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Interview mit Bürgermeister Thomas Nowitzki
"Unser ganzes Leben auf den Kopf gestellt"

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Oberderdingen (bea) Das Jahr 2020 war für die Gemeinde Oberderdingen ein Jahr voller Herausforderungen. Der Gemeinderat musste am 11. November einen Nachtragshaushalt mit einem Fehlbetrag von rund vier Millionen Euro beschliessen. Zum Jahresende sprach die Brettener Woche/kraichgau.news mit Bürgermeister Thomas Nowitzki über das vergangene Jahr und die Aussichten für 2021.

Herr Nowitzki, welche Auswirkungen hatte Corona im laufenden Jahr auf die Gemeinde Oberderdingen?
Corona hat unser ganzes Leben auf den Kopf gestellt. Für die Verwaltung haben die Pandemie und die damit verbundenen Aufgaben viel Arbeit gebracht. Wir haben gut 500 Verfügungen für Infizierte und Kontaktpersonen ersten Grades erlassen, mit dem Gesundheitsamt abgestimmt und zugestellt. Doch auch in den Schulen und Kindergärten hat uns Corona beschäftigt, es gab kein Feld, in dem wir nicht gefordert waren. Für viele Menschen außerhalb der Verwaltung lief das Leben normal weiter. Doch die Regelungen der Landesregierung kamen oft am Freitag und sollten am Montag bereits umgesetzt werden, da mussten wir auch am Wochenende arbeiten. Insgesamt gab es intern eine Menge an Informationen zu besprechen.

Welche Auswirkungen hatte Corona in Bezug auf die Kindergärten und Schulen?
Wir hatten noch keine dramatischen Vorfälle in den Betreuungseinrichtungen, auch wenn wir mal einen positiv getesteten Schüler hatten. Der Geschäftsführende Schulleiter, Herr Svoboda, hat mit sehr viel Augenmaß gehandelt und war unglaublich gut mit den Kolleginnen und Kollegen vernetzt. Bei den Erzieherinnen war das genauso. Sollen die Kindergärten geschlossen werden oder nicht und wie kann ein Schichtbetrieb aussehen, das waren die Hauptfragen. Doch alle haben an einem Strang gezogen und zusammengehalten, das ist sehr positiv.

Welche Auswirkungen gab es auf den Haushalt?
Der Gemeinderat hat in der Novembersitzung den Nachtragshaushalt korrigiert. Wir haben deutlich weniger Einnahmen im Steuerbereich verzeichnen können. Wir haben einen Fehlbetrag von etwa vier Millionen Euro prognostiziert. Dadurch sind auch unsere Reserven zusammengeschmolzen und wir müssen den Haushalt 2021 auf Sicht fahren, denn der Lockdown, der ab 16. Dezember begonnen hat, hat Einflüsse auf die Gewerbe- und Umsatzsteuer und als Konsequenz erhalten wir geringere Zuweisungen aus Einkommensteuer und dem Finanzausgleich. Deswegen werden wir später in die Haushaltsberatungen gehen, als üblich.

Wie hat sich Corona auf das Leben in Oberderdingen ausgewirkt?
Wir hatten nur 14 Präsenzsitzungen des Gemeinderats, normaler Weise sind es mehr. Ebenfalls gab es 20 Prozent weniger Ausschusssitzungen. Auch für die Fortschreibung des Flächennutzungsplans hätten wir gerne mehr Öffentlichkeitsarbeit geleistet und mehr Bürgerbeteiligung gehabt, aber durch das Virus mussten wir diese aussetzen. Und ich bin kein Fan von einer online Bürgergeteiligung. Weiterhin war die Spielscheune seit März geschlossen. In diesem Jahr sind in den ersten drei Monaten nur 1.300 Kinder dort gewesen, anstatt der sonst 5.000 Kinder pro Jahr. Positiv war auch die Einwohnerentwicklung. Wir haben rund 200 neue Einwohner und damit über 11.300 Einwohner in Oberderdingen. Die Zahl war noch nie so hoch. Insgesamt sind 64 Familien neu zugezogen. Die Nachfrage an Wohnraum ist jedoch unverändert hoch. Wir haben in den Planungen in diesem Jahr drei kleine Baugebiete erschlossen. Jedes davon hat eine Fläche von zwei bis zweieinhalb Hektar mit jeweils 25-30 Bauplätzen. Darunter auch Grundstücke für Mehrfamilienhäuser.

Im Baugebiet Zimmerplatz II hat der Denkmalschutz Grabungen angekündigt. Ist es nicht schön so viele historische Funde auf Oberderdinger Gemarkung zu haben?
Ja, schön ist es schon. Es ist nur so: der Denkmalschutz ordnet an und wir dürfen bezahlen, weil wir die Erschließung gemacht haben. In den vergangenen 30 bis 40 Jahren gab es bereits zigfache Funde. Die Frage dabei ist nur, wie tief die daraus gewonnene Kenntnis ist. Ärgerlich ist, dass der Denkmalschutz nicht bereits am Anfang Arbeiten angemeldet hat, als wir das Gebiet erschlossen haben. Erst als Hobbyarchäologen etwas gefunden haben, hieß es, dass der Denkmalschutz dort doch graben möchte. Davon sind nicht alle Grundstücke betroffen. Der erste Bauplatzbesitzer hat die Baufreigabe vom Landratsamt schon erhalten.

