Walzbachtals Bürgermeister zieht vor seiner Pensionierung Bilanz: Erfolge, Ernüchterung und ein wenig Trost

Blick zurück: Ein halbes Jahr vor seinem Ruhestand zieht Bürgermeister Karl-Heinz Burgey im Gespräch mit Brettener Woche-Redakteur Chris Heinemann eine positive Bilanz seiner Amtszeit.
  • Blick zurück: Ein halbes Jahr vor seinem Ruhestand zieht Bürgermeister Karl-Heinz Burgey im Gespräch mit Brettener Woche-Redakteur Chris Heinemann eine positive Bilanz seiner Amtszeit.
  • Foto: Florian Apelt / Gemeinde Walzbachtal
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Am 1. September 2019 tritt der Walzbachtaler Bürgermeister Karl-Heinz Burgey auf eigenen Wunsch nach dann 16 Jahren Amtszeit altershalber in den verdienten Ruhestand.

WALZBACHTAL (ch) Am 1. September 2019 tritt der Walzbachtaler Bürgermeister Karl-Heinz Burgey auf eigenen Wunsch nach dann 16 Jahren Amtszeit altershalber in den verdienten Ruhestand. Wir haben den Jahreswechsel genutzt, um mit ihm über seine Erfahrungen als Gemeindeoberhaupt, über abgeschlossene und unvollendete Projekte sowie über seine Pläne nach dem Berufsleben zu sprechen.

Herr Burgey, Sie sind gebürtiger Jöhlinger. War diese Tatsache in Ihrer Bürgermeisterzeit für Sie eher ein Vorteil oder manchmal auch eine Belastung?
Karl-Heinz Burgey: Mal so, mal so. Um die Gemeinde, ihre Einwohner und spezifische Anforderungen besser zu verstehen, war es ein Vorteil. In verschiedenen Situationen war es eher ein Nachteil: In Wössingen wurde ich misstrauisch gesehen, in Jöhlingen mit teilweise falschen Erwartungen.

Kinderbetreuung mit Kurs auf 100 Prozent, ein engmaschig geknüpftes soziales Netz, mehr Wohn- und Gewerbegebiete, Einstieg in eine bessere Breitbandversorgung, ein neues Rathaus und demnächst ein neues Pflegeheim sowie ein Gesundheitszentrum in Jöhlingen - Ihre Bilanz der letzten fast 16 Jahre kann sich sehen lassen. Worauf sind Sie besonders stolz?
Besonders stolz bin ich auf die Ergebnisse in den Bereichen Kinderbetreuung, Seniorenbeirat und Arbeit im Gemeinderat. In der Kinderbetreuung haben wir die Zahl der Plätze deutlich gesteigert, alle Einrichtungen haben ein sehr gutes Niveau der pädagogischen Arbeit, sehr flexible, modulare Angebote, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bestmöglich zu unterstützen.
In der Seniorenarbeit haben wir Plätze geschaffen für stationäre Pflege, Tagespflege, seniorengerechtes barrierefreies Wohnen, offene Begegnungsstätten und ein engmaschiges „Soziales Netz“ mit vielen Akteuren. Damit können wir den Verbleib in der eigenen Wohnung so lange als möglich unterstützen.
Die Arbeit im Gemeinderat war ausgerichtet auf Erfordernisse und Ergebnisse, sachorientiert und vertrauensvoll – alle wichtigen Themen waren über Fraktionsgrenzen hinaus und nicht nach Ortsteilen ausgerichtet.

Wenn man sich Ihre Bilanz anschaut, dann scheinen sich die Erfolge gegen Ende Ihrer zweiten Amtszeit zu häufen: Stimmt der Eindruck, dass eine einzige achtjährige Amtszeit im Grunde nicht ausreicht, um etwas Wesentliches für eine Gemeinde zu erreichen?
Zwei Amtszeiten sind ideal. In den ersten Jahren braucht man Zeit für begonnene Projekte, auch um Akteure und Zusammenhänge kennenzulernen, neue Projekte zu entwickeln. Dazu kommt, dass viele Projekte heute leider sehr lange Vorlauf- und Planungszeiten benötigen.

