientierung ermöglichen. Berufliche Bildung muss dabei als gleichwertig zur akademischen Bildung wahrgenommen werden.

Über welche Stellschrauben verfügt die Landesregierung, um die Situation zu verbessern?
Das Thema ist mir sehr wichtig. So haben wir bereits vielfältige Angebote geschaffen, um die berufliche Ausbildung zu stärken. Gemeinsam mit unseren Partnern im Ausbildungsbündnis setzen wir uns beispielsweise dafür ein, dass alle Jugendlichen, die eine Ausbildung anstreben, diese auch absolvieren können. Unsere Ausbildungskampagne „gut-ausgebildet.de“ wirbt bei Jugendlichen und ihren Eltern zudem gezielt für eine duale Ausbildung. Und im Rahmen der „Initiative Ausbildungsbotschafter“ stellen aktuell rund 4.500 Auszubildende in allgemeinbildenden Schulen ihre Berufe vor und erläutern die Chancen einer betrieblichen Ausbildung. Mit dem Programm „Pro Beruf“ fördert mein Ministerium außerdem landesweit Praxiswochen von Schülerinnen und Schülern aller allgemeinbildenden Schulen in überbetrieblichen Bildungszentren.
Ein ganz wichtiges Instrument, um die Gleichwertigkeit von akademischer und beruflicher Bildung sicherzustellen, ist meiner Meinung nach aber die Förderung der beruflichen Aufstiegsfortbildung über das „Meister-BAföG“. Damit können bereits knapp zwei Drittel der Kosten einer Aufstiegsfortbildung finanziert werden. Das Land beteiligt sich schon jetzt mit etwa elf Millionen Euro pro Jahr. Das soll durch die geplante Novellierung des entsprechenden Bundesgesetzes noch weiter ausgebaut werden.

Ihre Ministerkollegin Susanne Eisenmann hat an allen weiterführenden Schulen im Land einen verpflichtenden Tag der beruflichen Bildung eingeführt und Wolfgang Reinhart hat eine Meisterprämie analog zum Bafög angeregt. Reicht das Ihrer Meinung nach aus, um dem drohenden Handwerkermangel entgegen zu wirken?
Ich bin davon überzeugt, dass wir dafür eine Vielzahl von Maßnahmen benötigen. Einige unserer Aktivitäten habe ich bereits erwähnt und ich freue mich über jede weitere Initiative, die die Bedeutung der beruflichen Ausbildung stärkt, wie beispielsweise den Tag der beruflichen Bildung. Neben dem „Meister-BAföG“ – für mich ein entscheidendes Instrument – wollen wir weitere Anreize schaffen. Deshalb wirbt mein Haus innerhalb der Landesregierung für eine Meisterprämie – ein einmaliger Zuschuss bei erfolgreich absolvierter Fortbildung. Die Mittel dafür haben wir im Haushalt 2020/2021 schon angemeldet.

Gibt es Beispiele, wo ergriffene Maßnahmen bereits positive Wirkung zeigen?
Die Angebote unseres Projekts „Dialog und Perspektive Handwerk 2025“ werden von den Betrieben sehr gut angenommen. Bis Mitte 2019 haben wir mit unseren Personalberatungen und Veranstaltungen landesweit rund 3.700 Betriebe erreicht. Im Intensivberatungsprogramm Strategie wurden zudem über 3.000 Beratungstage nachgefragt. Ich freue mich, dass wir mit diesem Angebot offensichtlich den Bedarf der Unternehmen im Land getroffen haben.

Mehr lesen Sie auf unserer Themenseite Tag des Handwerks

Autor:

Chris Heinemann aus Bretten

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