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Landwirte produzieren für die Region und müssen sich nach Weltmarktpreisen richten
"Der Bauer wird zum Börsenhändler"

Landwirt Alexander Kohler aus Neibsheim bei der Ernte mit dem Mähdrescher.
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  • Landwirt Alexander Kohler aus Neibsheim bei der Ernte mit dem Mähdrescher.
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Region (bea) Die Wintergerste ist in der Region um Bretten abgeerntet, ebenso Weizen, Dinkel und Roggen. Doch da das Wetter lange nicht mitgespielt hatte, liefen die Mähdrescher bis in die späten Abendstunden, um die Felder abzuernten. Dementsprechend standen viele Traktoren mit dem auf Anhänger geladenen Korn vor den Mühlen der Region und warteten darauf, ihre Feldfrüchte abladen zu können. "Damit werden wir wohl noch bis 24 Uhr beschäftigt sein", sagte Klaus Dobler, Geschäftsführer der Störrmühle, bei einem Vor-Ort-Termin mit der Brettener Woche. Bei ihm können die Landwirte aus der Region Weizen, Dinkel, Roggen, aber auch Einkorn und Emmer abliefern. Jedes Jahr mahlt "die kleine Mühle", wie Dobler sie nennt, rund 8.000 Tonnen Getreide für den regionalen Verbrauch. Die Regionalität ist dem Geschäftsführer besonders wichtig.

Nachfrage an Getreidesorten bestimmt Anbauplan der Landwirte

Die Landwirte liefern dabei genau die Mengen an unterschiedlichen Getreidesorten an, welche die Leute in Form von Backwaren bei ihrem Bäcker verlangen. "Mittlerweile liefern unsere Bauern rund 25 Prozent mehr Dinkel an, da der Endverbraucher mehr Dinkelbrötchen kauft", sagt Dobler. In seiner Mühle wird konventionell angebautes Getreide aus der Region und Kraichgau Korn vermahlen. Bei letztgenanntem handelt es sich um Korn, das nicht gespritzt wird, allerdings kein Bio-Siegel hat. "Wir würden sofort auf Bioprodukte umstellen, wenn der Verbraucher mehr davon kauft." Dabei hat Dobler in der Coronakrise durchschnittlich 15 Prozent weniger Mehl an Bäcker verkauft, dafür ist der Absatz im hofeigenen Laden zwischenzeitlich stark angestiegen. "Wir hatten das Mehl kaum abgepackt, schon war es verkauft." Doch nicht für die Herstellung von Mehl, sondern auch für Produktion eines hopfenhaltigen Kaltgetränks wird Getreide angebaut.

Optimales Wetter für Weizen, Soja, Zuckerrüben und Körnermais 

"Die Wintergerste war bei der Ernte bereits teilweise ausgewachsen", sagt Landwirt Alexander Kern aus Diedelsheim, der auch Lieferant der Störrmühle ist. Das bedeutet, dass die Wintergerste, die zum Bierbrauen verwendet wird, bereits am Halm mit dem Keimen begonnen hat. Um Malz - also kurz gekeimtes Getreide - herzustellen, sollte dieser Vorgang jedoch erst in der Fabrik beginnen. Sonst habe es wetterbedingt bei ihm noch keine weiteren Ernteausfälle gegeben, sagt Kern. Dennoch bestehe zum Beispiel bei Hagel die Gefahr, dass die Körner von den Halmen springen. Wichtig für die Qualität beim Weizen sei eine regelmäßige Versorgung mit Wasser. Daher ist Kern froh über das Wetter in diesem Jahr, das auch für Soja, Zuckerrüben und Körnermais optimal sei.

Regionale Vermarktung für regionale Verbraucher

Über Preisspekulationen auf dem Weltmarkt ärgert sich Kern, freut sich jedoch über die höheren Preise in diesem Jahr: "In den vergangenen drei Jahren war der Preis schlecht, jetzt können wir endlich wieder kostendeckend arbeiten." Auf insgesamt 150 Hektar Ackerfläche baut die Familie Kern ihre Erzeugnisse an. "Wir wollen eine regionale Vermarktung, weil es unsere Aufgabe ist, die regionalen Verbraucher zu versorgen." Während in Deutschland hohe Standards gelten würden, darunter scharfe Pflanzenschutzgesetze und die Ausweisung von fünf Prozent ökologischer Ausgleichsfläche, würden in anderen Ländern Spritzmittel eingesetzt, die in Deutschland verboten seien.

Der Bauer wird zum Börsenhändler

Auch Alexander Kohler, Landwirt aus Neibsheim, liebt seinen Beruf. Seinen Durumweizen liefert er bei der Frankmühle in Neibsheim ab. Die restlichen Erzeugnisse fährt er zur ZG nach Bruchsal. Kohler bewirtschaftet insgesamt 180 Hektar Land, samt Grünland. Rund eine Stunde benötigt er, um mit dem kleinen Mähdrescher eine Fläche von zwei Hektar abzuernten. Früher sei der Getreidepreis stabiler gewesen, sagt er. Heutzutage müssten die Landwirte ihre Erntepreise über Verträge im Vorhinein absichern. So werde der Bauer zum Börsenhändler, sagt Kohler und müsse entscheiden, ob er seine künftige Ernte bereits ein Jahr zuvor verkauft, oder noch einen Tag, eine Woche, einen oder mehrere Monate abwartet, damit der Preis vielleicht doch noch steigt. So könne es passieren, dass ein Landwirt sich ärgere, weil er seine Ernte bereits verkauft hat und der Preis im Nachhinein deutlich ansteigt oder im schlechteren Fall bei noch nicht verkaufter Ernte sinkt.

Durum kommt auch aus Kanada nach Neibsheim

Daher müsse der Landwirt von heute auf viele Produkte setzen, um das eigene Preisrisiko zu minimieren, also beispielsweise auf Gerste, Weizen, Soja, Mais, Raps, oder eben den Durum. Auf das Vermahlen dieses Hartweizens hat sich die Frankmühle in Neibsheim spezialisiert. Zwar bezieht sie einen Teil des Durums von Landwirten aus der Region, kauft jedoch einen Großteil des Getreides aus Kanada und mehreren europäischen Ländern hinzu. Dort werden größere Mengen des wärmeliebenden Durums angebaut, der von der Neibsheimer Mühle zu unterschiedlich groß gekörntem Grieß vermahlen wird.

Autor:

Beatrix Drescher aus Bretten

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