Aber in einem Punkt können Sie eigentlich nicht ganz zufrieden sein: Die durch das Internet beschleunigte Strukturkrise des örtlichen Einzelhandels und somit der Nahversorgung ist auch durch die erfolgreiche Ansiedlung eines neuen, größeren REWE-Markts in Wössingen nicht abschließend überwunden. Wie gehen Sie mit der Enttäuschung über die Begrenztheit Ihrer eigenen Einflussmöglichkeiten um?
Die Gemeinde ist heute funktional in der Nahversorgung gut und zukunftssicher aufgestellt. Aber durch den Wegfall vieler kleiner Geschäfte gehen nicht nur Einkaufsmöglichkeiten verloren. Schwerer wiegt aus meiner Sicht der gesellschaftliche und soziale Aspekt. Daher war es sehr enttäuschend und ernüchternd, dass die eigenen Möglichkeiten begrenzt sind. Ein wenig tröstet, dass dies kein spezifisches Problem in Walzbachtal, sondern ein Strukturproblem landesweit ist.

Einzelhandelskrise, Flüchtlingskrise - wiederholt mussten Sie auf unvorhersehbare gesellschaftliche Entwicklungen reagieren, für deren Bewältigung es kein Lehrbuch gibt. Hat Ihnen dabei geholfen, dass Sie als kommunalpolitischer Quereinsteiger zuvor langjährige Berufserfahrung in einem ganz anderen Bereich, nämlich bei der Deutschen Bahn, sammeln konnten?
Ja. Für mich waren die beruflichen Erfahrungen aus anderen Bereichen sehr wertvoll und hilfreich.

Mit seinem Sozialen Netz gilt Walzbachtal landkreisweit als Vorbild: Was fehlt aus Ihrer Sicht noch auf sozialem Gebiet in Walzbachtal?
Die Wohn- und Sozialberatung muss noch ausgebaut werden. Außerdem brauchen wir gute Ideen, um das bisher große ehrenamtliche Engagement langfristig zu sichern.

Was möchten Sie bis zum Ende Ihrer Amtszeit noch erreichen?
Ich kann leider nicht alle begonnenen Projekte abschließen. Besonders wichtig ist mir, dass wir in verschiedenen Aufgabenbereichen bis zum Sommer, das heißt auch zum Ende der Amtszeit des Gemeinderates, über Konzepte der Infrastruktur entscheiden können, zum Beispiel für Abwasser, Hochwasservorsorge, Klimaschutz, Krisenmanagement.

In welchem finanziellen Zustand werden Sie die Gemeinde übergeben?
Walzbachtal war immer strukturell eher finanzschwach. Dennoch ist es uns gelungen, mit klaren Prioritäten und Zuschüssen von Land und Bund viele Projekte zu realisieren. Das neue Haushaltsrecht ist eingeführt und zeigt uns zusätzliche Probleme auf. Die Verschuldung liegt über dem Landesdurchschnitt, ist aber begründet in notwendigen Projekten der Infrastruktur. Diese Projekte sind langfristig günstig finanziert. Der Ergebnishaushalt ist besonders belastet durch hohe Ausgaben im Bereich Kinderbetreuung und Hort – da sehe ich auch keine spürbaren Entlastungen, wenn man die Eltern nicht deutlich stärker finanziell belasten möchte.

Sie haben gesagt, dass Sie sich nach Ihrem Ausscheiden zwar nicht mehr in der Kommunal- und Kreispolitik, wohl aber – ich zitiere - „in verschiedenen Bereichen“ vor Ort engagieren werden? Was meinen Sie damit?
Ich möchte mich in der Vereinsarbeit stärker engagieren – hierzu habe ich schon einige konkrete Vorstellungen.

Wird dazu irgendwann auch der von Ihnen ins Leben gerufene Seniorenrat gehören?
Der Seniorenbeirat hat in den vergangenen Jahren sehr gute Arbeit geleistet, er ist derzeit gut besetzt.

Verraten Sie uns zum Schluss noch etwas von Ihren privaten Plänen für den Ruhestand? Vielleicht ein Hobby pflegen oder Reisen unternehmen?
Zunächst freue ich mich, wenn der enorme Verantwortungs- und Zeitdruck wegfällt. Die neue Freizeit möchte ich gestalten mit Dingen wie Zeit für Familie, Lesen, Wandern, Reisen, Beschäftigung mit Familien- und Ortsgeschichte – aber auch „altes Hobby“ wieder aktivieren, wie zum Beispiel Singen oder Schach spielen. Da gibt es viele interessante Möglichkeiten und Vorhaben. Aus der Kommunalpolitik werde ich mich konsequent heraushalten.

Die Fragen stellte Chris Heinemann

Autor:

Chris Heinemann aus Bretten

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