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Pestizide sind in Luft, Wasser und Essen
Während in der EU gefährliche Pestizide verboten sind, gelangen sie doch auf unsere Teller

Der Pestizidatlas informiert über den weltweiten Einsatz von Pestiziden.
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Bretten/Region (bea) "Im Bier und im Honig, auf Obst und Gemüse, im Gras auf Spielplätzen und sogar im Urin und in der Luft – überall lassen sich mittlerweile Spuren von Pestiziden aus der Landwirtschaft nachweisen." So lautet der erste Satz im Pestizidatlas 2022, den Heinrich-Böll-Stiftung, BUND und PAN (Pestizid Aktions-Netzwerk) Deutschland aktuell veröffentlicht haben. Darin ist Deutschland als eines der größten Pestizid-Exportländer der Welt angegeben, aus dem Pestizide geliefert werden, deren Einsatz innerhalb von Europa verboten ist.

Mit Pestiziden behandelte Lebensmittel werden nach Deutschland importiert

Die damit behandelten Lebensmittel würden trotzdem wieder nach Deutschland importiert, kritisiert Alexander Kern, Landwirt in Diedelsheim. "Und das ist gerade die Krux." In diesen Ländern gebe es oft keine Standards und daher stelle dieser nicht geregelte Import eine Konkurrenz für die deutschen Landwirte dar. "Wenn etwas verboten wird, dann auch bitte für alle", fordert er. Glücklicherweise sei Glyphosat nun kein Thema mehr, da es aufgrund des Insektenschutzpakets des Bundes seit 9. September 2020 in Wasserschutzgebieten nicht mehr eingesetzt werden dürfe. So müsse er sich wenigstens der Diskussion um dieses Pestizid nicht mehr stellen, sagt Kern. Doch um den Ackerboden vom weiterhin wachsenden "Unkraut" und somit der Konkurrenz des angebauten Saatguts zu befreien, hat Kern einen Flachgrubber für rund 15.000 Euro kaufen müssen.

Extremwetterereignisse könnten zu zusätzlicher Erosion führen

Mit diesem Arbeitsgerät verbrauche er allerdings mehr Diesel und durch das Abschneiden der "Unkräuter" in einer Bodentiefe von rund zwei bis drei Zentimetern komme es außerdem zu einer Lockerung des Bodens. Das bedeute, dass mehr CO2 freigesetzt werde und die gelockerte Erde bei starkem Wind oder Starkregen schneller erodieren könne. "Das werden wir bei uns im hügeligen Kraichgau dann auch merken", sagt Kern. Die im Atlas angesprochenen Extremwetterereignisse hat der Landwirt in der Vergangenheit bereits zu spüren bekommen. Die Humusschicht wurde beim Starkregen von 2015 vom oberen Teil eines von ihm bewirtschafteten, am Hang gelegenen Ackers nach unten geschwemmt. So werde es schwierig, die Nahrungsversorgung vor Ort zu sichern, kommentiert Kern, denn dafür benötige man dann wieder Pestizide.

Gefälschte Pestizide im Wert von 94 Millionen Euro beschlagnahmt

Weltweit werden laut Pestizidatlas jährlich rund vier Millionen Tonnen Pestizide ausgebracht, darunter 50 Prozent Herbizide, 33 Prozent Insektizide und 17 Prozent Fungizide.  Das ist für die Hersteller lukrativ, denn in 2019 war der Pestizidmarkt etwa 84,5 Milliarden US-Dollar schwer. Nach einer Prognose wird dieser Wert 2023 sogar ganze 130,7 Milliarden US-Dollar betragen. In der EU und sechs weiteren Nicht-EU-Staaten sind zwischen Januar und April 2020 zudem gefälschte Pestizide im Wert von 94 Millionen Euro beschlagnahmt worden. Das sei laut den Autoren "hochgefährlich und hochprofitabel". Dazu komme, dass gentechnisch verändertes Soja, dessen Anbau in Deutschland verboten ist, in Brasilien in einem Jahrzehnt zu einer Verdoppelung des Glyphosateinsatzes geführt habe.

"Es ist nicht immer alles Gift, was in der Spritze ist"

In Deutschland werden laut Atlas jährlich zwischen 27 und 35 Tonnen Pestizide verkauft, darunter 49 Prozent Herbizide, 37 Prozent Fungizide, neun Prozent Wachstumsregulatoren, drei Prozent Insektizide und zwei Prozent sonstige. Alexander Kern nutzt für seine Kulturen rund 20 verschiedene Pestizide. Doch: "Es ist nicht immer alles Gift, was in der Spritze ist", sagt er. Tagsüber bringe er auch Komposttee und aktive Mikroorganismen aus. Auch auf Insektizide verzichtet der Diedelsheimer Landwirt, da er keinen Raps anbaue und diese Mittel somit nicht benötige, wie er sagt.

Zu hohe Konzentration von Pestiziden in vier von fünf der 100 untersuchten Bäche

In einer Studie des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung und des Umweltbundesamts, in der im Frühjahr und Sommer 2018/2019 insgesamt 100 kleine Fließgewässer in zwölf Bundesländern auf Pestizidrückstände untersucht wurden, stellte sich heraus, dass die zulässige Konzentration in vier von fünf Fließgewässern überschritten wurde. In jedem dritten Bach seien sogar mehrere Pestizide ebenfalls in einer zu hohen Konzentration gefunden worden. Einen Eintrag in Gewässer will Kern nicht ausschließen, dennoch gibt er an, dass die Mittel in der Regel auf den Ackerböden blieben. Außerdem würde durch Schmelzwasser von der Straße Salz und Reifenabrieb in die Fließgewässer eingetragen.