Welche Besonderheiten gab es in diesem Jahr außerhalb von Corona?
Eine große Sorge war in diesem Jahr der Wald. Oberderdingen hat einen 520 Hektar großen Gemeindewald. Vom üblichen Hebesatz waren 60 Prozent Schadholz, dadurch haben wir einen deutlichen, wirtschaftlichen Verlust erlitten. Um den Schäden von Borkenkäfer, Trockenheit und Sturm etwas entgegen zu setzen, haben wir in diesem Jahr 14.000 Bäume neu gepflanzt. Eine Besonderheit war auch die E.G.O.-Pflanzaktion, bei der die Firma einen Baum pro Mitarbeiter gespendet hat. Bei den Bauprojekten ist ganz klar die Fertigstellung des FilpleBad Oberderdingen zu nennen. Doch aufgrund von Corona haben wir es nur sechs Wochen lang öffnen dürfen. Auch sind wir mit der Sanierung der neuen Ortsmitte weitergekommen, die wir hoffentlich bis 2022 fertigstellen. Zu den Großprojekten gehören aber auch der Ausbau der Adalbert-Stifter-Straße und die Digitalisierung der Schulen. Bei diesen ist das Nahwärmenetz, bei der katholischen Pfarrgemeinde der Kindergarten zu nennen.

Es war geplant in diesem Jahr einen Klimaschutzbeauftragten einzustellen, warum hat das nicht funktioniert?
Wir haben darüber noch nicht beschlossen. Wir werden 2021 in den European Energy Award (EEA) einsteigen, was wir schon im Sommer beschlossen haben. Frau Schwegle von der Umwelt- und Energieagentur Kreis Karlsruhe wird den Verfahrensprozess im Gemeinderat vorstellen und dann werden wir über einen Klimaschutzbeauftragten beraten.

Auch wenn der Haushalt im kommenden Jahr auf Sicht gefahren werden muss, was wird in 2021 in Oberderdingen passieren?
Die Baudurchführungen des katholischen Kindergartens Flehingen, der "Neuen Ortsmitte" und Straßenausbauten. Auch soll ein weiterer Bauabschnitt der Amthofmauer saniert werden. Dann werden wir uns noch mit Zukunftsplanungen beschäftigen und uns überlegen wohin die Entwicklung gehen soll. Dazu gehören der Wohnraumbedarf, das neue Seniorenzentrum in Richtung Sternenfels, für das wir die Infrastruktur herstellen, damit der Investor gegen Ende des Jahres mit dem Bau beginnen kann. Auch werden wir an der ärztlichen Versorgung weiterarbeiten und die Planungen über nächstes Jahr hinaus vorantreiben. In Großvillars steht der Umbau des ehemaligen Gasthauses Traube zu sieben geförderten Mietwohnungen an und die Sanierung der Heilbronner Straße ab Januar. Das bedeutet erhebliche Behinderungen für den Verkehr und eine Umleitung über Bretten. Davon werden auch die Busse von Oberderdingen in Richtung Knittlingen betroffen sein, die ausgesetzt oder umgeleitet werden müssen. Das muss noch entschieden werden.

Wie sieht es denn mit der Zabergäubahn aus?
Das ist ein entscheidendes Thema für den Flächennutzungsplan, weil eine Trasse ausgewiesen werden muss. Ich habe bereits Gespräche mit dem Landkreis Karlsruhe geführt. Der Landrat ist vom Kreistagbeauftragt, Gespräche mit den betroffenen Städten und Landkreisen, also Heilbronn und dem Enzkreis, zu führen. Dann sollte eine erste Korridorstudie auf den Weg gebracht werden, um die Rahmenbedingungen zu klären. Wichtig zu wissen ist: wenn die Zabergäubahn kommt, gibt es eine Chance für die Westanbindung, sonst gibt es nichts.

Und zum Schluss: was wünschen Sie sich für das nächste Jahr?
Zunächst einmal, dass die Pandemie im Lauf des Jahres durch Impfzentren und Abklingen zurückgeht und somit das Leben in der Gesellschaft wieder ermöglicht. Der FC Flehingen hätte in diesem Jahr sein 100-jähriges Bestehen gefeiert, doch die Feierlichkeiten mussten abgesagt werden. Die Vereine hatten auch Probleme bei ihrer Jugendarbeit, es war keine Musik, kein Gesang und kein Training möglich. Die Einweihung für das FilpleBad Oberderdingen wollen wir im Mai 2021 nachholen, damit die Menschen wieder zusammenkommen können. Denn die Gesellschaft braucht Veranstaltungen und es ist mein Wunsch, dass das wieder möglich wird.

Autor:

Beatrix Drescher aus Bretten

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