Das Smartphone als Waffe 

Nebeneinander statt miteinander: Reden Kinder und Jugendliche inzwischen mehr über- statt miteinander?
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Der Umgang mit den Neuen Medien wird immer mehr ein Thema an den Schulen

(ger) Im Bus, auf der Straße, im Restaurant – die Smombies sind überall. Smombies? Die Zusammensetzung aus Smartphone und Zombie bezeichnet all die Menschen, die den Blick nicht vom Display ihres Handys lassen können. Auf den Schulwegen, im Bus und in der Bahn sieht man auch viele Schüler mit mobilen Geräten hantieren, und so stellt sich die Frage: Wie ist das eigentlich an den Schulen? Wie ist dort die Nutzung von Smartphones geregelt? Was beobachten die Pädagogen und Pädagoginnen an ihren Zöglingen im Zusammenhang mit den immer mehr Raum einnehmenden Neuen Medien?

Handy-Knigge nötig

„Wir brauchen dringend einen Handy-Knigge“, sagt Elke Bender, Rektorin am Melanchthon-Gymnasium Bretten (MGB), und meint mit „wir“ nicht nur die Schulen, sondern die ganze Gesellschaft. An allen Schulen, bei denen die Brettener Woche nachgefragt hat, besteht seit einigen Jahren eine Handy-Regelung. Die besagt, dass die Schüler die Geräte ausgeschaltet mit sich führen dürfen. Verstöße werden konsequent geahndet. Seit drei oder vier Jahren beobachten Bender und ihre Kollegen, dass annähernd alle SchülerInnen in den weiterführenden Schulen ein internetfähiges Smartphone haben. Und das Einstiegsalter scheint immer niedriger zu werden. „Schon die Drittklässler bekommen zur Kommunion ein Smartphone“, weiß Matthias Fuchs, Rektor der Markgrafen-Gemeinschaftsschule Kraichtal.

Verletzung von Persönlichkeitsrechten

Dieter Schroff, Rektor an der Leopold-Feigenbutz-Realschule in Oberderdingen, sieht das Thema Smartphone sehr gelassen: „Wir haben klare Regeln, die im Umgang mit dem Handy helfen“, sagt er. „Ab und zu gibt es kleine Vorfälle wegen Fotos. Aber dann sprechen die Klassenlehrer mit den Kindern darüber. Meiner Erfahrung nach gelingt es gut, die Schüler und Schülerinnen dafür zu sensibilisieren.“ Vermutlich liegt das auch daran, dass es an seiner Schule mit 400 Schülern recht familiär zugeht. Bender als Leiterin eines Gymnasiums mit mehr als doppelt so vielen und auch älteren Schülern steht dem zunehmenden Handy-Konsum dagegen sehr kritisch gegenüber: „Es gab Zeiten, da mussten wir wöchentlich die Polizei einschalten wegen der Verletzung von Persönlichkeitsrechten am eigenen Bild.“ Per Instant-Messenger wie WhatsApp oder auf sozialen Netzwerken sind Fotos, Filme und Kommentare ruckzuck in Umlauf gebracht und für viele, wenn nicht unzählige Augen sichtbar. „Die Kinder machen ein Foto, finden es witzig und schicken es herum, ohne sich groß etwas dabei zu denken“, beschreibt Fuchs einen typischen Fall.

Kinder nicht mit dem Gerät allein lassen

So bietet in der Zwischenzeit jede Schule Präventionsprogramme an, mittels derer die Kinder und Jugendlichen, aber auch die Eltern über Fluch und Segen des Internets aufgeklärt werden. An der Johann-Peter-Hebel-Gemeinschaftsschule in Bretten zum Beispiel informieren Experten in Klasse fünf und sechs Eltern und Schüler – gemeinsam und getrennt –, was bei der Nutzung von Facebook und Co zu beachten ist. „Viele Eltern erfahren auf diese Weise erst, wo ihre Kinder im Netz unterwegs sind“, spricht Sven Kruse, Konrektor der Hebelschule, ein häufiges Problem an: Die Eltern kennen sich nicht so gut aus und lassen ihre Sprösslinge mit dem Gerät allein. Aber: „Die Eltern sind verpflichtet zu schauen, was die Kinder mit den Handys machen“, betont Fuchs, an dessen Schule der Umgang mit modernen Medien in Klasse 6 auf dem Stundenplan steht. Einig sind sich alle Pädagogen auch darin, dass die Vorbildfunktion der Eltern gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. „Dem hohen Suchtfaktor des Geräts können ja auch wir Erwachsenen nur schwer widerstehen“, gibt Fuchs zu bedenken.

Charakterbildung in Gefahr?

Bender sorgt sich vor allem auch um die Charakterbildung, die durch die veränderte Art der Kommunikation in Gefahr ist: „Das Handy wird in Einzelfällen aus der Anonymität des Internets heraus zur Waffe, mit der man diffamieren kann.“ Clemens Beisel, Sozialpädagoge und Social-Media-Referent aus Pforzheim, der an Schulen und in Unternehmen Workshops zu dem Thema abhält, bestätigt diesen Eindruck. „Bei der Kommunikation über WhatsApp und Co sieht man die unmittelbare Reaktion des anderen nicht“, erklärt er. Gerade bei Kindern, die noch nicht einschätzen können, was ein dummer Spruch oder ein peinliches Foto beim Gegenüber auslösen können, kann das eine Lawine von Missverständnissen und Streitereien nach sich ziehen, die in den Klassenzimmern auch real ausgefochten werden.

Mediennutzungsvertrag abschließen!

Ein Handy-Knigge, der den Umgang mit dem Gerät, zum Beispiel im Hinblick auf Datenschutz, aber vor allem auch die Frage, wie man damit freundlich, sachlich und fair kommuniziert, regelt, gibt es bereits: Beisel empfiehlt Eltern und Kindern gemeinsam einen Mediennutzungsvertrag abzuschließen. Formulare dazu finden sich im Internet. Sie beleuchten jeden Aspekt, dem man im Rahmen dieses Themas begegnen kann – und machen so deutlich, was man seinem Kind mit einem Smartphone an die Hand gibt.

Autor:

Katrin Gerweck aus Bretten

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