Pestizide werden vom Wind auch 1.000 Kilometer weit getragen

Auch die Abdrift, ein feiner Sprühnebel, der beim Spritzen von Pestiziden entsteht, sei laut Pestizidatlas ein Problem. Demnach würde diese durch Winde hunderte oder gar 1.000 Kilometer weit getragen. Eine 2020 veröffentlichte Studie vom "Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft" und dem Umweltinstitut München zeigte, dass an 163 Standorten in Deutschland Spuren von 138 Pestiziden nachgewiesen werden konnten, die auf dem Luftweg an die Messstationen gelangt waren. Dabei seien 30 Prozent der gefundenen Stoffe in Deutschland nicht oder nicht mehr zugelassen, wie beispielsweise DDT (Dichlordiphenyltrichlorethan).

Wegen Pflanzenschutz- und Düngemittelknappheit könnten Kulturen nicht ausreichend geschützt werden

Derzeit gebe es ohnehin eine Pflanzenschutzmittel-Knappheit, da China die Phosphatproduktion für das Ausland zurückgefahren habe. Das gelte auch für Düngemittel. "Man kriegt keine Ware", sagt Kern. Gleichzeitig seien die Preise explodiert. Das bedeutet, dass auch der Vorrat des Landwirts nicht für alle von ihm angebauten Kulturen reiche und somit ein Teil der Ernte nicht vollständig geschützt werden könnte. "Vielleicht ist das für den Verbraucher gut, damit er versteht, dass man auch das braucht, was bei uns vor Ort auf dem Acker wächst."

Zielkonflikte zwischen Ernährungssicherung, Ökologie, Wohn- und Gewerbegebieten und erneuerbaren Energien

Inzwischen habe Frankreich laut Pestizidatlas für 2022 ein Gesetz beschlossen, dass die Herstellung, Lagerung und den Export von in der EU verbotenen Pestiziden verbietet. In Deutschland haben bereits 550 Städte beschlossen, nicht länger Pestizide auf ihren Grün- und Freiflächen anzuwenden, darunter viele Gemeinden und Städte in der Region. Mehrere haben bezüglich des Einsatzes von Pestiziden aber gar keine Vorgaben. Ein solches Verbot gelte laut Atlas jedoch nicht für die in öffentlicher Hand liegenden landwirtschaftlichen Flächen. Auch die Stadt Bretten hatte vor Jahren, nach einer Diskussion im Gemeinderat, die Chance vertan, das umstrittene Glyphosat von ihren durch Landwirte genutzten Flächen zu verbannen. "Diese Diskussion ist vielschichtig", sagt der Brettener Oberbürgermeister Martin Wolff. Es gebe den#%Zielkonflikt zwischen der Ernährungssicherung durch die Landwirte vor Ort und der Ökologie. Dazu komme das Thema Wohn- und Gewerbegebiete sowie dringend benötigter Wohnraum und erneuerbare Energien.

Keine Düngung oder Pestizide bei Pachtverträgen in Oberderdingen

"Die Produktionsfläche, die bei uns wegfällt, wird an anderer Stelle entstehen." So könne es sein, dass dafür auch Urwald abgeholzt würde. Dennoch bräuchten Landwirte immer mehr landwirtschaftliche Fläche, um ihre eigene Familie zu ernähren. In Oberderdingen werden jedoch Pachtverträge von gemeindeeigenen #%Grundstücken so gestaltet, #%"dass auf jegliche#%Düngung und auf chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel verzichtet werden muss".

Laut Pestizidatlas gilt in Luxemburg sogar seit 2021 das Verbot, Glyphosat auf landwirtschaftlich genutzten Flächen einzusetzen. Dies wird laut Kern in Deutschland erst 2023 der Fall sein.

Subventionen und Beratungsleistungen für umstellungswillige Landwirte

Zwar spricht sich Gerhard Dittes, Vorsitzender des BUND Bretten, eindeutig für die Abschaffung von Pestiziden aus, doch fordert er gleichzeitig Subventionen und Beratungsleistungen für umstellungswillige Landwirte seitens der Europäischen Union (EU). "Ein Landwirt wird nicht von heute auf morgen zum Bio-Bauern, nur weil er gewisse Pestizide nicht mehr einsetzen darf." Eine Umstellung dauere ihre Zeit und diese müsse mit Geldern aus Brüssel überbrückt werden. Und zwar nicht nach angebautem Hektar, da sonst nur Großbetriebe profitieren würden, stellt Dittes klar.

"Was die Gesellschaft derzeit macht, ist nicht nachhaltig"

Die EU müsse vielmehr dafür sorgen, dass kein Ungleichgewicht herrsche, das gelte auch für pestizidbelastete Produkte, die derzeit problemlos aus dem Ausland importiert werden könnten, sagt der BUND-Mann. Ein erster Schritt für eine insektenfreundlichere Landwirtschaft seien die angelegten Blühstreifen, beispielsweise in Bretten, dafür könne sich eine Gemeinde oder Stadt einsetzen. Jeder Bürger könne außerdem durch den Kauf von Bioprodukten den Landwirten eine Richtung für deren künftige Produktion vorgeben. "Was die Gesellschaft derzeit macht, ist nicht nachhaltig", sagt Dittes. Ein leuchtendes Beispiel sei der "Malser Weg", ein Zusammenschluss von Bürgern, die gegen den Einsatz von Pestiziden in ihrer Gemeinde kämpften.

Autor:

Beatrix Drescher aus Bretten

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